Der Baum brennt oder: too late, Janet

21. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es gibt Probleme. Und zwar welche von der Art, die sogar bei mir nur ganz unten auf dem Zettel standen. Sie kennen das: Man denkt, man sei durch eine ganze Reihe ziemlich wackliger Geschichten heil durchgekommen, also kann man es ab sofort ruhig angehen lassen … und zack, da ist er plötzlich doch, der Stock in den Speichen…

Das gilt nicht nur für den typischen Pechvogel, sondern für alle. Inklusive der bullishen Akteure an den Aktienmärkten.

Dieses Problem, um der Sache etwas vorzugreifen, hat US-Börsen-Ikone Jim Cramer (Mad Money auf CNBC) vor einigen Tagen so auf den Punkt gebracht: „They can’t get out! That’s a serious problem!“ Allerdings. Man kommt nicht raus?

Doch, schon. Aber eben nur entweder mit zu kleinen Positionen oder man muss einkalkulieren, dass das Folgen hat, wie wir sie am Donnerstag und Freitag an der Wall Street sahen: Massiver Druck auf die Kurse. Aber der Reihe nach:
Dass die Situation für die Aktienmärkte – primär an der Wall Street, aber wer könnte sich einem solchen Sog entziehen – nun immens kritisch wird, liegt auch an der Leitzinserhöhung der US-Notenbank. Aber eigentlich mehr an deren Politik an sich. Janet Yellen & Konsorten haben den richtigen Moment verpasst – und zwar deutlich. Die Grundidee ist durchaus gut und richtig:

Nur, wenn man das „billige Geld“ zurückfährt und versucht, die Leitzinsen und in deren Schlepptau die Kapitalmarktzinsen wieder einem normalen Niveau anzunähern, hat man als Notenbank auch wieder Munition im Fall einer erneuten Krise. Würde man den Leitzins binnen eines Jahre wieder auf ein bis anderthalb Prozent anheben, man hätte etwas, womit man arbeiten kann, wenn erneut expansive Geldpolitik gefragt ist. Weder die EZB noch die Bank of Japan sähen sich dann imstande, vergleichbar zu agieren. Was ein noch viel größeres, wenngleich in diesen Tagen noch nicht im Fokus stehendes Problem ist.

Im Moment muss ma,n nur bezogen auf die „Fed“, festhalten: Sie sind zu spät. Denn in eine noch wachsende Wirtschaft, die von Optimismus bestimmt ist, bei einem akkommodierenden Wechselkurs des US-Dollars, hätte man die Sache ohne Schaden durchziehen können. Das heißt: Im Sommer oder Herbst 2014. Aber jetzt?

Jetzt ist das Wachstum der US-Wirtschaft zu schwach, um selbst einige kleine Zinsschritte zu verkraften. Die wegen des endlosen Geredes angefeuerte Spekulation auf einen steigenden Dollar hat schon viel zu weit geführt und schadet der US-Konjunktur außerordentlich. Die Blase am Immobilienmarkt ist wieder da, weil alles und jeder meinte, sich noch schnell die niedrigen Zinsen sichern zu müssen. Selbst leicht höhere Zinsen haben dort nun wegen der in den USA selten langfristigen Zinsbindung heftige Auswirkungen. Das wiederum drückt auf den Konsum, parallel zu steigenden Kreditzinsen (die ersten Banken haben ihre Zinsen schon angehoben), denn der Anteil auf Pump finanzierten Konsums ist in den USA extrem hoch.

Fazit

Die Zinserhöhung soll nicht das Wachstum bremsen und so Inflation eindämmen wie in einem normalen Wirtschaftszyklus, sie soll der Notenbank ihren Handlungsspielraum zurückgeben. Aber das ewige Gezänk hat dazu geführt, dass sie nun eine Konjunktur ausbremst, die ohnehin schon an der Klippe zu einer Rezession steht. Der Dollar scheint stark zu bleiben, die erhoffte Trendwende ist, nachdem Euro/US-Dollar tagelang nicht an der 200-Tage-Linie vorbeikam, fraglich. Gar nicht gut für den Export. Am Immobilienmarkt dürfte die Welle hektischer Aktivität vorbei sein. Und der Konsum wird an steigenden Kreditzinsen zu knabbern haben. Da bleibt nichts übrig, was das US-Bruttoinlandsprodukt über der Nulllinie würde halten können.

Ist also die Leitzinserhöhung schuld an den so markant abrutschenden US-Indizes der vergangenen Tage? Indirekt womöglich, denn natürlich spüren die US-Bürger am eigenen Leib, sobald sie auf die Straße gehen, dass zwischen den offiziellen Lobpreisungen eines soliden Wachstums und der Realität Welten liegen. Aber es gab seit Anfang 2009 immer wieder Phasen, in denen es ruppig an den Börsen zuging. Immer wieder wurden die Rücksetzer, so heftig sie auch waren, wieder aufgekauft, weil man auf das „billige Geld“ vertraute. Und ging mal nichts voran, sagte man sich: „Kann sein, dass es eng wird, aber warum sollte ich verkaufen, wenn es die anderen nicht tun?“

Also blieb man „drin“ … und da alle so dachten, kam z.B. diese elend nervige Seitwärtsbewegung zwischen Jahresbeginn und August zustande. Nicht voran – aber eben auch nicht zurück. Aber genau das dürfte der Punkt sein:
Diesmal eierten die Kurse eben zu lange seitwärts. Und diesmal weiß man eben: Das „billige Geld“ ist Geschichte. Konsequenz: Man blickt, nachdem die Jahre 2009-2014 allesamt Jahre mit Kursgewinnen waren und viele das somit als Selbstverständlichkeit ansehen, auf ein Börsenjahr, das als Vorwahljahr statistisch gefälligst besonders gut zu sein hat, in Wahrheit aber bei Dow und S&P 500 ein Minus aufweist. Igitt.

