Denken oder denken lassen?

21. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

To think or not to think, das ist hier die Frage. Es gibt Tage und Wochen, da hat man irgendwie den Eindruck, dass der Besitz oder gar der Einsatz eines Gehirns an der Börse ein Hindernis ist, um Gewinn zu erzielen. Ist das so? Es ist in jedem Fall an der Zeit darüber nachzudenken, was sich andere denken … oder eben nicht denken…

Unmittelbarer Anlass dieser Überlegungen ist das Kursverhalten der US-Aktienindizes. Ich schreibe diese Kolumne am Donnerstagmittag, den 20. November. Zu diesem Zeitpunkt hat der Standard & Poor’s 500-Index 24 Tage lang oberhalb seiner 5-Tage-Durchschnittslinie geschlossen. Das gelang zum letzten Mal vor fast 20 Jahren, im Frühjahr 1995. Alleine ein solcher Rekord sollte eigentlich jedem deutlich machen, dass diese Mitte Oktober begonnene Rallye ein ganz kleines bisschen aus dem Ruder gelaufen ist. Denn dieser Rekord basiert darauf, dass nicht einmal der kleinste Rücksetzer auftaucht, was bedeutet:

Entweder will absolut niemand verkaufen – oder aber jegliche Verkäufe wurden in den letzten 20 Handelstagen stur aufgesammelt. Aber die Rahmenbedingungen sind doch eigentlich, wie wir in den letzten Wochen immer wieder hervorgehoben haben, alles andere als positiv. Gerade die uneinig, inkompetent und unflexibel wirkende US-Notenbank mit ihrem Plan, die Leitzinsen zu erhöhen, ist doch in einem Umfeld weltweit dahinschwindenden Wachstums eine wandelnde Bedrohung. Wie kann es dann zu einer derartig gewaltigen Aufwärtsbewegung kommen, ohne dass die Kurse auch nur ein einziges Mal zurücksetzen? Denkt sich denn da keiner was? Oder glauben denn allen Ernstes alle Marktteilnehmer an die permanent bullishe Propaganda der Finanzindustrie … was in der Konsequenz erneut bedeuten würde, dass niemand denkt?

Nein, so einfach ist es nicht. Auch, wenn die Kursverläufe manchmal den Eindruck vermitteln: An der Börse laufen keineswegs nur Idioten herum. Es ist komplizierter. Denn egal ob es um Rohstoffe, den Devisenmarkt, Anleihen oder Aktien geht, die Kurse werden mal von denen dominiert, die sehr wohl nachdenken und rationale Entscheidung fällen … und mal von einer Klientel, die in der Tat nicht denkt, sondern stur nach Schema F handelt. Insbesondere wenn letztere Gruppierung das Geschehen dominiert, denken sich die Denkenden ihren Teil und halten sich aus. Und damit findet sich die Erklärung dieser seltsamen Rallye.

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Die vorstehende Grafik, die ich in der letzten Wochenausgabe von SYSTEM 22 new opportunities schon gezeigt hatte, zeigt für den S&P 500 grün umrandet Wendepunkte, die plus/minus ein bis zwei Handelstage um einen Terminbörsen-Verfalltermin liegen, rot sind die Wendepunkte markiert, die zwei bis drei Tage vor oder nach einem Monatsultimo liegen, beginnend im Frühjahr 2013. Man sieht deutlich: In der Mehrheit der Fälle fielen nennenswerte Richtungswechsel mit derartigen Terminen zusammen. So. Nun sagt sich doch ein denkender Mensch: Wenn doch die beiden letzten dramatischen Schwenks dieses Index unmittelbar um einen solchen Verfalltermin herum lagen, warum ist man dann nicht gescheit und steigt auf diesem Rekordniveau aus, bevor ein von der Logik her ja durchaus unterfütterter Richtungswechsel nach unten ansteht?

Antwort: Man darf vermuten, dass das durchaus nicht wenige tun. Aber „nicht wenige“ bezieht sich auf die Zahl der Personen und nicht auf die Höhe des Kapitals. Denkende Privatanleger dürften hier sicherlich schon seit einigen Tagen fröhlich auf Rekordniveau Verkäufe lancieren, sofern sie nicht zu der wohl eher kleinen Gruppe derer gehören, die tatsächlich glauben, was ihnen von der Finanzindustrie vorgekaut wird. Aber das Ruder haben insbesondere in Phasen vor Terminmarkt-Verfallterminen und Monatsultimos, die ja gemeinhin eng beieinander liegen, vor allem die nicht denkenden Akteure in der Hand. Konkret sind das…

Daytrader, die stur den Kursen folgen und denen es vollkommen egal ist, ob steigende oder fallende Kurse seitens der Fundamentaldaten gerechtfertigt wären oder nicht. Computergesteuerte Handelsprogramme, die genauso agieren, nur in der Regel mit größeren Summen und schneller. Und diejenigen, die sich auf derartige Handelsprogramme stützen: Große Spieler an den Terminbörsen und Hedgefonds, was oft ein und dasselbe ist. Sie verfolgen ganz konkrete Ziele und versuchen sie mit allen Mitteln durchzusetzen, solange der Aufwand den zu erwartenden Ertrag nicht übersteigt. Konkret bedeutet das… (Seite 2)


 

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Ein Kommentar auf "Denken oder denken lassen?"

  1. AnonymMuss sagt:

    Ich denke, dass es eine Reihe an Milliardären (eventuell schon Billionären) gibt, die wissen, dass das Geldsystem es nicht mehr lange macht und deshalb ihr Geld in Aktien stecken. Wenn die Aktien fallen, dann haben sie immer noch die Aktien. Wenn aber das Geld nichts mehr wert ist, dann ist es eben nichts mehr wert. Also alles Geld in Aktien, Edelmetalle, Immobilien, usw. anlegen. Auch wenn man damit keinen Gewinn macht. Es geht nicht um Geld, sondern um Macht. Man sagt zwar immer, dass Geld Macht sei, aber ab einer gewissen Menge an Geld geht es nicht mehr nur darum. Die Börse dient nur der Umverteilung der Macht. Dass es dort nicht mit richtigen Dingen zu geht, dürfte ja mittlerweile jedem aufgefallen sein (Siehe den Goldpreis im Verhältnis zur Nachfrage, oder den Wert des Dollars ). Wenn der Dollar in den Keller geht( und das wird er, wenn es nicht bald einen neuen großen Krieg gibt), dann will man sich abgesichert fühlen und dafür sind Aktien von Unternehmen, von denen man glaubt, dass sie die Krise überstehen werden eine gute Anlagequelle. Klar sollte man denken, dass es wohl cleverer wäre die Aktien fallend zu kaufen, aber der Sturz wird so plötzlich und so unkontrollierbar sein, dass vielleicht mal wieder die Börse ausgesetzt wird. Die Super-Mega-Giga-Terra-Reichen kennen sich untereinander und finden immer einen Weg.

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