Den Konsum von Nachrichten einstellen?

29. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Heute sind wir in Bezug auf „Informationen“ an demselben Punkt angelangt, bei dem wir vor 20 Jahren im Hinblick auf Nahrung waren. Wir beginnen zu erkennen, wie toxisch Nachrichten sein können…

Irreführende Nachrichten…Nehmen Sie das folgende Beispiel (von Nassim Taleb geliehen). Ein Autofahrer fährt über eine Brücke, und die Brücke bricht zusammen. Worauf fokussieren sich dann die Nachrichten? Auf das Auto. Auf die Person im Auto. Wo er herkam. Wo er hinwollte. Wie er den Crash erlebt hat (sofern er überlebte). Aber das ist alles irrelevant. Was ist relevant? Die strukturelle Stabilität der Brücke.

Da geht es um die zugrundeliegenden Risiken, welche auch bei anderen Brücken vorhanden sein könnten. Aber das Auto ist dramatisch, das sind die Nachrichten, die billig zu produzieren sind. Nachrichten können uns dazu führen, dass wir mit völlig falschen „Risiko-Karten im Kopf“ herumlaufen.
So wird der Terrorismus überbewertet. Chronischer Stress hingegen wird unterbewertet. Der Kollaps von Lehman Brothers wird überbewertet. Und fiskalische Verantwortungslosigkeit wird unterbewertet. Astronauten werden überbewertet. Krankenschwestern werden unterbewertet.

Wir sind nicht rational genug, wenn es um die Presse geht. Wenn wir ein Flugzeugunglück im Fernsehen sehen, dann wird das unsere Einstellung zu diesem Risiko ändern, unabhängig von der realen Wahrscheinlichkeit. Wenn man denkt, dass man dies mit der eigenen inneren Urteilskraft kompensieren kann, dann liegen sie falsch. Banker und Ökonomen haben gezeigt, dass sie das nicht können. Die einzige Lösung lautet: Stellen Sie den Konsum von Nachrichten komplett ein.

Nachrichten sind irrelevant

Von den ca. 10.000 Nachrichten, welche Sie in den letzten 12 Monaten gelesen haben,…ist da einer dabei, welcher es Ihnen ermöglichte, eine bessere Entscheidung in Bezug auf eine für Ihr Leben oder Ihre geschäftliche Karriere zu fällen? Der Punkt ist: Der Konsum von Nachrichten ist für Sie irrelevant. Aber die Leute finden es sehr schwer, zu erkennen, was relevant ist. Es ist erheblich leichter zu erkennen, was neu ist. Und „relevant“ versus „neu“ ist der fundamentale Kampf des derzeitigen Zeitalters.

Die Medien-Organisationen wollen, dass Sie glauben, dass Nachrichten Ihnen einen Wettbewerbsvorteil geben. Viele fallen darauf rein. Wir werden nervös, wenn wir vom Nachrichtenstrom abgeschnitten sind. In der Realität ist der Konsum von Nachrichten ein Wettbewerbsnachteil. Je weniger Sie konsumieren, desto größer ist der Vorteil, den Sie haben.

Nachrichten erklären nichts

Neuigkeiten sind Blasen, die auf der Oberfläche einer tieferen Welt auftauchen. Wird das Ansammeln von Fakten uns helfen, die Welt zu verstehen? Leider nein. Wichtige Nachrichten sind Nicht-Nachrichten: langsame, mächtige Bewegungen, die sich unterhalb des Radars von Journalisten entwickeln, aber einen transformierenden Effekt haben. Je mehr „news“ man verdaut, desto weniger wird man das große Bild verstehen.

Wenn mehr Informationen zu größerem wirtschaftlichen Erfolg führen würden, dann sollten Journalisten an der Spitze der Pyramide stehen. Das ist nicht der Fall.

