Deflationäre Vollbeschäftigung

9. April 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Robert Rethfeld

Wohlfühl-Deutschland möchte alles so wie früher. Wer sein Leben lang gearbeitet hat, soll künftig schon mit 63 Jahren die volle Rente beziehen. So hat es die Bundesregierung beschlossen.

Das Rentenpaket soll am 1. Juli 2014 in Kraft treten. Die vor einigen Jahren eingeführte stufenweise Verlängerung der Arbeitszeit bis 67 wird zurückgedreht.

Das von diesem Beschluss ausgehende Signal führt in die falsche Richtung. Der Blick auf den so genannten „Altersabhängigkeitsquotienten“ verdeutlicht das Problem. Diese Ratio bezeichnet das Verhältnis der Altersgruppe der Rentner (65plus Jahre) zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20-64 Jahre). Da die geburtenstarken Jahrgänge im Verlauf der kommenden 10 bis 15 Jahre in Rente gehen, steigt der Altersabhängigkeitsquotient an. Der steilste Teil des Anstiegs beginnt jetzt (folgender Chart). (Quelle)

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In den kommenden 20 Jahren wird der Quotient (rote Linie obiger Chart) von 35 auf 60 zulegen. Derzeit versorgen 100 Personen im arbeitsfähigen Alter per Umlagesystem 35 Rentner. Im Jahr 2035 werden 100 Personen im arbeitsfähigen Alter aus ihrem Gehalt 60 Rentner finanzieren müssen.

Auch in anderen Ländern steigt die Altersabhängigkeit. Vorreiter der Entwicklung ist Japan. Der scharfe Anstieg setzte dort ab 1990 ein (schwarze Linie folgender Chart). Begleitet wurde dieser Anstieg von wirtschaftlicher Stagnation, Deflation, niedrigen Zinsen und einem Fall der Aktienmärkte.

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Während sich der Anstieg in den USA – bedingt durch Zuwanderung und eine relativ hohe Geburtenrate – vergleichsweise verträglich darstellt, beginnt für China der „lange Marsch“. Von der aktuell niedrigen Quote von 15 steigt die Ratio auf 34 im Jahr 2035 auf 60 im Jahr 2065.

Klar ist, dass für China die goldenen Zeiten, in denen die Jungen die Senioren ohne ein staatliches System versorgen konnten, vorbei sind. Der Aufbau eines Sozialsystems erscheint unabdingbar. Eine interessante Parallele ergibt sich, wenn man die Altersabhängigkeitsquotienten Chinas und Japans um 30 Jahre zeitversetzt platziert.

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Die Kurven liegen aufeinander: 1990 Japan = 2020 China. Droht China ab dem Jahr 2020 wirtschaftliche Stagnation, Deflation, niedrige Zinsen und ein fallender Aktienmarkt? Auch wenn der Altersabhängigkeitsquotient nur einer von vielen Einflussfaktoren ist, so erscheint er wichtig genug, um herausgestellt zu werden.

Wie mit diesem Anstieg des Altersabhängigkeitsquotienten in Deutschland umgehen? Die gesetzliche Renditenversicherung wird ihr Niveau ohne zusätzliche staatliche Subventionen nicht halten können. Der Aufbau einer zusätzlichen Absicherung ist Pflicht. Doch wie soll das geschehen? Die Renditen befinden sich seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau. Der Sparer wird durch die Zentralbanken und die Politiker zum Konsum im hier und jetzt gezwungen.

Renditeversprechen mit 8 Prozent oder mehr, denen im Falle Prokon 75.000 Anleger gefolgt sind, erweisen sich als Luftnummer. Tatsächlich erweist sich – bei Betrachtung langer Zeitreihen – nur die Aktienanlage als realer „Gewinnbringer“. Doch ist in Deutschland die Luft raus, was diese Anlageklasse anbetrifft. In den USA wird der Vermögensaufbau für das Rentenalter durch sogenannte 401 (k) Sparpläne steuerbegünstigt. Das Kapital wird nicht garantiert. Fallen die Kurse, fällt der Wert des Sparplans.

