Deflationitis: Wenn der Geldvirus zuschlägt

30. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Zunächst eine dringende Warnung: Halten Sie künftig Fenster und Türen geschlossen. Geben Sie Acht, wem Sie öffnen! Seit einiger Zeit schockiert das Deflationsgespenst die Verbraucher und streckt sie reihenweise nieder. Seine Überfälle sind genauestens geplant. Familie Nimmersatt in der Nachbarschaft ist eines der ersten Opfer geworden. Ein Lagebericht…

Karl Gustav Nimmersatt ist ein armer Kerl. Seit Wochen schon brennt bei ihm kein Licht mehr. Er wartet auf fallende Strompreise. Er heizt auch nicht mehr, denn er wartet auch auf tiefere Gaspreise. Er spart, denn seine Guthaben werten dann von ganz allein auf, sagen Experten. Auch sonst ist es recht schwierig geworden, deshalb schaue ich öfters mal bei ihm vorbei. Ob er seine Deflationitis überleben wird?

Die Prellungen an seinen Armen und am Kopf lassen vermuten, er tappt schon seit einiger Zeit im Dunkeln. Strom ist teuer. Die Preise werden aber fallen. Kalt ist es bei ihm auch noch. Er sagt, Azaleen mögen keine Wärme. Seine Heizung hatte in den letzten Tagen kaum etwas zu tun. Er wartet auf weitere Preisrückgänge und sieht abgemagert aus. Karl Gustav ist ein typischer Deflationär.

Mit ihm treffe ich mich (wegen der Wärme) lieber in der Kneipe. Dort wartete er letztens mit der Bestellung, bis die Tasse Tee (Heißes Wasser, 1 Gramm Kräuter) unter die aufgerufenen 2,80 Euro fallen würde. Ich entschied mich dann doch, ihn einzuladen. Früher saßen wir öfters zusammen. Seitdem aber massenhaft Deflationswarnungen in der Presse auftauchen, hat sich sein Leben komplett verändert. Das offizielle Deflationsgespenst hat sich bei ihm eingenistet. Wahrscheinlich wohnt es mietfrei im 1. Stock und schläft heimlich mit seiner Frau. Es benutzt weder Tür noch Tor, sondern kommt über TV und Radio ins einst gemütliche Heim. Manchmal kommt es auch über das Internet, vor allem wenn Karl Gustav Seiten besucht, auf denen nicht Viren, sondern die Ergüsse der führenden Ökonomen und ihre Warnungen vor der Deflation toben.

Karl Gustavs Frau Erika hat mit dem Deflationsgespenst mehr Erfahrungen als ihr Mann. Ausnahmsweise haben die Experten Recht, dieses Virus ist ansteckend, schreiben Zeitungen bzw. das, was davon übrig geblieben ist.

Fallende Preise am Arbeitsmarkt seit der Einführung von Hartz, Billigjobs und Lohndumping durch die sozialdemokratische Partei haben bei Karl Gustavs Frau Barbara bislang verhindert, einen passenden Preis für ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten am Markt zu finden. Arbeitsmarkt-Deflation nennt der Fachmann das Untervirus der Deflationitis. Als Folge dann mutieren Deflationisten zwangsläufig zu Sparfüchsen. Manchmal führt das sogar zu Tollwut, kurz PEGIDA genannt.

Früher nannte man die Leute, die in Kneipen und an Stammtischen über Inflation schwadronierten Verschwörungstheoretiker, wenn sie dann biergeschwängert mit der Faust der Arbeiterklasse am Henkel des Bierkruges die Inflationsangst herbeiredeten. Heute meinen sie aber, die modernen Verschwörungstheoretiker wären Ökonomen und Politiker. Wer hat Recht? Ich meine ja, die Realität. Aber die findet ja nur in der Statistik statt. Nein?

Seuche mit Ansteckungspotential

Wie dem auch sei, Im Vergleich zur Deflationitis ist Ebola weit weniger ansteckend, sagen promo-VIR-te Experten. Seit ihre Verbraucherpreise jetzt auch offiziell fallen, hat das Deflationsgespenst viele Kinder bekommen. Die Brut wohnt inzwischen auch in der Nachbarschaft. So wartet Markus N. seit einigen Wochen im gleichen T-Shirt darauf, dass die Packung T-Shirts beim gleichen Preis statt zwei dann drei von Kinderhänden geklöppelte Oberteile enthält und stinkt sorgfältig vor sich hin. Seine Frau Nicole N. hatte man neulich mit Unterkühlung im Auto gefunden, als sie vier Tage auf das Schnäppchen ihres Lebens an der Tankstelle wartete und dann ins Krankenhaus gebracht wurde. Sie ist zwar nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber als von Deflationitis geplagte Sparfüchsin bringt sie es zu Ruhm und Ehre. Wo eigentlich?