Nachrichten sind Gift für den Körper

Nachrichten aktivieren laufend das limbische System. Panik erzeugende Nachrichten erhöhen die Ausschüttung von Cortisol im Körper. Dies verändert das Immunsystem und hemmt die Freisetzung von Wachstumshormonen. Mit anderen Worten: Ihr Körper befindet sich dann in einem Status des chronischen Stresses. Ein entsprechend hohes Cortisol-Niveau kann die Verdauung stören, das Wachstum verschwinden lassen (von Zellen, Haaren, Knochen), es kann zu Nervosität führen und zu erhöhter Anfälligkeit für Infektionen. Weitere mögliche Effekte sind Furcht, Aggression, Tunnelblick und Desensibilisierung.

Nachrichten erhöhen die Zahl der kognitiven Fehler

Die Bestätigungstendenz. In den Worten von Warren Buffett: „Was die Menschen am besten können, ist die Interpretation aller neuen Informationen auf die Art und Weise, dass ihre vorigen Schlussfolgerungen intakt bleiben.“ Nachrichten verstärken das. Wir werden anfällig für übermäßiges Selbstvertrauen, wir gehen dumme Risiken ein und schätzen Gelegenheiten falsch ein. Es führt auch zu einer anderen Form der kognitiven Fehler. Unser Gehirn mag Nachrichten, die „Sinn machen“ – selbst wenn sie nichts mit der Realität zu tun haben.

Ein Journalist, der schreibt, dass sich „der Markt wegen X bewegt hat“, oder „das Unternehmen ging wegen Y bankrott“, ist ein Idiot. Ich bin es leid, auf diese billige Art und Weise die Welt erklärt zu bekommen… (Seite 2, Leben ohne Nachrichten?)

 

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8 Kommentare auf "Den Konsum von Nachrichten einstellen?"

  1. FDominicus sagt:

    Also ich finde gerade Nachrichten sehr nützlich. Da kann man sich richtig dran abarbeiten. Eines der Prachtbeispiele dafür fand ich vor Kurzem:http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/04/19/allensbach-zwei-drittel-der-deutschen-begruessen-banken-zwangsabgabe/

    Ganz zu schweigen die Meldungen über Hoeneß. Ohne Nachrichten, hätte man sich doch damit gar nicht befassen können. Und Frank Meyer nimmt doch immer auf allerfeinste Weise die Nachrichten von der Börse auseinander.

    Ohne Nachrichten kann man sich eben nicht mit etwas „auseinandersetzen“, natürlich gibt es auch Nachrichten mit dem Informationsgehalt: „In China ist ein Sack mit Reis umgeworfen“ worden. Für mich zählen dazu alle sonstigen Meldungen aus der Yellow Press, für manche ist wahrscheinlich dieses Blog eine Zumutung

    Aber ohne Nachrichten, wäre es wirklich noch übler….

  2. Michael sagt:

    Eine wichtige Eigenschaft von Information ist der Neuigkeitswert. Die Wiedergabe von Information ist die Interpretation von Daten im Weitesten Sinn eine Meinung – früher sagte Mann das Gewäsch des Wxxxsvolk am Marktplatz – das hat sich wenig geändert. Allein das Wxxxxvolk trägt Anzüge und hat Analystenmeinungen.

    Warum fehlt uns Zeit
    a) Finanzierungkosten unseres Wirtschaftsmodells
    b) Daraus resultierend die Übergabe von Arbeit an die Kunden (unbezahlte Kundenarbeit) und Lieferanten insbesondere bei den Ganz Großen
    c) Die Kombination aus a) + b) – Viel Daten als Pseudoinformation aufbereitet, mit dem Ziel dem Kunden davon zu überzeugen Geld dafür auszugeben, dass er noch aktiv am Logistikprozess partizipiert (sprich sich letzendlich ein Königliches Gehalt selbst zahlt das von a) einbehalten wird. Das ist verwirrend. Da der Begriff Skalverei eigentlich pervertiert wird – Sklaven haben nicht dafür bezahlt, dass sie arbeiten, das macht der Homo Oeconomicus.

  3. Bloody Mary sagt:

    Ein ganz ausgezeichneter und wertvoller Artikel, da zu 100 % wahr und zu 100 % hilfreich. Für eine gute Orientierung reicht es aus, einmal pro Monat oder seltener in die Zeitung zu schauen. Dann wird man nämlich feststellen, dass sich nichts verändert hat: Das Geldsystem ist immer noch falsch, die Schuldenstaaten sind immer noch pleite und die Amerikaner sind immer noch auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen in rohstoffreichen Ländern.

