Der dressierte Zocker

12. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Eigentlich wollte ich mich über besorgte Euro-Retter vor dem Bundesverfassungsgericht auslassen … aber ein Kurssprung im Dax zur Mittagszeit um 50 Punkte hat mich meine Planung ändern lassen. Über die BVG-Angelegenheit hat ohnehin fast jeder schon geschrieben. Da braucht’s mich nicht auch noch… Gut … 50 Punkte rauf … nicht die Welt. Aber der Auslöser – der ist des Pudels Kern…

Ich hatte schon öfter darüber geschrieben, warum es Jahr um Jahr schwieriger wird, an der Börse als normaler Investor zu bestehen. Trotz … und andererseits gerade wegen … der vielen technischen Möglichkeiten, die sich uns heute bieten. Dass sich diese immer mehr gegen uns richten, war Thema der Vorwoche. Heute möchte ich über ein Element schreiben, das an den Börsen unübersehbar immer seltener wird: Hirn.

Manchmal habe ich den Eindruck, manch ein Zocker hat im Zuge einer Organspende sein Gehirn abgegeben, um das Startkapital für seine „Investments“ zu bekommen. Denn die einzige Nachricht auf weiter Flur, die dafür gesorgt haben konnte, dass der Dax am Mittwochmittag plötzlich aus den Schuhen sprang, lautete, dass „Experten“ davon ausgehen, dass das am Abend um 20:00 Uhr veröffentlichte Protokoll der letzten US-Notenbanksitzung womöglich Hinweise auf QE (Quantitative Easing) III, sprich weitere Erleichterungen für die Kapitalmärkte, beinhalten könnte. Ach ja?

Die Presseerklärung des FOMC ist das Extrakt dieses Protokolls und wurde unmittelbar nach der Sitzung vor drei Wochen veröffentlicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Protokoll etwas von Bedeutung steht, das in der Pressemitteilung fehlte, ist verschwindend. Vor allem, wenn es um Hinweise auf weitere Maßnahmen der Fed geht. Davon abgesehen, dass Ben Bernanke beim letzten Mal auch noch eine zusätzliche Pressekonferenz gab.

Damals wurde beschlossen, dass die „Operation Twist“, wie erwartet, verlängert wird. Belebende Effekte auf die Konjunktur waren dabei bislang nicht spürbar. Doch schon da kauften Akteure die US-Börsen und in deren Schlepptau den Dax nach oben, weil man irgendwie Hinweise darauf gefunden zu haben glaubte, dass die Notenbank in Kürze ein neues, drittes „Quantitative Easing“, sprich ein umfassendes Anleihe-Kaufprogramm, auflegen werde. Ich für meinen Teil fand weder in noch zwischen den Zeilen Hinweise darauf.

Jetzt soll es also im Protokoll verborgen sein … und konditioniert wie Pawlow’sche Hunde reagieren diejenigen, die schneller handeln, als sie denken können, mit blitzschnellen Käufen. Der Gedanke, dass die US-Notenbank ihr Pulver längst verschossen hat, kommt diesen „Strategen“ offenbar nicht. Das Wachstum in den USA ist ein rein auf rapide steigenden Verbraucherkrediten und einer nicht eingedämmten Staatsverschuldung basierendes Phantom-Wachstum, das trotzdem zu gering ist, um mehr zu erreichen, als die Lage in den wichtigsten Bereichen wie Arbeitsmarkt, Konsum und Immobilien auf einem fatal schlechten Niveau zu stabilisieren. Könnte die Fed mehr tun, würde sie es. Gerade jetzt, weniger als vier Monate vor der Präsidentschaftswahl.

Aber dergleichen ficht den zackigen Daytrader ja nicht an. Er/sie reagiert auf Reize, die ihm vorher jahrelang in einer unbewussten Konditionierung eingeimpft wurden, wie einst bei Pawlow der Sabber-Reflex beim erklingenden Glöckchen. Und das ist heutzutage tadellos steuerbar, den Segnungen des Fortschritts sei Dank. Gezielt gestreute Gerüchte verbreiten sich dank Internet und nicht allzu auf Wahrheitsgehalt prüfenden Agenturen in Sekundenschnelle über den ganzen Planeten. Und solange konditionierte Vokabeln wie „Zinssenkung“ darin enthalten sind, zucken die Kurse überall dort, wo sich die Zocker häufen, sofort blitzartig nach oben.

Zuletzt am Dienstag. Nach schwachen Import-/Export-Daten aus China wurde das Gerücht gestreut, die chinesische Zentralbank könnte noch am selben Tag ihre Mindestreservesätze senken. Wer darauf begeistert Long ging, hatte offenbar vergessen, dass die Peoples Bank of China erst eine Woche zuvor den Leitzins relativ deutlich gesenkt hatte. Und er übersah auch etwas anderes… (Seite 2)

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