Der Angriff der „TRÖMFF“

30. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Sie wollen wissen, was TRÖMFF bedeutet? Ich komme dazu, aber der Reihe nach: Angeblich wohlmeinende Menschen aus der Finanzbrache lassen uns wissen, dass noch derartig viele Menschen hängenden Kopfes an der sogenannten Seitenlinie stehen und so gern ihr Geld in den Aktienmarkt stopfen möchten, dass das Risiko einer größeren Korrektur gering sei. Das Risiko einer Trendwende mal sowieso, dieses Pfui-Wort nehmen diese Gutmenschen nicht einmal in den Mund.

Ein Wissen, das keiner wissen kann

Woher diese Menschen wissen, dass wir alle, sprich Sie und ich, ebenso wie Ihr Nachbar und Tante Elvira, täglich auf einen Rücksetzer im DAX lauern, um endlich unser Erspartes bei- spielsweise in eine VW-Aktie zu stecken, die, nachdem sie im Oktober um 150 Euro kostete, nun ein Schnäppchen wäre, käme sie von 250 mal auf einen Schleuderpreis um 230 Euro zurück? Alleine diese Frage reicht, um diese Ihre Freunde zu vergrätzen. So etwas weiß man eben. Man spricht doch mit den Anlegern.

Allerdings … hat Sie je einer dieser Krawattenträger auf der Straße angehauen und gefragt, wann Sie wie viel Ihres Ersparten wo und in was anzulegen gedenken? Oder können die nicht nur unsere Konten einsehen, sondern auch jedem dort liegenden Euro ansehen, welche Zukunft er haben wird … obwohl wir selbst das noch nicht einmal ahnen? Nicht? Tja … vielleicht faseln diese Leute dann einfach nur dummes Zeug?

Würde man sich an solche Dinge erinnern, würde jeder Anleger wissen, dass dergleichen Geschwätz immer dann auftaucht, wenn die Kurse bereits extrem gestiegen sind und diejenigen, die am Geld anderer verdienen, noch mal so richtig kassieren wollen. Weil sie wissen: Die Zeichen sind da.

Die klassischen Zeichen sind da

Eigentlich sollte die jeder Anleger kennen und entsprechend gewarnt sein. Aber da die Lage ja immer wieder von neuem ganz anders ist als zuvor, wenn plötzlich der Hausse die Birnen durchbrannten, ignoriert man das gerne oder begegnet diesen Signalen mit einem abschätzigen Lächeln. Oder, noch übler: Alles, was mit dramatischen Verlusten nach galoppierender Leichtgläubigkeit zusammenhängt, wurde verdrängt. Alles … auch die Warnsignale, die man damals ignoriert hat.

Die Zeichen reichen vom vorgenannten Gerede der Unsummen nach Einstiegschancen suchenden Geldes über Schlagzeilen wie „So finden Sie die zehn besten Aktien“ oder „Ihr einfacher Weg zur ersten Million“ hin zu abenteuerlichen Berechnungen, wo der DAX Ende des Jahres oder gar in fünf Jahren stehen müsste und somit auch wird. Begleitet vom Medien-Chor, der den Wahnsinn der EZB kritiklos hofiert und allerorten dynamisches Wachstum sieht, wo keines ist. Das sind die üblichen Zeichen, die auf das langsam näher rückende Ende der Hausse deuten.



Nun wird denen, die es wagen, in diesem Umfeld Warnungen von sich zu geben, wütend entgegnet, dass es doch allgemein bekannt sei, dass eine Hausse erst zu Ende ist, wenn Euphorie entsteht und „alle“ eingestiegen sind. Aha. Soll ich jetzt lachen oder weinen?

In den letzten Jahrzehnten sind Trendwenden am Aktienmarkt nicht mit einer Euphorie dergestalt einhergegangen, dass der Großteil der Bürger Champagner aus Flaschen saufend und den nicht investierten Deppen Hunderter zuwerfend durch die Straßen gezogen sind. Eine Euphorie sieht man in den Kursen. Und nennt sie gemeinhin auch „Übertreibung“. Und dass zum Zeitpunkt der Übertreibung kaum jemand eine Übertreibung sieht, ist normal, sackzement!

Die Stimmung ist am Hoch am besten

Die Stimmung ist am Hoch am besten, wieso will man das denn nie zur Kenntnis nehmen? Schließlich wird die Stimmung nur unter den Anlegern gemessen und nicht auf der Straße. Also korreliert sie mit dem, was war und was man erwartet, nicht mit dem, was ist oder wahrscheinlich ist. Nach steilen Anstiegen sind die meisten entweder gerade eingestiegen und müssen so zwangsläufig bullish sein, sonst wären sie nicht eingestiegen. Oder sie sind tief im Gewinn und so satt und zufrieden. Wäre die Mehrheit bearish, wäre sie draußen und die Kurse eben nicht so massiv gestiegen. Ergo ist man nicht „unten“ gegenüber den Risiken blind, sondern „oben“. Denn wer bitte neigt nicht dazu, sein Denken nach dem Depotbestand auszurichten statt umgekehrt?