Als vor wenigen Tagen beim Discounter die Milchpreise um drei Cents sanken, kaufte sie 8.000 Milchtüten. Mit den gesparten 240 Euro füllte sie den Tank, was wegen der tiefen Benzinpreise den Einsatz des Katastrophenschutzes notwendig machte. Die gesparten 100 Euro setzte sie sofort in Heizöl um, was dann zu ernsten Eheproblemen führte.

Wie Sie sehen können, liebe Leser, ist die Deflationitis eine ernste Herausforderung. Viele Journalisten sind inzwischen ihr Opfer geworden, wenn sie vor fallenden Preisen warnen. Dabei verwechseln sie fallende persönliche Einkommen mit realen Ausgaben für den täglichen Bedarf. Als Ergebnis wurde „Lügenpresse“ das Unwort des Jahres. Und ich gebe es zu, die offiziell fallenden Preise bereiten auch dem Autor dieser Zeilen Sorgen. Wenn Sie als Leser dieser Seite so freundlich wären, teilen Sie mir doch bitte mit, wo Dinge des täglichen Bedarfs wirklich billiger geworden sind. Ich meine ausdrücklich nicht Schnickschnack, sondern Dinge, die ein „warm, trocken und satt“ in diesem Land durch fallende Preise wirklich bedrohen.

Beten für Inflation

Oh Himmel! Wir sollten sonntags künftig öfters in die Kirche gehen. Fallende Verbraucherpreise sind die Hölle, zumindest im Paralleluniversum der Statistiker. Gleichzeitig aber befinden sich die Deutschen laut Statistik im Kaufrausch, weil sie real immer mehr Geld in den Taschen haben. Ich weiß nicht, wo die Erhebungen gemacht werden und welche Getränke dabei gereicht werden, aber ich möchte das auch gerne probieren.

Man stellt sich inmitten der ersten Deflationitis-Schübe ganz eigenwillige Fragen…

Kann es sein, dass die Masse der Leute zu wenig Geld hat und es generell zu viele Waren gibt? Zu viele Läden? Zuviel Unsinn und Schnickschnack in einer Welt, wo die meisten davon schon alles haben?

Kann es sein, dass zu viele Zombies zu viele Dinge produzieren und anbieten, die kein Mensch braucht und deshalb die Preise dafür fallen, dass aber die Zombies direkt und indirekt auf Mittel zurückgreifen können, damit sie den Markt noch stärker überschwemmen können? …

Kann es sein, dass es diese vielen Zombies nicht gäbe, wenn sie nicht künstlich am Leben gehalten worden wären und nun ihre Schäden erfolgreich maximieren?

Kann es sein, dass diese vermeintliche Deflationitis auch hervorragend als Alibi für die geldpolitischen Maßnahmen taugt, wo man ohne diese Sorgen die Verantwortlichen dieses Aktionismus als Zielfigur auf jede Dartscheibe pappen würde? (Seite 2)



 

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16 Kommentare auf "Deflationitis: Wenn der Geldvirus zuschlägt"

  1. notarfuzzi sagt:

    Phantastisch, man könnte es nicht besser ausdrücken! Ich fürchte nur, es wird von zu Wenigen gelesen!

  2. Insasse sagt:

    Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, z.B. bei den „Experten“ von Börse im Ersten, wird den noch verbliebenen Dummzuschauern die Deflation immer mit folgendem Beispiel bildlich erklärt: Deflation herrscht, wenn die Leute sich keine Waschmaschine mehr kaufen, weil sie erwarten, dass dieja übermorgen günstiger und in zwei Monaten noch viel günstiger wird.

    Ich bekommen dann immer einen sehr bösartigen Gesichtsausdruck ob so viel geballten Experten-Unfugs. Wenn ich eine Waschmaschine brauche, dann kaufe ich eine. Oder soll ich etwa warten, bis mich die Leute in der U-Bahn missbilligend anschauen und die Nase rümpfen, weil ich stinke? Wenn mein Tank leer ist, fahre ich tanken. Oder soll ich mitten auf der Kreuzung liegen bleiben? Da warte ich nicht noch zwei oder drei Wochen in der Hoffnung, dass der Spritpreis noch um weitere zwei Cent sinkt. Wenn ich Brot brauche oder Kartoffeln, dann gehe ich los und kaufe das Zeug und warte nicht, bis in drei Wochen die Preise gesunken sind. Bis dahin bin ich nämlich verhungert!