In Deutschland hingegen ist die Konstruktion eine andere. Im Falle der Riester-Rente müssen die Anbieter von Fondssparplänen und fondsgebundenen Rentenversicherungen den Kapitalerhalt garantieren. Als Folge wird in „risikolose“ Anlageklassen wie Anleihen investiert. Diese werfen angesichts der aktuellen Rendite kaum etwas ab. Aktien werden gemieden. Wenn man die Deutschen an der weltweiten Kapitalbildung beteiligen will, sollte die Politik den Schritt gehen und Risiken im steuerbegünstigten Vermögensaufbau zulassen. Irrwitzigerweise geschieht das genaue Gegenteil. Anleger, die bereit sind, Risi-ken für die Alterssicherung auf sich zu nehmen, werden – voraussichtlich – durch eine Finanztransaktionssteuer bestraft.

In Japan setzte in den 1990er Jahren eine deflationäre Entwicklung ein. Japan erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Vorreiter einer Entwicklung, die längst alle wichtigen Industrienationen erfasst hat. Inflationsraten von 3% oder mehr dürften dort, wo beständig mehr Ressourcen für die Sicherung des Rentenalters umgeschichtet werden müssen, der Vergangenheit angehören. Dies gilt für die Industrienationen. Man darf schon froh sein, wenn eine beständige deflationäre Tendenz wie in Japan bei uns vermieden werden kann. Aber auch ein Schwellenland wie China muss einen immer größeren Teil des Produktivvermögens für die Altersversorgung abzweigen. Dies kostet Wachstum und dämpft die Inflation.

Ältere Arbeitnehmer verdienen üblicherweise mehr als junge Kräfte. Ein Arbeitsmarkt, den mehr ältere Kräfte verlassen als junge Arbeitnehmer nachrücken, verschafft den Unternehmen zwar Vorteile auf der Kostenseite. Gleichzeitig üben Rentner – mangels Einkommen – Konsumverzicht. Dies wirkt sich negativ auf Unternehmensumsätze aus. Auch die Kreditnachfrage bleibt schwach, da Investitionen weiter zurückgefahren werden. Eine stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft ist die Folge. Die Stimulierung einer solchen Wirtschaft erhöht die Staatsverschuldung genauso wie die Übernahme von Versorgungslasten für die Rentenkasse.

Das Modell „Deflationäre Vollbeschäftigung“ steht nicht in den Lehrbüchern. Dennoch dürfte es ein passendes Modell für die westlichen Industrieländer sein. Aus der Vergangenheit lässt sich ein solches Modell nicht ableiten. Denn in den vergangenen Jahrhunderten waren pyramidenförmige Bevölkerungsstrukturen üblich. Es ist an der Zeit, volkswirtschaftliche Modelle zu entwickeln, die die veränderte demographische Entwicklung berücksichtigen. Das westliche Wirtschaftssystem wird in den kommenden Jahren von immer weniger Arbeitnehmern getragen werden. In Japan – dem Vorreiter dieser Entwicklung – beträgt die Arbeitslosenquote 4 Prozent.

In den kommenden 20 Jahren wird – nicht nur in Deutschland – die Transformation von einer Arbeitnehmergesellschaft zu einer „Rentnergesellschaft“ stattfinden. 100 Arbeitnehmer müssen dann 60 Rentner finanzieren. Da muss jede einzelne Person im erwerbsfähigen Alter „ran“. Japan befindet sich seit 1990 in einer solchen Situation. Die westlichen Industrienationen werden Japan nicht eins zu eins folgen. Doch die Gesetze der demografischen Entwicklung lassen sich weder durch Zentralbanken noch durch die Politik aushebeln. Ein gewisses Maß Japan kommt auf alle westlichen Industrienationen zu. Das bedeutet schwaches Wirtschaftswachstum, eine deflationäre Tendenz, niedrige Renditen und kaum Möglichkeiten zum Abbau der Staatsverschuldung. Auf der Positivseite lässt sich eine vergleichsweise geringe Arbeitslosigkeit notieren.

© Robert Rethfeldwww.wellenreiter-invest.de

 

5 Kommentare auf "Deflationäre Vollbeschäftigung"

  1. aristo sagt:

    Es geht nicht darum, wie viele Arbeitnehmer wie viele Rentner finanzieren. Diese Kopfdiskussion ist unseriös und unwissenschaftlich.

    Auf Nachfrage kann ich das gerne mit Fakten belegen.

    Es geht darum, was eine Volkswirtscfhaft im Gesamten erwirtschaftet und um eine gerechte Verteilung dieser Leistung. Deswegen ist auch das Argument der zukünftigen Pensionsverpflichtungen des Staates eine Luftnummer.

    Um dies zu erkennen, reicht die Beherrschung der Grundrechenarten völlig aus.