Ein Anstieg des DAX von 9.800 auf 12.200 in zehn Wochen ist …? Und was den idiotischen Spruch angeht, dass es erst vorbei ist, wenn der letzte eingestiegen ist: Woher will man das bitte wissen? Leuchtet beim „Letzten“ dann irgendwo eine rote Lampe auf? Und glaubt jemand außer unseren wohlmeinenden Krawattenträgern wirklich, dass die, die dem Aktienmarkt bislang misstraut haben, ausgerechnet in einem solchen Umfeld nun doch noch einsteigen? „Bei 10.000 dachte ich schon, dass die völlig durchdrehen, aber jetzt, bei 12.000, glaube ich, sollte man langsam reingehen, da ist noch viel Luft“. Sie glauben also, so denkt jemand? Na dann: All in! Am besten auf Pump!

EZB-Anleihekäufe = Steigender DAX? Das ist kein „muss“!

Und auch, wenn ich es schon siebendzwanzigmal angesprochen habe: Kommt mir nicht mit der EZB! Dass die Aktien steigen, wenn die Renditen mit Gewalt gedrückt werden, ist nur dann der Fall, wenn genug Leute glauben, dass die Aktien auch weiter steigen und entsprechend handeln. Es ist möglich, aber es ist nicht zwingend. Und wer außerhalb der vorgenannten „Freunde unseres Geldes“ glaubt das denn? Gut, wer drin ist, der bleibt erst einmal drin. Aber sehen wir denn wirklich den Exodus vom Anleihemarkt, sprich „frische“ Käufe?

Am 9. März hat die EZB wirklich mit den Staatsanleihekäufen begonnen. Seitdem ist der DAX Gefühl zehn Prozent gestiegen, ja. Aber de facto stieg er vom Opening des 9.3. bis zum Closing des 27.3. genau drei Prozent. Das Gros der Rallye kam vorher. Das waren die Käufe derer, die davon ausgehen, dass diese Käufe kommen. Vielleicht kommen sie … aber:

Wie unlängst schon an dieser Stelle dargelegt, sind die Realzinsen schon seit Jahren niedrig und lagen schon 2012 im negativen Terrain. Wer damals in den Aktienmarkt floh, kann nicht nochmal fliehen. Wer damals nicht floh … warum sollt er es jetzt tun? Weil Aktien „billig“ sind?

Billig und teuer sind subjektive Wahrnehmungen. Aktien sind immer billig, solange mir dauernd einer genau das ins Ohr bläst und ich ihm das abkaufe. Und wie lange tue ich das? Solange die Kurse steigen bzw. meine eigene Zuversicht groß ist. Das hat nichts mit den Fundamentals zu tun. Solange hier keine Schlangen vor den Suppenküchen stehen, nehmen die meisten eh nicht wahr, ob es bergab geht. Nur wenn die Kurse fallen und nicht sofort wieder steigen, sondern gleich noch einmal absaufen, stellt der überzeugte Bulle plötzlich die Ohren auf … und dann pflegt man alles, was man vorher ignoriert hat, gleichzeitig wahrzunehmen … und alles, was vorher rosa interpretiert wurde, färbt sich plötzlich grau oder schwarz. Es war noch nie anders.

Die allgemein propagierte Ansicht, dass der DAX erst so richtig loslegen muss, kombiniert mit diesen typischen Zeichen steil anziehender Kurse und dem DAX auf Seite 1 aller möglichen Printmedien bedeuten, dass man nach den letzten verlorenen Seelen bzw. ihrem Geld fischt. Und das deutet an, dass die großen Adressen sehr wohl um das dünne eis wissen, auf dem sie stehen. Und dieses Eis hat einen Namen: Euro.

Der Euro: Achilles lässt grüßen!

Es sind nicht die schwindenden, teils bereits negativen Zinsen, die den DAX unmittelbar treiben, es ist der Abstieg des Euro zu Dollar und Yen. Er ist das Symbol dafür, dass alles so läuft, wie es laufen soll. Er ist der einzige Grund, warum die Eurozone noch nicht wieder in der Rezession hängt. Und er wird angegriffen. Das wissen sie „Großen“. Und das könnte auch jeder Anleger wissen. Wenn er denn wollte. Aber da sind wir nun wieder beim Thema selektiver Wahrnehmung, denn das ist eine Gefahr und Gefahr wollnwa nich. Basta.

Die USA haben nun endlich nicht nur kapiert, dass ihr rammdösiges Kaprizieren auf ein solides Wachstum, das nur innerhalb der Köpfe der Notenbank-Ratsmitglieder existiert, die US-Kon- junktur mit Hurra gegen die Wand fährt und sich die Europäer eins lachen. Mit dem nun veränderten Stil und Wortlaut des letzten Statements dieser TRÖMFF (Truppe Rammdösiger Öko- nomen Mit Fragwürdiger Fachkompetenz) versucht man, das entscheidende Element zu beeinflussen, das den Spieß umdrehen würde: Die Euro/Dollar-Relation.

