Der böse Spiegel der Gesellschaft

11. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Früher waren Börsen, was sie sein sollten, ein Abbild der wirtschaftlichen Entwicklung bzw. ihrer Perspektiven. Heute sind sie ebenso ein medizinischer bzw. psychischer Notfall wie viele Menschen in der angeblich „ersten Welt“, wie man die „old fashioned“ Industrienationen in Europa sowie die USA oft unschönerweise nennt…

Todesursache Nummer Eins in diesen Regionen sind Herz-/Kreislauferkrankungen. Und die wiederum basieren nicht auf einem unabwendbaren Schicksal, sondern auf körperlicher und geistiger Lethargie, verbunden mit Unvernunft, die bisweilen schlicht in Dummheit ausartet. Daher wäre es für mich nicht überraschend, wenn die Börsen an genau dieser üblen Mixtur eingehen würden, denn die Parallelen sind erstaunlich.

Um einer ernsthaften Erkrankung beziehungsweise einem vorzeitigen Ableben durch Herz-/Kreislauf Erkrankungen vorzubeugen, sind ausreichend Bewegung und eine gesunde Ernährung eine Basis-Voraussetzung. Es kann auch nicht schaden, sich geistig aktiv zu halten. In einen zunehmenden Teil unserer angeblich zivilisierten Gesellschaft geschieht jedoch das Gegenteil.

Man interessiert sich immer weniger bis gar nicht für die allgemeine wirtschaftliche und politische Entwicklung, solange man nicht selbst unmittelbar betroffen ist. Und wenn es um Meinungen geht, dann lässt man denken und übernimmt die Meinung derer, die am lautesten schreien. Die „neuen Biedermeier“ tendieren zu einer Freizeitgestaltung auf dem Sofa und/oder am Handy und vor dem Computer und ernähren sich zusehends von Dingen, deren Konsequenzen sich nicht nur durch eine zunehmende Nachfrage nach größeren Bundweiten bei Hosen manifestieren.

Warum eigentlich sollte es da überraschen, wenn die Börsen und insbesondere dort die Aktienmärkte, die heutzutage viel weniger Abbild der Wirtschaft als vielmehr unserer Gesellschaft sind, in Kürze an denselben Symptomen krepieren? Überlegen wir mal:

Nicht umsonst ist die Börse schon immer Spiegelbild der subjektiven, emotionalen Einschätzung der Lage gewesen. Die große Mehrheit der Menschen neigt nun einmal dazu, nur das als Realität anzuerkennen, was ihnen in den Kram passt. Und dass eben diese große Mehrheit das wütend bestreitet, ist nichts anderes als ein Beleg dafür.

Und so sehen wir momentan einen Aktienmarkt, der sich parallel zur Entwicklung in der industrialisierten Welt kaum noch bewegt, bei dem der Blick auf die Realität durch das sture Starren auf „billiges Geld“ seit Jahren in den Hintergrund getreten ist und der sich damit auch noch falsch ernährt. Denn die Börsen leben, sprich ernähren sich von Nachrichten. Wenn diese aber aus Schonkost bestehen, da die Wirtschaft weder in den USA noch in der Eurozone nennenswert Positives zu vermelden hat, und die Marktteilnehmer – als die „Pumpe“ der Börsen – daher lieber zu Chips und Schokolade in Form der künstlichen Stimulanz durch die Notenbanken greifen, ist der Patient Aktienmarkt ein Kandidat für einen Kreislaufkollaps. Hinzu kommt ja noch ein anderer Aspekt… 

Während für viele Anleger, die aus Bequemlichkeit oder Unverständnis (das wiederum aus der Bequemlichkeit entsteht, nichts dazulernen zu wollen) alles „Zucker“ bleibt, solange das billige Geld fließt, muss das medizinische Personal diese künstlichen Stimuli permanent weiter zuführen. Und wie bei harten Drogen und Medikamenten reicht die Dosis dann irgendwann nicht mehr aus. Das Dumme ist nur, dass auf diese Weise ja nur versucht wird, den für die Mehrheit der Marktteilnehmer zufriedenstellenden Zustand zu konservieren, ohne aber eine Heilung herbeizuführen… (Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Der böse Spiegel der Gesellschaft"

  1. FDominicus sagt:

    Man kann es auch anders, sehen bei eigenen Gedanken zur derzeitigen Politk wird man wohl mit Magengeschwüren „konfrontriert“ werden. So viel Ärger muß ja seine Spuren hinterlassen.

    Und wenn man es wieder anders sieht, sind das hervorragende Nachrichten für unser „ach-so-sicheres“ Rentensystem, denn wer früher stirbt ist länger tot und kostet den „armen“ Staat weniger.

    Damit ist doch alles in Butter, stimmt’s?

    • bluestar sagt:

      Eigene Gedanken zur derzeitigen Politik bringen nicht nur Magengeschwüre ,sondern
      auch die Frage nach dem geistige-moralischem Zustand der Masse, die der Politik das Mandat für deren abartiges Handeln gegeben hat.
      Die Schere zwischen technologischem Fortschritt und geistiger-moralischer Evolution der Masse Mensch geht immer weiter auseinander.

    • FDominicus sagt:

      Ich halte dagegen „Thinking fast and slow“. Der Mensch kann, aber er will nicht unbedingt (thinking fast) und je höher die Verluste sind umso ehere wird hohes Risiko gewählt. Es hat nichts mit verarbeiten können zu tun sondern man muß es aus dem „intuitivem Denken“ lösen, erst dann kann man „nachdenken“.

  2. Michael sagt:

    Nächstes Jahr. Ich bleibe bei meiner Prognose. Wenn die Last Estimates vor dem Sommer nichts Gutes verheißen.

    Mir persönlich stellt sich die Frage, ob es für einen normalen Anleger in einem Markt in dem allein die Großen Business machen interessant ist. Das ist vermutlich eher das Problem … Aktienbörsen sind aus Anlegersicht eher Bodie – Geisterstadt nach dem 2ten Goldrausch – Tor zum Wilden Westen. In solchen Szenarien, wenn der Boom/Bust gelebter Alltag ist kann man sich denken, dass ab dem Höchstand der Vorgängerblasen ergänzt um die Inflation möglw. noch ein wenig mehr (aber nicht viel) es Zeit ist die Segel zu streifen. Billiger bekommt man die Wert sowieso auf Sicht, nach der maßgeblichen Korrektur. Dann braucht man sich keinen ‚Kopf‘ mehr zu machen. Wie in Bodie, der Totengräber hat das sichere Geschäft, der sammelt die Leichen dem Duell ein.

    Bodie ist sehr bezeichnend, da im Gegensatz zum Ersten Goldrausch bei dem alle am Fluß eher gleich erfolgreich waren, dort mancher Claim viel brachte und andere nichts. Das ist der Unterschied zwischen San Francisco und einer Geisterstadt.

    Man sieht es ja allein schon an der Kommunikation. Ökonomen diskutieren in Kongressen über die Städte der Zukunft in denen soziale Spannungen allein durch Überwinden der Friktionenen durch High Tech in einem Art High-Tech Kommunismus gelingt (hat noch nie funktioniert). Jetzt wissen wir warum soviel Liquidität gebraucht wird :). Irgend so etwas muss es sein. In dem Fall ist es besser die Satteltaschen mit den Gold Nuggets zu packen … und mit Gleichgesinnten in den Sonnenuntergang zu reiten gegen Osten nach Las Vegas.

    https://www.youtube.com/watch?v=GEAGdwHXfLQ
    (Zwar über High Frequency Trading aber auch sonst informativ)

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