    • Skyjumper sagt:

      Da widerspreche ich Ihnen. Theoretisch und mathematisch haben Sie zwar Recht: Da geht es stur um die Größe eines Kuchen und wie man ihn verteilt. In der Praxis sieht das allerdings deutlich anders aus.

      In der Praxis ist es nämlich von erheblicher Bedeutung dass die eine Gruppe den Kuchen backen soll, während die andere lediglich essen will (bzw. altersbedingt kann). Und nun raten Sie mal was passiert, wenn sich das Mengenverhältnis der Gruppen deutlich verändert, und die Gruppenmitglieder „Nur Esser“ aber trotzdem den gleichen INDIVIDUELLEN und ABSOLUTEN Teil Kuchen haben wollen?

      Die „Kopfdiskussion“ mag vielleicht unseriös sein, aber letztlich geht es genau darum. Und das betrifft selbstverständlich genauso sehr die Rentensysteme wie auch die Pensionssysteme, beides sind Umlagesysteme bei denen von der Hand in den Mund gelebt wird.

      • Michael sagt:

        Denke es ist gewagt zu glauben, dass sich eine soziale Marktwirtschaft auf diese Art kann bestehen. Nicht unter den Rahmenbedingungen einer kollabierenden Arbeitsbevölkerung. Die Altmarxisten CDU und SPD können nicht in der Sache massiv abweichen von der Argumentation die sie über Dekaden haben aufrecht erhalten.

        Die Lösung liegt im Aufgeben der Umverteilung.

        Die Renten und Pensionskarotte kombiniert mit der Umverteilung lässt ja allein mit einem ungemein trickreich argumentierten Lügengerüst aufrechterthalten. Ich nenne das kurz zusammengefasst Propagandalüge Bruttolohn. Gemeint ist damit das Verhältnis zwischen Kaufkraft und Arbeitskosten. Eines ist klar, jene die den Spaß zu zahlen haben respektive zu erwirtschaften riechen den Braten vorher. Wer arbeitet heute noch wirklich an den Dingen um die es geht – alle die schlecht bezahlt sind.

        Der ‚kleine‘ Mann liegt mit seiner Kritik im einzelnen Punkt zumeist sehr richtig. Es ist allein keiner so wirklich auf die Idee gekommen mit anderen darüber zu sprechen und nach den Ursachen zu suchen. Es ist schwer sich einzugestehen, dass man sein Arbeitsleben lang verarscht worden ist.

        Fragen sie mal junge Arbeitnehmer wie toll die das finden mächtig abzugeben. Der Sozialstaat wird an der Perspektivlosigkeit der jungen Menschen vergehen.

        Ich bin ja keine Freund der Arbeit. Als Kind habe ich schon immer zuerst jene Teile vom Teller gegessen die mir weniger schmeckten. Genauso hab ich mal geschaut dass ich 14 Jahre so in die Richtung doppeltes Einkommen durch 2 ‚Vollzeitjobs‘ mal die Pflicht so hinter mich bringe. Im Rahmen eines solchen Vorgehens muss man Arbeit an sich sehr effektiv organisieren. Man trifft auch andere die ähnlich agieren. Unternehmen sind heut so organisiert. Alle müssen in einer Kachel pro Woche im Ausmaß von 40 Stunden ca. anwesend sein. Das ist absurd. Vor 100 Jahren hat das mal jemand so organisiert. Wochenarbeitszeit ist ein Anchronismus und die Anwesenheit der vielen ist der Fluch der Wenigen die etwas weiterbringen wollen. So weit sind wir heute. Wir brauchen damit dieses System überhaupt weitergeht eine massive Entlastung manueller Arbeit gepaart mit dem Bekenntnis sie zu beseitigen und der Bitte an den Einzelnen auf anderen Gebieten sich zu Gunsten der Gesellschaft Talente anzueignen und einzubringen.

        2030 ist sonst der Ofen aus.

  2. FDominicus sagt:

    Ich lese nur: Wir müssen dieses System irgendwie erhalten. Der Meinung bin ich ganz und gar nicht.

    • Michael sagt:

      🙂 Ein wenig ein teurer Spaß damit Politiker rumwichteln können. Selbst wenn der Bürger sinnvoll denkt und in der Pension in ein Land mit niederem Preisniveau ginge so ist noch nichtmal garantiert, dass der Anspruch auch ausbezahlt wird. Verhungern in .de ist die Bürgerpflicht.

      In Österreich ist die Rechtslage zumindest so, wird im Moment aber nicht praktiziert.

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