Würde es gelingen, den massiv gestiegenen Dollar (fallende Euro/Dollar-Relation = Euro runter, Dollar rauf) in eine Wende zu kriegen, würde das die US-Exportindustrie immens entlasten und die Aufträge zurückholen, die die Europäer zuletzt bekommen haben. Nicht die bestehenden, aber die kommenden, versteht sich. Das wird versucht, indem man durchblicken lässt, dass die Zinserhöhung später kommt … wobei die ersten ahnen: Sie kommt überhaupt nicht. Und ich bin sicher: Wenn das nicht fruchtet, wird man im Sommer geschickte Formulierungen finden um zu begründen, warum man wieder mit den Anleihekäufen am US-Markt beginnen muss. Die USA sind wieder dabei im Währungskrieg. Und wenn sie gewinnen, sind wir, sind die Eurozone, ist der DAX im Eimer.

Diese Endkrasse (ich wollte mal mit der Zeit gehen) Schere zwischen DAX und Dow basiert auf dem fallenden Euro. Kippt das Ganze, schließt sie sich. Und genau dann wacht der Bulle auf. Erst steigen die „Großen“ aus … sie sind offenbar schon dabei … und bis diejenigen, die die Zeichen eben nicht erkannten bzw. sich mal wieder bequatschen ließen, dass diesmal aber doch ganz bestimmt alles anders ist, weil es anders ist, als damals, als alles anders sein sollte, aber eben doch nicht war, reagieren, ist es meist schon zu spät.

Um es am Ende noch einmal klarzustellen: Ich bin kein Bär aus Leidenschaft. Höchstens jemand, der gerne gegen den Strich denkt. Aber ich bin in SYSTEM22 new opportunities dennoch zuletzt immer mal wieder Long-Positionen auf DAX oder S&P 500 eingegangen. Nur ist das eben dort etwas anderes. Dort agiere ich mit einem Handelssystem, kurzfristig und mit engem Stop Loss. Da sind Meinungen völlig irrelevant, es wird umgesetzt, was die Signale sagen.

Diese Kolumne richtet sich an diejenigen, die nicht so kurzfristig agieren können oder wollen. An die, die glauben, sich jetzt entspannt zurücklehnen zu können. Ich bin kein Bär aus Leidenschaft, aber ich bin seit 26 Jahren Börsianer. Und ich habe ein gutes Gedächtnis.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt  – www.baden-boerse.de



 

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5 Kommentare auf "Der Angriff der „TRÖMFF“"

  1. Jenny sagt:

    Schön geschrieben 😉
    Glaube auch, dass wir eine Blase haben. Aus rationeller Sicht könnte der Trend drehen, vorher kann es aber auch noch zu heftigen Übertreibungen nach oben kommen.

    Um die Frage zu beantworten: „Allerdings … hat Sie je einer dieser Krawattenträger auf der Straße angehauen und gefragt, wann Sie wie viel Ihres Ersparten wo und in was anzulegen gedenken?“

    Ja. Aber nicht auf der Straße.

    lg

  2. bluestar sagt:

    Klasse Artikel von Ronald Gehrt.
    Allerdings glaube ich, dass es vor dem Sturz doch noch einige Stockwerke für den Dax nach oben gehen kann. Krasse Übertreibungen werden wohl die Blase noch zum Ballon aufpumpen.
    VG und einen tollen Tag.

  3. O.T. sagt:

    Jetzt wo sogar Dirk Müller seinen eigenen Aktien-Fond macht, wird es wirklich Zeit darüber nachzudenken auszusteigen!

  4. Avantgarde sagt:

    Ich möchte dem Ronald Gehrt ja zustimmen – denn auch ich glaube, daß wir uns in einer Blase befinden.
    Das Problem ist allerdings: Was ist Alternative?
    Relativ sichere Anleihen mit nun auch nomineller Negativverzinsung?
    Kreditgeld welches man Banken(sicher??) für eine Realnegativverzinsung anvertraut?
    Rohstoffe, die sich im Abwärtstrend befinden?
    Papiergeld welches man bei Nullzins sicher aufbewahren muß, wenn ja welche Währung….US-Dollar/Euro/Franken?

    Tja – und so werden die Wohlhabenden ihr Geld eben weiterhin gestreut anlegen.
    Unter anderem eben auch weiterhin in Aktien.

  5. Englisch Andreas sagt:

    Dreht der Euro/Dollar an den langfristigen Trendkanalgrenzen in der Nähe der Parität oder nicht? Diese Grenzen sind sehr offensichtlich, sind da false breaks nach unten zu erwarten? Geht Gold in Dollar noch auf 1000? Der Kursdax ist zurzeit auf dem Wert vom Jahr 2000, das wird gar nicht realisiert. Von einer Schere zwichen Dow und Dax im Sinne eines outperformenden Dax’s ist somit eigentlich nicht zu sprechen. Viel eher, dass die Wirtschaft des Landes des unbegrenzten Kapitalismus auch dank der lockereren Geldpolitik (stärker ansteigende Bilanzsumme) weiter besser läuft als anderswo. Die amerikanischen Aktien werden zusätzlich und deshalb besser bewertet, also wenn schon Aktien, dann eher Amerika, außer der Euro geht doch noch nach unten durch.

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