    Besonders richtig und wahr ist, dass der Konsum von News krank und depressiv machen kann, denn Nachrichten sind ein toxisches Negativ- Konzentrat aus Katastrophen, Krisen, Krankheiten und Tod. Sie lehren einem buchstäblich das Fürchten. Und das sollen sie auch. Sie haben zwei zentrale Botschaften an unser Unterbewusstsein, nämlich zum Einen: Sieh her, was DIR alles passieren kann und zwar ständig und jeden Tag. Und zum anderen: DU bist machtlos.

    Dadurch bekommen Menschen ein völlig verzerrtes und äußerst negatives Bild von der Realität und sich selbst. Sie fangen an zu glauben, dass sie nur ein paar Wochen vor dem Krebs-oder Virentod stehen, dass gleich ihr Haus explodiert oder sie beim nächsten Langstreckenlauf vom bösen Moslem in die Luft gesprengt werden. Gleichzeitig wird ihnen aber suggeriert, dass sie diesen ganzen Dingen hilflos ausgeliefert sind. Das erzeugt Angst, Panik und Lähmung. Und nur allzu gerne sind die Menschen dann dazu bereit, die angebotenen Beruhigungspille zu schlucken: Noch mehr „Sicherheit“ durch Kontrolle und noch mehr Medikamente.

    Wir sollten dem System endlich den Stecker ziehen, denn ohne uns ist Big Brother ein Gerät ohne Strom, ein Nichts! Wir können uns selbst befreien, indem wir einfach nicht mehr mitmachen und aus dieser Scheinwelt aussteigen. Der Nichtkonsum der Droge Nachrichten ist der Anfang.

  4. helmutenz sagt:

    Der Dichter Eugen Roth hat es sehr prägnant auf den Punkt gebracht in seinem Gedicht: Entbehrliche Neuigkeiten

    Ein Mensch, der Zeitung liest, erfährt:
    „Die Lage völlig ungeklärt.“
    Weil dies seit Adam so gewesen,
    Wozu denn da noch Zeitung lesen?

  5. linsensuppe sagt:

    Schon lange hat mir kein Blogeintrag mehr so aus dem Herzen gesprochen wie dieser.

    Nachrichten, so habe ich es noch in der Schule gelernt, sind lediglich Tatsachenberichte ohne Wertung, ohne Vermutung und ohne eigene Einschätzung.

    Doch was gilt heute alles als Nachricht? Vermutungen, Spekulationen, Gebrüll und Geplapper in einem fort.

    Jeder hat zu allem eine Meinung, egal ob Ahnung und Sachkenntnis überhaupt nur ansatzweise vorhanden ist.

    Wie oft muss ich mir anhören: „Was du hast keine Tageszeitung und guckst auch keine Tageschau? Wie willst du wissen, was alles passiert ist?.

    Dann antworte ich: „Auf diesen gefilterten und ins jeweilige Parteiprogramm, passenden Mist, kann ich gerne verzichten. Man erfährt ja doch irgendwie immer wieder, was da alles passiert ist.
    Man lebt schließlich nicht hinterm Mond und hat auch noch das Internet.

    Und indem ich mich nicht zumüllen und zukleistern lasse von irgendwelchen Expertenmeinungen, hab ich schön Zeit, mir meine eigenen Gedanken zu machen.

    Meine erste Frage, die ich mir bei allem stelle ist: Cu bono? Und schon brauche ich keine anderen Leute, die mir Meinungen und Ansichten vorkauen.

    Und Schlußendlich, hab ich dass Gefühl, irgendwie ruhiger, zufriedener und ausgeglichener zu sein, wie all diese Nachrichtenjunkies, mit ihren Ängsten vor Terrorismus (Was ist das eigentlich genau), Islamhass, Vergewaltigungen, Finanzkrise….

  6. Skyjumper sagt:

    Hmm? Nachdem ich den Artikel nun 2x gelesen habe verfestigt sich meine Meinung dahingehend, dass er mir zu einseitig ist. Viele Bedenken die Bonner äussert kann ich zwar bei mir selbst durchaus nachvollziehen, andere aber nicht.

