Der Feldzug gegen Bargeld

12. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Das Bestreben, die Bargeldverwendung zu erschweren, ist ein weiterer Schritt, durch den der Staat Freiheitsrechte verletzt und zerstört. Die Debatte um das Ende des 500-Euro-Scheins zieht globale Kreise…

Vorige Woche forderte Ex-US-Finanzminister Lawrence Summers nicht nur die Abschaffung der 100 US-Dollarnote. Schon auf dem nächsten G20-Gipfel im September in China sollten die führenden Wirtschaftsmächte in einem Abkommen alle großen Geldscheine verbannen, so der Harvard-Professor, dessen Unterschrift noch heute auf zahllosen Greenbacks zu finden ist.

In der politisch-medialen Debatte wird gern argumentiert, durch eine Bargeldeinschränkung ließen sich Geldwäsche, Terrorismus oder Steuerhinterziehung wirksam entgegentreten. Doch das Ende der 500-Dollar- und noch größeren Scheine 1969 hat die kriminellen Aktivitäten in den USA nicht zurückgedrängt – stattdessen werden eben mehr 100er oder 50er genutzt.

Hinter dem Vorhaben, Bargeldzahlungen zu beschränken, verbirgt sich etwas ganz anderes: Die Staaten wollen Negativzinsen einführen. So sollen die aus dem Ruder gelaufenen Staats- und Bankschulden entwertet werden. Werden aber Negativzinsen auf Bankeinlagen erhoben, werden die Kunden versuchen, sich der Enteignung zu entziehen – indem sie ihre Guthaben in bar abheben. Ohne Bargeld wäre dieser Fluchtweg versperrt.

Die Attacke auf die Banknoten wird von namhaften Ökonomen unterstützt. Sie behaupten, der „natürliche Zins“ sei mittlerweile negativ. Die Zentralbanken müssten daher den Einlagezins unter null drücken, weil sich nur so Wachstum und Beschäftigung fördern ließen. Doch der „natürliche Zins“ kann nicht negativ sein, denn das ist derjenige Zinssatz, der sich ohne Manipulation durch die Zentralbank einstellen würde. Die Negativzinspolitik ist zudem nicht nur Heil-kur, sondern sie verursacht schwerwiegende wirtschaftliche Schäden, wie jeder Sparer am eigenen Konto erkennt.

»Die Bargeldbeschränkung erleichtert es den Staaten, Negativzinsen einzuführen.«

Der Bargeldentzug greift zudem in die Freiheitsrechte der Bürger ein. Der Bürger hätte dann bei Zahlungen keine Wahlmöglichkeit mehr, denn der Staat hält ja das Zwangsmonopol der Geldproduktion. Zieht der Staat das Bargeld ein, müssen alle Transaktionen elektronisch abgewickelt werden.

Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis der Fiskus quasi in Echtzeit erfährt, wer was wann kauft, und wer wann wohin reist. Der Bürger ist vollends gläsern – und seine Privatsphäre ist endgültig perdu. Allein schon die prinzipielle Möglichkeit, jederzeit ungewollt bespitzelt werden zu können, verletzt fundamentale Freiheitsrechte des Bürgers.

Das Vorhaben, die großen Geldscheine abzuschaffen – ist symptomatisch für das Grundproblem unserer Zeit: Der Staat – der territoriale Zwangsmonopolist, der zum obersten Richter für alle Konflikte mutiert ist – ist dabei, immer mehr Freiheiten der Bürger und Unternehmer zu unterwandern, einzuschränken und letztlich zu zerstören.



Die übersehene Inflation

Die Geldentwertung vollzieht sich weniger über die Lebenshaltungskosten, sondern vielmehr durch steigende Vermögenspreise.

Eine ökonomische Gesetzmäßigkeit lautet: Das Ausweiten der Geldmenge treibt die Güterpreise in die Höhe. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn ein Ansteigen der Bankkredite mit einem Ansteigen der Aktienkurse verbunden ist. Denn im heutigen ungedeckten Papiergeldsystem bringen Banken durch ihre Kreditvergabe unaufhörlich neues Geld in Umlauf. Das neue Geld treibt nicht nur Konsumgüterpreise, sondern auch zum Beispiel Aktienkurse in die Höhe.

