Der Anleihecrash und die nahende Vertrauenskrise…

10. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Wer den Anleihecrash von dieser Woche als unbedeutende Randerscheinung betrachtet, der macht möglicherweise einen schwerwiegenden Fehler…

Einem Bekannte habe ich gestern vom Anleihecrash in dieser Woche erzählt und dabei erwähnt, dass die Renditen für Bundesanleihen regelrecht explodiert sind. Die Reaktion war typisch für jemanden, der mit Börse ansonsten nichts zu tun hat: „Toll“, jubelte mein Bekannter, „dann gibt es endlich wieder höhere Zinsen auf das Ersparte“.

Nun haben die Renditen für Bundesanleihen mit den Sparzinsen natürlich nicht das Geringste zu tun und so ist der jüngste Anleihecrash auch kein Grund zum Jubeln. Eher im Gegenteil:

In der Spitze kletterte die Umlaufrendite binnen weniger Tage von 0,05 auf 0,75 Prozent. Das ist eine Verfünfzehnfachung! Solche Bewegungen in derart kurzer Zeit sind an den Anleihemärkten schlicht als „historisch“ zu bezeichnen.

Unten stehende Grafik zeigt nur die Schlusskurse, aber auch dieses Bild ist eindrucksvoll. Man muss kein Charttechniker sein, um zu erkennen, dass der Abwärtstrend bei der Umlaufrendite zehnjähriger Bundesanleihen gebrochen wurde. Das heißt, die Zinsen deutscher Staatspapiere werden jetzt steigen.

Umlaufrendite Consors

Was heißt das nun aber ganz unmittelbar? Hierzu muss man den für Anfänger merkwürdigen Umstand erläutern, dass die Kurse von Staatsanleihen fallen, wenn die Renditen steigen – und umgekehrt.

Und die Kurse dieser Papiere fallen dann, wenn größere Mengen Anleihen auf den Markt geworfen werden – aus welchen Gründen auch immer. In dieser Woche wurden demnach riesige Mengen an zehnjährigen Bundesanleihen verkauft – und zwar so viele, dass die Renditen dabei regelrecht durch die Decke gegangen sind.

Die Konsequenz: Wer diese Anleihen kürzlich in der Nähe von null Prozent Verzinsung gekauft hat, der hat sich neben der inflationsbedingt realen Negativverzinsung zusätzlich gigantische Kursverluste eingehandelt. Lebensversicherer und andere institutionelle Großinvestoren sind die klassischen Akteure am Anleihemarkt.

Und natürlich die Europäische Zentralbank (EZB).

Deshalb ist der Anleihecrash auch so merkwürdig, denn gerade die EZB ist es ja, die mit ihren Anleihekäufen die Renditen der Staatsanleihen mit aller Gewalt im Keller halten will. Das Handelsblatt spricht deshalb auch von einem „Schwarzen Schwan“, einem Ereignis, das in dieser Form niemand auf der Rechnung gehabt hatte.

Das ist nun aber nur die eine Seite der Medaille:

Die andere betrifft die Staatsfinanzierung: Wegen der höheren Renditen für Bundesanleihen wird es für die Bundesregierung künftig deutlich teurer werden, sich auf dem Kapitalmarkt zu refinanzieren. Das gilt im Übrigen auch für die Regierungen anderer europäischer Länder, denn auch dort steigen jetzt die Zinsen kräftig.

Nun ist eine Rendite von 0,6 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen im historischen Vergleich natürlich immer noch sehr niedrig. Entscheidend ist deshalb auch weniger die absolute Höhe der Verzinsung als vielmehr die Botschaft, die sich dahinter verbirgt:

In dieser Woche wurde bei den Renditen für Bundesanleihen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine langfristige Wende eingeleitet. Und, fast noch wichtiger: Diese Wende kommt vor dem Hintergrund stetig steigender Staatsschulden – und vor allem auch gegen den ausdrücklichen Willen der EZB.

Wer das jüngste Gemetzel am Anleihemarkt jetzt mit den steigenden Inflationserwartungen in der Eurozone erklärt, der muss daher einen wichtigen Punkt ausklammern: Gefahrlos wäre die Zinswende am Anleihemarkt nur, wenn die Schulden der Volkswirtschaften einigermaßen unter Kontrolle wären.

Das sind sie aber nicht:

Insbesondere in den europäischen Krisenländern steigen die Staatsschulden trotz aller Sparbemühungen aber immer weiter. Welchen Effekt hat da jetzt wohl eine Zinswende? Sehr einfach: Die Schuldenstände von Griechenland bis Spanien werden noch sehr viel stärker anwachsen, weil die Zinsbelastungen bei steigenden Renditen immer größer werden.

Deshalb ist auch sonnenklar, dass es die Branche jetzt tunlichst vermeidet, im Zusammenhang mit dem Anleihecrash über einen möglichen Vertrauensverlust zu diskutieren, der sich dahinter verbergen könnte. Denn das wäre so ziemlich der Alptraum: Wenn das Vertrauen in dieses Geldsystem zu erodieren beginnt, dann ist das Spiel zu Ende.



