Deflation… Gefahr fallender Preise! Wirklich?

2. April 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Himmel Herrgott Sakrament! Die Preise fallen! Sehen Sie das auch? Und wenn, wer würde sich beklagen, wenn Einkaufen und Tanken billiger würden? Wieso nur diese Panikmache vor einer Deflation?

Die Geschäftsmodelle von Staaten und Zentralbanken beruhen auf steigenden Kreditmengen und damit steigenden Preisen. Für den kleinen Mann ist jedoch die damit verbundene Entwertung seiner Kaufkraft die größte Gefahr. Wer am meisten von einer Geldentwertung profitiert, hat auch entsprechend große Angst vor der bösen Deflation: Staaten, Zentralbanken und die Reichen.

Kurz vor der EZB-Sitzung gibt es Warnungen. EU-Währungskommissar Olli Rehn ängstigt sich vor den Gefahren der „extrem niedrigen Inflationsrate“. Extrem niedrig? Stabil wären Null(!) Prozent. Auch der IWF warnt, dass eine sehr niedrige Inflation es den hoch verschuldeten Ländern der Euro-Zone erschwert, ihre Haushaltsprobleme in den Griff zu bekommen, denn ihre Schulden werden nicht durch eine höhere Inflationsrate reduziert werden. Aha! Schuldenreduktion durch höhere Inflationsraten! Rehn und IWF sehnen sich nach einer Entwertung der Guthaben durch Entwertung von Schulden. Das finde ich aber sehr unfreundlich!

Die Kreditmaschine stockt zur Zeit. Mit der Solvenz der Schuldner stand es auch schon besser. Für die Reichen besteht die Sorge zurecht, dass auch ihre Vermögenspreise ins Straucheln geraten könnten. Bislang hat die Geldpolitik ja dafür gesorgt, dass die Preise an den Börsen und Immobilienmärkten gestiegen sind. Nein, wir haben ja keine Inflation. Nur eine Vermögenspreisinflation. Durch den Aufkauf von Anleihen wurden deren Preise auch künstlich nach oben getrieben. Wer aber kein Vermögen hat, und das betrifft recht viele, dürfte das wenig interessieren. Doch was ist eigentlich Vermögen?

Meist handelt es sich bei Vermögen um Buchgewinne auf Anlagen, die (noch) nicht „realisiert“ sind. Wenn aber das „Geld vom Tisch“ genommen wird, besitzen die Vermögenden einen Berg Papier. Auch dumm. Allerdings verfügen diejenigen mit so großem Besitz an Anlagegütern auch über viel Macht und beste Beziehungen in die Zentralen. Sie werden ihre Guthaben preislich beschützt wissen wollen – wie im Fall Griechenland, Spanien, Irland und Portugal. Bislang hat das funktioniert. Der EFSF zahlt in Kürze weitere Milliarden an Griechenland – Geld, das an die Gläubiger gehen wird.

Wie sich die Zeiten ändern

Es muss damals eine schreckliche Zeit gewesen sein, als Geldmengen noch pulsierten, als Märkte steigen und fallen durften, als das „Management“ an den Finanzmärkten gering ausgeprägt war und Preise für Vermögensgüter marktgerechter als heute ausgewiesen waren als heute. Die Börse war noch nicht zum Wohlstandsmesser verkommen. Aber wir leben ja jetzt in modernen Zeiten. Die meisten von uns wurden in diese Zeit hinein geboren. Inzwischen werden in den Schulen den Kindern die Vorteile unseres auf Kredit basierten Wirtschaftssystems als Fortschritt eingetrichtert. Ich fordere, dass neben den Kruzifixen auch bald Bilder von Draghi, Yellen und Kuroda anzubringen wären, denn die Dinge müssen erst richtig verrückt werden, bevor sie sich bereinigen.

Man muss den Leuten nur lange genug das Falsche erzählen. Dr. Brief, ein Freund von der Börse sagte gestern, wenn man vor 50 Jahren begonnen hätte, den Leuten zu erzählen, auf dem Mars wäre Leben, nur weil das Licht dort jede Nacht brennt, wäre diese Information zum Allgemeinwissen geworden. Irgend jemand muss ja nachts die Straßenlaternen ein – und ausschalten. Und die Leugner dieser Theorie wären Verschwörungstheoretiker. Aber es hätte funktioniert.
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Und wie weiter?

Wir borgen seit Jahren schon das Geld aus der Zukunft. Von dort aus wird es zurück schlagen. Wenn dann die Kredite zurück gefahren werden, kommt es zu Problemen. Die Geschäftsmodelle von Staaten, Zentralbanken und Banken funktionieren dann nicht mehr. Schulden werten auf, Ausfallraten für Kredite münden in Abschreibungen. Irgendwann in der Zukunft werden sich Guthaben und Schulden auslöschen. Dann kommt wirklich die Deflation, wenn Geldmengen kollabieren. Es bedarf nur eines Anlasses, welcher in der Zukunft liegt. irgendwann wird man sich das Ausbuchen der Schulden wünschen – wenn die Mehrheit dafür bereit ist. Neues Geld kam immer schon an einem Montag.