    So fühle ich mich bspw. hinsichtlich der meisten Nachrichten durchaus nicht hilflos. Die meisten Nachrichten betreffen mich schlicht entweder gar nicht, oder zumindest nur mittelbar. Diese Art von Nachrichten wecken zwar durchaus auch positive oder negative Resonanz bei mir, aber so gut wie nie ein Gefühl von Hilflosigkeit. Das mag vielleicht daran liegen dass ich weder besonders missionarisch noch weltverbesserlich veranlagt bin. Soweit ich zu dem Schluß komme dass eine Nachricht mich direkt betrifft, oder zumindest das Potential hat mich in absehbarer Zeit betreffen zu können, gibt es IMMER etwas was man tun kann. Vielleicht nicht all dass, was man für wünschenswert hält, aber irgend etwas kann man immer machen um die erwartete Situation im eigenem Interesse dahingehend zu beeinflussen dass die Folgen (bei Negativszenarien) abzumildern.
    Hilflos fühlen sich in der Regel diejenigen, die bereits das eigene Denken und die Eigenverantwortung ein Stück weit (oder auch ganz) aufgegeben haben und nach dem Überstaat (oder gleichartigen Institutionen) rufen, auf dass dieser das Problem lösen möge. Für diese Gruppe trifft die Negativanalyse von Bonner dann umfänglich zu. Diese Gruppe wird Beiträge wie den von Bonner jedoch tendenziell selten lesen, die Warnung erreicht sie also gar nicht.

    Bereits vor 35 Jahren pflegten wir zu sagen dass man sich weder allein auf den Spiegel, noch auf die Springerpresse verlassen darf. Das Nachrichten manipulativ eingesetzt werden ist nun einmal keine neue Erfindung. Nachrichtenjournalismus ist auch nach meinem Empfinden dramatisch schlechter geworden, aber auch ein Stück weit „ehrlicher“. Früher waren die Tagesschau oder das Heutejournal vordergründig neutral, heute braucht ein Claus Kleber nur 20 Sekunden den Mund aufmachen und man weiß wes Geistes Kind man vor sich hat. Manipulationsversuche waren vor 35 Jahren schwerer zu enddecken.

    Ja, man kann den Konsum von Nachrichten einstellen. Allerdings leistet man damit denjenigen Vorschub, die bereits früher behauptet haben „Seelig sind die geistig Armen, denn ihnen wird das Himmelreich sein“. Nachrichten zu konsumieren, auch schlecht und/oder einseitig gemachte, hat nach meinem Verständnis den positiven Effekt mein Interesse auf etwas zu lenken. Diesem Interesse dann zu folgen und selbstständig weitere Quellen zu erschließen liegt dann im eigenem Verantwortungsbereich. Es ergibt sich dann auch von selbst, dass man hinsichtlich der Quantität an Nachrichten wo man dies leisten kann beschränkt ist. Doch auch die Auswahl der Nachrichten zu denen man das machen möchte liegt im eigenem Verantwortungsbereich.

  7. topperhopper sagt:

    Der Beitrag ist 1:1 aus einem Buch („Narren des Zufalls“ oder „Antifragilität“) von Taleb übernommen. Zumindest kann ich mich an dieselben Argumentationsmuster erinnern.

    Ich stimme dem Text in weiten Teilen zu.

    Es geht nicht darum, nicht mehr zu lesen. Es geht darum, „News“ – also kurze Nachichtenhappen, Breaking News, Laufbänder usw., die uns erst seit ein paar Jahren überfluten, zu ignorieren. Das, was dort steht, ist entweder irrelevant oder wenn es wirklich wichtig ist, wird es uns schon rechtzeitig auf anderem Wege erreichen.

    Der Autor (Taleb/Bonner) hat Recht. Nachrichten können zur Droge werden. Man fühlt sich irgendwie „abgeschnitten“. Was aber eigentlich höchstens schlecht für den Small Talk ist. Wichtige und entscheidungsrelevante Informationen erhält man i.d.R. aus Büchern oder längeren Hintergrundartikeln.

    VG

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