Die Frage ist aber:

Wo stehen wir diesbezüglich eigentlich? Rekordtiefe Zinsen haben wir seit Jahren. Ein „QE“ nach dem anderen wurde durchgewunken, ohne dass dies viel gebracht hätte. Längst kauft die EZB Anleihen, um die Zinsen im Keller zu halten – doch irgendwie will die Krise einfach nicht verschwinden.

Wenn inzwischen sogar öffentlich darüber diskutiert wird, dass man Bargeld möglicherweise abschaffen muss, um Negativzinsen durchzusetzen, wenn der Internationale Währungsfonds Vermögensabgaben für alle im Zypern-Stil vorschlägt, und wenn in Griechenland und bald wohl auch in Großbritannien eine Abkehr von der EU immer wahrscheinlicher wird, dann wirft das ein interessantes Licht auf den Zustand unseres Geldsystems:

Von hier bis zu einem völligen Vertrauensverlust ist es nicht mehr weit.

An dieser Stelle bietet es sich an, den Bogen zu Martin Armstrong zu schlagen. Der Zyklenforscher aus den USA, dessen Lebensgeschichte in dieser Woche mit dem Streifen „The Forecaster“ in einige deutsche Kinos kommt, wird derzeit in den Medien herumgereicht.

Einer der Gründe ist seine jüngste Prognose: Für den Herbst dieses Jahres erwartet Armstrong das Platzen der Blase bei den Staatsanleihen. Es wäre der Vertrauensverlust im ganz großen Stil und der Supergau für unser Finanzsystem – eingeläutet durch stark steigende Renditen bei eben genau jenen Staatsanleihen, die in dieser Woche mit einem historischen Zinsanstieg derart für Furore gesorgt haben…

Im folgenden Interview mit der Wirtschaftswoche konkretisiert Martin Armstrong seine Prognosen:

Wirtschaftswoche: Was kommt denn als Nächstes?

Armstrong: „Ich erwarte einen Crash im Oktober dieses Jahres, weil dann die Blase an Staatsanleihen platzt. Um den 17. herum sollten die meisten das verstanden haben. Erste Anzeichen werden weitere wirtschaftliche Unruhen in Europa sein. Hinzu kommt, dass die Federal Reserve die Zinssätze anheben wird“.

Wirtschaftswoche: Ihr zyklisches Modell ist fokussiert auf Krisen. Kennen Sie keine optimistischere Sichtweise?

„Ich würde hier Schumpeters Konzept von der schöpferischen Zerstörung zitieren wollen. Natürlich gibt es erst mal Grund zum Pessimismus, aber diese Krise leitet dann die Veränderung ein, die zum nächsten Zyklus führt. Alle sprechen davon, dass wir eine große Depression wie in den Dreißigern verhindern müssen, aber das ist gar nicht möglich. Die ging ja weit über einen Crash des Aktienmarkts hinaus. Damals waren 40 Prozent der Amerikaner noch Farmer, und die Krise führte dazu, dass sich diese Menschen umorientieren mussten. Das war notwendig.

Und aus heutiger Sicht finde ich einen Crash des staatlichen Schuldenwesens wünschenswert. Aus meiner Sicht sollte man dem Staat einen bestimmten Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts für sein Budget zuweisen, und das war es – staatliche Steuern brauchen wir nicht mehr. Denn egal, wie hoch die Steuern sind, der Staat wird sowieso mehr ausgeben. Auf Bundesebene kann er auf elektronischem Wege so viel Geld schaffen, wie er braucht“.

Bemerkenswert ist die Antwort des Zyklenforschers auf die Frage, warum er trotz zutreffender Prognosen noch kein Multimilliardär sei. Armstrong sagt:

„Es geht mir gut, und ich bin nicht gezwungen zu arbeiten. Aber ganz ehrlich, was soll ich mit dem ganzen Geld anfangen? Klar, ich kann erste Klasse um die Welt fliegen, in teuren Hotels wohnen, aber damit kann ich auch nicht recht viel mehr als eine halbe Million ausgeben. In Florida wurde jüngst ein Haus für die Rekordsumme von 147 Millionen angeboten. Was soll ich dann mit dem Rest? Geld ist dann nur noch so was Abstraktes wie eine Telefonnummer. Ich hatte einige der reichsten Menschen der Welt als Kunden, und die machten sich die meiste Zeit darüber Sorgen, dass ihnen andere Leute ihr Vermögen wegnehmen wollten. Das ist kein Leben für mich. Ich will meine Freiheit“.

Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief


 

Ein Kommentar auf "Der Anleihecrash und die nahende Vertrauenskrise…"

  1. Ulrich sagt:

    Guten Morgen,
    vielen Dank für den guten Artikel – gilt übrigens für den gesamten Blog. Eine große, große Bitte: Ich bin Anfänger und verstehe den Anleihemarkt nicht wirklich. Gibt es vernünftige Grundlagenliteratur? Ich habe mir den „The Forecaster“ angeschaut – was sagen Sie, also die Fachleute zu diesen Prognosen?? Zumindest scheint Armstrong mit der Anleihenkrise recht zu haben, welche Zeitung schreibt derzeit nicht darüber? Doch, ist die von ihm prognostizierte Intensität und Zeitgenauigkeit stabil? Sie macht mir wirklich angst!!!

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