Der Duce grüßt den Bärenmarkt

22. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Aktienkurse versuchen sich weiter von den Realitäten zu entkoppeln. Ausreden gibt es wie immer genug. So müssen auch Aktien, die keine Dividenden zahlen und nicht einmal Gewinne erzielen als Alternative zu Anleihen herhalten. Die Unternehmensgewinne interessiert das alles nicht, sie sinken im stabilen Abwärtstrend.

Die aktuelle Berichtssaison unterscheidet nicht sonderlich von den vorangegangenen Quartalen. Die Umsätze enttäuschen, die Gewinne sinken und da die Kurse sich halbwegs halten werden die Aktien schlichtweg teuer. Die Bewertung vieler Aktienmärkte ist enorm hoch. Die Einsicht, dass dies so ist, fällt vielen Zeitgenossen nicht leicht, solange die Kurse nicht fallen.

Bei Anleihen fällt dies vielen Menschen leichter. Das liegt offensichtlich an der ausdrücklich ausgewiesenen Rendite einer Anleihe auf Grund der festgelegten Kupons und der feststehenden Fälligkeit. Bei einer Aktie sind die Zahlungen unsicher und die Laufzeit ist endlos. So kann sich jeder seine Wunschrendite basteln, denn mit den passenden Annahmen kommen auch die passenden Renditen heraus. Ändern sich Faktoren, so wie die ständig sinkendenen Gewinne, so lässt sich dies durch eine Anpassung anderer Parameter schnell ausgleichen. Ohne die notwendige Objektivität greift, was unschwer zu erkennen ist, das „garbage in, garbage out“ Prinzip. Und an garbage ist kein Mangel.

Aus vielen schönen Beispielen kann man derzeit auswählen. Hier der Verlauf der Nettoverschuldung und des Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 Aktienindex.

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Wenn man schon teuer ist, dann wenigstens ordentlich gehebelt. Das alles sieht nicht schön aus, was viele nicht daran hindert, die Dinge schönzureden. Man hält sich an Aussagen fest, die man liebgewonnen hat, ohne diese regelmäßig oder auch nur ein einziges Mal zu überprüfen. Jeder kennt solche Ausagen. Man denke an „europäische Aktien sind billiger als US-Aktien“ oder auch „langfristig steigen Aktien um XY% jährlich“. Dazu gesellen Anmerkungen zur desolaten Lage in Ländern wie Italien, Portugal oder Spanien die unabhängig von der Situation selbst gerne mit dem Satz kommentiert wird „die haben schon soviel gemacht“. Hüten Sie sich davor, nachzufragen, was genau wer in diesen Ländern wann gemacht und nicht nur angekündigt hat. Der Satz jemand habe schon viel gemacht erinnert leider sehr an das ebenso unsägliche wie vielzitierte „hat sich stets bemüht“ aus dem großen Firlefanz deutscher Personalbeurteiler.

Das Urteil der Anleihekäufer ist bisher eindeutig. Jeder Kauf wird mit den Maßnahmen der EZB gerechtfertigt. Dazu gesellen sich wirre Vergleiche zwischen Cash und Anleihen. So hält manch einer eine Anleihe mit 30 Jahren Laufzeit und einem Prozent Rendite nur deshalb attraktiv, weil auf dem Konto minus 0,4% fällig werden. Ein leider sehr eindimensionaler Vergleich, denn ein mikroskopischer Renditeanstieg sorgt für Kursverluste der Anleihe, die die minus 0,4% plötzlich wie einen fernen Traum erscheinen lassen. Man kann schauen wohin man will und erblickt skurrile Blüten im Anleihegarten.

Wie wäre es etwa mit einer 50-jährigen italienischen Staatsanleihe mit 2,9% Rendite? 50 Jahre sind in einem Land wie Italien doch ein überschaubarer Rahmen mit seit 1945 etwa 65 Regierungen. Was soll da schon schief gehen. Immerhin ist Mussolini auch schon 71 Jahre tot also in etwa solange wie das letzte Mammut. Die Sensitivität der aktuellen 50-jährigen Anleihe ist nicht von Pappe. Ein Anstieg der Rendite um einen Prozentpunkt bedeutet einen Kursverlust von rund 21%.

Steigen die Renditen auf 5%, was für eine italienische Anleihe mit dieser Laufzeit nicht sonderlich weit hergeholt ist, dann kostet die Anleihe statt derzeit 97 nur noch 60. Aber für solche Fälle gibt es ja die Alchemisten in der EZB. Die schlimmen und ach so unattraktiven 0,4%, die man fürs Tagesgeld berappen darf, verliert der Anleihebesitzer übrigens bereits bei einem Anstieg der Rendite von 2,917% auf 2,933%.

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So reichen sich Aktien- und Anleihekäufer fröhlich die Hände und jeder denkt, wenn die eine Assetklasse teuer ist und nichts mehr bringt, so wird es schon die andere richten. Dummerweise gibt es jedoch keine Regel die besagt, dass man nicht mit Aktien und Anleihen gleichzeitig Geld verlieren kann. Aber so ist es am Finanzmarkt. Wer vorher viel Geld und wenig Erfahrung hat, hat später oft viel Erfahrung und wenig Geld.

 

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