Nun ist die Aktie aber alternativlos …? Behaupten doch die, die nur unser Bestes wollen. Nun, in Deutschland sind die Anleihezinsen nicht umwerfend, zugegeben. Aber in den USA liegt die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen mit gut 2,2 Prozent auf gleicher Höhe wie die Durchschnitts-Dividendenrendite der Dow Jones-Aktien. Und wenn es mal ein Jahr auch nur leicht abwärts geht und die konjunkturellen Perspektiven grau sind und die Notenbank womöglich die Leitzinsen weiter anhebt … was in aller Welt wäre daran verwunderlich, wenn US-Anleger da mal ein wenig Kapital von Aktienfonds in den Anleihesektor umschichten? Eben.

Und wo soll da ein Problem liegen? Nun … da liegt nicht „ein“ Problem. Da liegt DAS Problem.

Falls dieser Kursrutsch Richtung Wochenende nicht darauf basierte, dass die großen Spieler am Terminmarkt die anderen Akteure gleich mehrfach ausbooten wollten und zuletzt wie im November eine unverhoffte Rallye antäuschten, um dann aber doch noch im letzten Moment massiven Druck auszuüben, um zuerst die Besitzer von Put- und dann sofort danach die Besitzer von Call-Optionen ins Leere laufen zu lassen, basiert der Druck auf dem Versuch großer Fonds, ihre Bestände zu reduzieren.

Das wiederum kann mit dem Jahresultimo zusammenhängen, d.h. es wäre zumindest möglich, dass hier bereits Window Dressing dergestalt auftaucht, dass man gezielt die Barreserven hochfahren will. Das würde dann aber gerade nicht den erwünschten Zweck erfüllen. Denn diese Fonds halten ja nicht nur ein paar Milliarden. Es geht hier um unglaubliche Summen. Und drückt es den Dow drei, vier Prozent, wenn man nur ein Prozent mehr an Barreserve erreichen will (die liegt im Schnitt übrigens immer noch bei selbst für US-Fonds historisch niedrigen 3,2 – 3,3 Prozent) hat man sich mehr Schaden als Nutzen eingehandelt.

Das wäre schon schlimm genug. Aber was, wenn die Anleger nun eben nur ein bisschen umschichten? Mit solch winzigen Barreserven sind die Fonds außerstande, nennenswerte Mittelabflüsse zu bedienen. Sie müssen also am Markt Aktien verkaufen, um den Anlegern das Geld auszahlen zu können. Aber:

Was ich noch sagen wollte

Da will eben momentan kaum jemand kaufen. Denn jeder weiß doch um die kritische Gesamtsituation. Die meisten Anleger sind ja bislang nur deswegen investiert geblieben, weil die „anderen“ nicht verkauft haben. Jetzt aber fallen die Kurse. Was, glauben Sie, wird nun passieren?

Diesmal ist es weitaus weniger wahrscheinlich, dass sich genug Anleger finden, die in Rücksetzer hinein kaufen. Die Renditen am Bondmarkt sind okay und das billige Geld dahin. Also würden jetzt fallende Kurse einen weit größeren Ansteckungseffekt haben und zugleich weit weniger Akteure auf der Käuferseite dagegenhalten. Zugleich haben wir nun Fonds mit unglaublich großen Portfolios, die Bestände nicht reduzieren wollen, sondern womöglich müssen. Aber sie kommen nicht raus, weil niemand auf der Gegenseite steht. Bzw. sie kommen durchaus raus – aber zu dann heftig niedrigeren Kursen. Und damit nicht genug:

Je weiter die Kurse fallen desto mehr wollen aussteigen. Also müssen die Fonds immer mehr und mehr verkaufen – und je steiler es abwärts geht, desto brutaler trifft es dann ja die 90, 95 oder mehr Prozent in den Fonds-Portfolios verbliebenen Aktien. D.h. man müsste verkaufen, egal wie … und sägt dadurch den Ast ab, auf dem man sitzt. Wenn Sie sich an die Realität des Sommers 2008 erinnern: Es war nicht Lehman Bros., die diese brutale Abwärtsbewegung damals auslösten, sondern genau dieser Effekt. Lehman war nur der psychologische Siedepunkt, die Basis aber lag in genau dem Problem, das wir nun erneut haben!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt www.baden-boerse.de

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Ein Kommentar auf "Der Baum brennt oder: too late, Janet"

  1. Avantgarde sagt:

    Für jemanden, der nicht mit Trendfolgesystemen arbeitet und Trading betreibt sieht die Sache aber etwas anders aus.

    Und zwar ist es doch das Problem mit den Alternativen…..
    Freilich können die Aktienmärkte runter gehen, die Unternehmens-Anleihen aber können total ausfallen, Staats-Anleihen – wer weiß ob diese tatsächlich weiterhin aufgekauft werden?
    Bei Sichteinlagen könnte ein Bail-in drohen.
    Bargeld und Edelmetalle muss man physisch sichern – und das kostet sogar Geld,

    Tja – es gilt vermutlich die alte Weisheit nicht alle Eier in einen Korb zu legen.
    Damit sinken dann zwar die Chancen – aber eben auch das Gesamtrisiko.

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