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Nun könnte man auf die Idee kommen, die Entwicklung der Konsumentenpreise den Aktienkursen gegenüberzustellen – und aus der Differenz zwischen beiden auf „Vermögenspreisinflation“ zu schließen.

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Doch so einfach sind die Dinge nicht. Denn die Aktienkurse sind natürlich nicht nur aufgrund einer wachsenden Geldmenge gestiegen. Sie sind auch gestiegen, weil Unternehmen im Zeitablauf „wertvoller“ geworden sind. Dahinter verbirgt sich natürlich der wirtschaftliche Fortschritt.

In einer erfolgreichen Volkswirtschaft gibt es üblicherweise technologische Innovationen, die zu Produktivitätsgewinnen führen. Die Unternehmerschaft sorgt dafür, dass die Volkswirtschaft reicher wird.

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Um sich näherungsweise ein Bild zu machen, ob und inwieweit die Geldmengenausweitung die Vermögenspreise inflationiert, kann man die Entwicklung der Konsumentenpreise den Entwicklungen der um Produktivitätszuwächse bereinigten Aktienkurse gegenüberstellen. Eine solche Darstellung zeigt, dass die Aktienpreise seit etwa Beginn der 1980er Jahre im Trendverlauf merklich stärker angestiegen sind (also inflationiert haben) als die Konsumgüterpreise.

Anleger sollten also nicht der Versuchung erliegen, die offiziellen Konsumentenpreisstatistiken als „die richtige“ Inflationsmessung zu akzeptieren. Sie sind es nämlich nicht. Man sollte sich vielmehr bewusst machen, dass steigende Preise letztlich die Folge einer anwachsenden Geldmenge sind; und dass steigende Aktienkurse, wenn sie nicht einhergehen mit einem Rückgang anderer Preise, die Kaufkraft genauso schmälern wie steigende Konsumgüterpreise.

Steigende Aktienkurse machen eine Volkswirtschaft nicht reicher. Derjenige, der Aktien besitzt deren Kurse steigen, wird zwar reicher. Aber derjenige, der Geld hält, wird entsprechend ärmer: Er erhält nunmehr weniger Aktien für sein Geld. Steigende Vermögens- beziehungsweise Aktienpreise sind (wenn sie nicht durch einen Rückgang anderer Preise begleitet sind) ein Indiz für Inflation – eine Form der Inflation, die meist übersehen wird, eine Inflation, die viele immer noch übersehen, obwohl sie die Kaufkraft des Geldes schmälert.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

2 Kommentare auf "Der Feldzug gegen Bargeld"

  1. Herentrey sagt:

    Sehr geehrter Herr Polleit,

    toller Artikel. Er enthält leider einen Widerspruch

    „denn der Staat hält ja das Zwangsmonopol der Geldproduktion. “
    und
    „Denn im heutigen ungedeckten Papiergeldsystem bringen Banken durch ihre Kreditvergabe unaufhörlich neues Geld in Umlauf. “

    Wenn die Dinge und Fakten in dem Buch „Wer regiert das Geld“ stimmen, dann
    ist es eine gute Idee zu jeder sich gebenden Möglichkeit dieses zu bennenn.
    Private Banken erzeugen Geld aus dem „Nichts“.
    Die Gelderzeugung, die Geldhoheit gehört in Staatshände. Mit Staat meine ich einen
    Rechtsstaat mit einer Demokratie und nicht das was zur Zeit in Deutschland als Staat
    herrscht.

    • cubus53 sagt:

      Hallo Herentrey,

      das ist (leider) kein Widerspruch. Der Staat braucht die Banken zur Staatsfinanzierung. Aus diesem Grund werden Banken vom Staat hofiert. Das geht soweit, dass Banken dem Staat Gesetze vordiktieren können, oder aber der Staat (also wir Steuerzahler) für die Verluste der Banken in Haftung geht. Insofern kann man den Staat und die Banken als ein Ehepaar betrachten, das zusammen an einem Strang zieht. Ob man nun dem Ehemann die Geldhoheit anvertraut oder der Ehefrau, macht keinen Unterschied – auch nicht in einem Rechtsstaat, denn der macht am Ende des Tages genauso viele Schulden wie ein Unrechtsstaat.

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