    Fazit: Bei essentiellen Konsumgütern gibt es keine Deflation, welche ihre Ursache darin hat, dass die Konsumenten sich dem Kauf in der Hoffnung auf fallende Preise verweigern! Essentielle Verbrauchsgüter werden immer dann gekauft, wenn sie benötigt werden. Und ganz nebenbei bemerkt: Essentielle Verbrauchsgüter machen den größten Teil der Umsätze aus. Deflation durch Aufschieben von Käufen, gibt es im besten Fall bei Luxusgütern und sonstigen desparaten Ausgaben, wie z.B. Urlaub. Selbst insoweit kann ich aber derzeit weit und breit keine Deflation erblicken. Die S-Klasse, die ich letzte Woche gekauft habe und der Seychellenurlaub (Northisland, 4 Wochen), den ich gestern gebucht habe, kosten jedenfalls keinen Cent weniger als noch letztes Jahr… 😉 😉 😉

    • mohrfan sagt:

      Nicht nur bei essentiellen Gegenständen ist die viel verbreitete Logik Schwachsinn, insbesondere in den Deflationsraten von denen wir reden. Wenn ich 5 Jeans im Schrank habe und mir überlege eine 6. zu kaufen (nicht essentiell), dann lasse ich den Kauf doch nicht sein, nur weil ich weiß, dass die Jeans nächstes Jahr nicht mehr 80 EUR, sondern nur noch 79,20 EUR kosten wird.
      Ok, bei Deflationsraten von 10, 20% könnte so ein Effekt langsam auftreten, aber wie wahrscheinlich ist dass denn?

  3. Sandra sagt:

    Schmerzerfahrungen sind normalerweise dazu da, um zu lernen. 🙂

    Lernunwillige fassen so oft auf die heiße Herdplatte, bis sie die Hände nicht mehr spüren. Eine super Sache und strategisch unterlegt, sagt man sich dann: Die tauben Nüsse spürt und braucht man nicht. Und weiter geht es dann, bis sie abfallen.

  4. Sandra sagt:

    Ich glaube, einige denken sich, sie hätten stets die Wahl, ob sie aus Fehlern lernen wollen. Dies ist in der Realität nicht so, wie wir stets wissen. Verdrängungskünstler schieben die Fehler nur vor sich her – das ist alles, was sie tun können. Um was genau zu tun? Einen Schrecken ohne Ende zu erleben. Bitteschön – es sei euch gegönnt.

    Ich ziehe stets ein Ende mit Schrecken, das Lernen aus meinem Schmerz vor, erkenne dadurch meinen Fehler und lebe.

  5. Sandra sagt:

    reine Rhetorik

    Wer einen Schrecken ohne Ende produziert, muß dies normalerweise selbst ausbaden.

    Damit man dies nicht muß, sucht man andere, die das gerne übernehmen. Durch Rhetorik erzeugt man somit die erforderliche Einstellung und Glauben. Dies funktioniert nur, wenn der Andere der Argumentation folgt, dies annimmt, sich darauf einstellt, sich darauf einläßt, sich zur Verfügung stellt, von der logischen Folge überzeugt ist, sich in sie begibt, eine andere Option aufgibt –

    sich FREIWILLIG in sein fremdproduziertes Schicksal fügt.
    (Dies ist zwingende Voraussetzung für das Aussetzen der Gerechtigkeit!)

  6. Michael sagt:

    Ich mache jetzt ein Institut – Ein Institut? Besser gleich eine eigene Fakultät – Die ‚SchuSo‘.

    Fangen wir mal klein an – Institut für Sozialisierungsverhalten von Schulden und angewandtem Geldsozialismus – displizinübergreifend – zukunfsorientiert.

    Grundstück ist leicht gefunden, denn in jeder Gemeinde gibt es einen Schuldenberg und ein Schuldenturm lässt sich ja auf Kosten der öffentl. Hand leicht adaptieren wenn sich ein Neubau nicht ausgeht – da braucht man dann nicht sparen.

    Das Forschungsgebiet der Zukunft soviel Zuzug gab es schon lange nicht mehr nach Europa.

