Der 360° Rundumblick auf die Welt: Ein Nachruf auf Peter Scholl-Latour

16. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von The German Perspektive

Er war der Grandseigneur des deutschen Journalismus. Mit seinem über Jahrzehnte entwickelten und annähernd vollständigen Weltbild sowie seinem tiefen Wissen der Materie war Peter Scholl-Latour wohl ein Vorbild für jeden Journalisten. Heute ist er im Alter von 90 Jahren gestorben…

Weltgewandter Journalismus ist heute selten geworden. Zwar verbreiten sich Nachrichten in Sekundenschnelle und jeder scheint zu jedem Zeitpunkt über quasi jede Information verfügen zu können, doch wirkliche Informationen aus erster Hand finden sich dabei selten. So kann es auch passieren, dass die gestrige Meldung ukrainische Streitkräfte hätten die russische Armee angegriffen sich heute plötzlich ganz anders darstellt und sich möglicherweise als Falschmeldung herausstellt.

Dabei zeigt sich mehr und mehr, dass Journalismus eben nicht nur das gebetsmühlenhafte Wiedergeben von vorverfassten Meldungen von Nachrichtenagenturen sein sollte, sondern Meinungsbildung und Informationsbeschaffung vor Ort. Dazu muss man als Journalist offen sein für verschiedene Kulturen und Meinungen, muss in Krisen- und Kriegsgebiete reisen und darf wenige Ansprüche an vorgefertigte Meinungen, Unterbringung und Verpflegung haben.

Peter Scholl-Latour war genau das. Während seine journalistischen Kollegen heute vom Balkon eines 5-Sterne-Hotels in Bagdad, Kiew oder Tel Aviv berichten, schlug sich Scholl-Latour dereinst ab den 1950er Jahren durch den Dschungel Vietnams, den afghanischen Hindukusch oder die Wüste Arabiens.

In tiefgehenden Reportagen und seiner späteren Arbeit als Publizist vermittelte Scholl-Latour seinen Zuschauern und Lesern seine Sicht der Dinge. In stets sachlichem Ton, häufig mit durchaus streitbarer Meinung aber immer mit scharfem Verstand analysierte Scholl-Latour die Weltgeschichte wie es bis heute kaum kein zweiter Journalist in Deutschland tut. Mit seinen Meinungen und Einschätzungen hat er dabei immer wieder Entwicklungen vorweggenommen und vorhergesagt, die sich teilweise erst Jahre oder Jahrzehnte später als absolut zutreffend erwiesen haben (so z.B. zur aktuellen Entwicklung in Afghanistan, Irak und Nordafrika).

Es war keine Frage, in seinen 90 Lebensjahren hat Peter Scholl-Latour etwas geschafft, dass heute kaum ein Journalist, Publizist, Blogger oder sonstiger Schreiberling mehr erreichen dürfte – einen 360° Rundumblick auf die Welt. Und genau dafür werden wir Ihn vermissen.

© The German Perspective



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Im Dialog – Peter Scholl Latour 2013 auf Phönix


Quelle: Youtube

 

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Ein Kommentar auf "Der 360° Rundumblick auf die Welt: Ein Nachruf auf Peter Scholl-Latour"

  1. bluestar sagt:

    Sehr guter Nachruf, vielen Dank.
    Nun ist die Welt leider wieder um einen wichtigen Menschen und Zeuge von Ereignissen der Weltgeschichte ärmer geworden. Ja, sehr viele werden ihn vermissen, ich auch. Seine Glaubwürdigkeit, eigene Erfahrung und ideologiefreien Analysefähigkeit und Voraussagen waren etwas besonderes. Für mich war er ein wirklicher Experte seines Faches. Bei ihm konnte man sagen, Weltanschauung kommt wirklich von Welt anschauen und verstehen. Wenn ich das aktuelle Gedöns einiger sogenannten „Experten“ im TV zu außenpolitischen Ereignissen höre und sehe wird auch klar, dass solche Menschen wie Peter Scholl-Latour
    für die Staatspropaganda nicht gebraucht werden.

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