    Mit Miss Wahl – Für heuer nach dem gestrigen Kommentar Japan macht Nullzinspolitik schon seit Dekaden sehr erfolgreich und deswegen für den EURO Raum der angedachte Schritt in eine verheißungsvolle Zukunft – exklusiv genannt – Beatrice Weder di Mauro.

    Preis wird ein Ehrendoktorat und eine Professur in der Abteilung im Keller – Abteilung für Angewandte Inflationsleugnung und Deflationsforschung, im Stile von Body of Proof. Jedes Quartal wird eine bankrotter Staat der E.U. oder aus dem globalen Focus. Als Ziel der Forschung wird angestrebt eine deflationsfreier Geldschein auf Basis von veredelter Zellulose auf der Kaufkraft noch nicht mal mehr mikroskopisch nachweisbar ist, deswegen braucht man dann mehr Scheine.

    Hic locus est ubi mors gaudet succurrere vitae.

    Das ganze wird gefilmt über die U.S. abgerechnet und dort steigt dann das BIP aufgrund der Forschung und der Filme.

  7. Michael sagt:

    Es kann durchaus passieren, dass sie ihre Inflationsberechnung im Bereich der Aktien ob einer zu erwartenden verhaltenen Inflationsneigung müssen anpassen. Jeder der jetzt auf relativ hohe Dividende hofft kann durchaus die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Was hindert denn notierte Unternehmen ihre Dividendenausschüttung auf das notwendige Minimum gegenüber den Alternativen anzupassen? Wenn es 10 bis 20 Jahre praktisch keine Guthabenzinsen gibt…

  8. Ulrich Zabet sagt:

    Ich habs gelesen, origineller Artikel, der humorvoll den Kern der Problematik trifft. Werde den Inhalt an meine „intellektuellen Bekannten“ weiterreichen. Mal sehen wer über seine eigene Dummheit auch lachen kann. Danke für den hervorragenden Text

  9. bluestar sagt:

    GROSSARTIG !!!
    Eine exzellent vorgetragene Meisterleistung die uns klar zeigt, wie der in den Monopolmedien ungestraft verbreitete Schwachsinn immer abartiger wird.
    Auf das sich die Tollwut verbreiten möge.

    VG aus Sachsen

  10. Sandra sagt:

    Die Annahme: ‚Sie wissen nicht, was sie tun‘ ist Irr- und Schwachsinn. Jeder weiß immer, was er tut – ob man dies auch möchte ist unterschiedlich. Dazu bedarf es keinerlei Aufklärung.

    Einige sind vielleicht etwas schlecht im Rechnen und machen nie eine Folgeabschätzung.
    Dazu eine Hilfestellung:
    zu wirtschaften ist eine bewegende Kooperation der Differenzen
    nicht zu wirtschaften ist eine Kooperation zu Arbitragegewinnen alleinig auf der Basis der Differenz (der Position, des Standes)

  11. Argonautiker sagt:

    Allein schon bei der kreativen Namensgebung für die europäische Währung, konnte man erahnen, was Europa einmal werden sollte. „Euro“. Ein Konstrukt welches ausschließen Finanzinteressen galt und gilt.

    Schlag mich fett, über diese innovative, konstruktive, und äußerst kreative Namensgebung, hat man sicherlich in 10.000 Thinktanks gleichzeitig, monatelang, hyperaktiv nachgedacht. (Thinktanks sind ja auch so praktisch,…, kann man nur äußerst schwer draus rausdenken)

    Man sollte den Dollar vielleicht auch in Americano umwandeln, und den Renminbi in Chino, und den Rubel in Russo, oder man führt halt gleich den Globalo ein.

    Schönen Gruß aus Bremen

  12. Sandra sagt:

    Jede Handlung basiert auf einem wesentlichen Entscheidungskriterium:
    Dem Wert der Differenz.

    Die Betrachtungsweise kann sehr unterschiedlich sein.
    z.B. der eine kauft ein neues Auto als Statussymbol (um jeden Preis)/ der andere kauft nur, wenn der Wert der Differenz mit dem Preis im Verhältnis steht.
    Einer kauft sich Pillen zum schlank werden – die andere überlegt ob die Differnz des schlank Seins sich über den Wert des Ruinierens durch Pillen erkauft werden sollte …

    Nachhaltig zu wirtschaften ist eine Kunst, bei der man vor allem rechnen und aus vielen verschiedenen Perspektiven heraus vergleichen können muß.

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