Ein Staat ist solange solvent, solange er Kredite (bei den Banken) aufnehmen – und er auf die Guthaben seiner Bürger zurückgreifen kann, ob als Steuer, Abgabe, ob direkt oder indirekt. Der Raub bliebe seine letzte Waffe. Selbst dafür wurden schon demokratisch legitimierte Gesetze erlassen, auf deren Grundlage auf Konten zugegriffen werden kann. Aber soweit ist es noch nicht. Einen Normalbürger mit nichts auf der hohen Kante, dessen Geld gerade für einen Monat ausreicht, dürfte es egal sein, wenn „die da oben“ Sorgen haben. Später werden alle von Sorgen geplagt, denn…


Vernichtung von Kaufkraft

Oft rechne ich die Preise in D-Mark um. Auf eindrucksvolle Weise sieht man dann die Entwertung der Kaufkraft unseres ach so stabilen Geldes. Eine Kugel Eis kostet in Frankfurt inzwischen zwei Mark, ein Bier im Restaurant fast zehn Mark. Sicherlich kann man darauf verzichten, aber nicht auf das Alltägliche. Eine Kilowattstunde Strom schlägt inzwischen mit fünfzig Pfennigen zu Buche. Der Zwangs-Rundfunkbeitrag kostet im Quartal mehr als 100 Mark. Ein gutes Brot kostet inzwischen acht Mark und ist dabei das Gleiche wie vor zehn Jahren. Erzähle mir niemand, es läge am technologischen Fortschritt. Bei Autos mag das zutreffen. Doch auch die sind inzwischen doppelt so teuer geworden wie zur Euro-Einführung.

Da das liebe Geld immer schlechter wird, muss man für eine Wareneinheit entsprechend mehr bezahlen. Und jetzt soll es preislich günstiger werden? Und das soll gefährlich sein, wenn der Einkaufskorb voller wird? Seltsam, sagt der Nachbar. Sind die Preise, ausgenommen von elektronischen Dingen und Telekommunikation in den letzten Jahren jemals gefallen? Ich kann mich nicht erinnern, während die Währungshüter von Stabilität reden und der Euro vermutlich auch bald in der Ukraine verteidigt wird.

Noch aber legt man die Worte der vermeintlichen Geldhüter auf die Goldwaage. Später wird man sie ignorieren. Das wird eine lustige-bittere Zukunft. Lustig, sie beim Rudern zu beobachten – und bitter wie Aperol.

In Zeiten zweifelhafter Aufklärung in finanziellen Dingen, werden die Begriffe häufig verwechselt. Ich befürchte, die wenigsten wissen, was eine Deflation ist. Vielleicht etwas aus der Medizin. Gemeinhin werden steigende Preise als Inflation bezeichnet und fallende Preise entsprechend als Deflation. Das ist Unsinn, welcher sich dank aufwendiger und überzeugender Aufklärung fest in den Köpfen festgesetzt hat. Der Begriff „Teuerung“ wäre passender.

Jetzt, da die offizielle Teuerung mit einer Steigerung von „nur“ noch 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr daher kommt, werden Forderung derer laut, die am meisten etwas von Inflation haben. Aus welchem Teil der Galaxie diese Zahlen kommen, bleibt milchig, vielleicht kommen sie sogar aus der Milchstraße, aber diese Zahlen könnten das Alibi dafür sein, dass die EZB am Donnerstag wieder die Zinsen senkt und in ihrem Koffer nach monetären Werkzeugen kramt. Die Börse würde es freuen. Mancher Börsenreporter wird dann sagen, oh ich höre es schon, die Anleger wären richtig optimistisch gestimmt und greifen bei Aktien tüchtig zu. Dabei handelt die Börse den kommenden Schaden in Form noch höherer Preise. Sie ist das Barometer für einen monetären Kollateralschaden und weniger Optimismus.
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Apropos Teuerung… Die Zahlen, selbst nach offizieller Lesart sind nur die halbe Wahrheit. Eigentlich müsste man die Preissteigerung der Anlageklassen in die Teuerung mit einberechnen: Aktien, Anleihen, Immobilien… um zu sehen, welche Folgen eine Erhöhung der Geldmenge für Folgen hat, und wer dann davon am meisten profitiert.

Die Ursache der Teuerung auch an den Finanzmärkten ist eine Ausweitung der Geldmenge. Kauft eine Notenbank Anleihen auf, dann macht sie das nicht nur wegen der Wirtschaft. Sie zahlt mit aus dem Nichts gedrucktem Geld die Inhaber von Anleihen zu Höchstpreisen aus. Diese zusätzlichen Verrechnungseinheiten treffen dann auf ein mehr oder weniger begrenztes Angebot an Waren und Dienstleistungen – oder auch Aktien. Bei steigenden Geldmengen verteuern sie sich, bei fallenden Geldmengen verbilligen sich die Preise. Aber wer bestimmt die Geldmengen?

Kämpfe gegen vermeintliche Kaufkraft

Diejenigen, die auch den Außenwert einer Währung bestimmen möchten. Soweit ich beobachten kann, scheint die Marke von 1,40 Dollar für einen Euro irgendeine Art von Schmerzgrenze zu sein. Auch diesen momentanen Kaufkraftvorteil reden die Zentralbanker nieder. In ihren Augen ist eine schwache Währung eine gute Währung. Das kurbelt die Exporte an, schreiben die Agenturen. Das steht dann überall geschrieben und ist inzwischen Allgemeinwissen. Wie glücklich müssten doch die Ukrainer gerade sein, wenn ihre Grywna um 40 Prozent abgewertet hat? Was ich fast vergessen habe… Deutschlands Geschäftsmodell besteht im Export. Wir geben den überschuldeten Ländern sogar Kredite, dass sie unsere Waren dann kaufen.

Früher hätte sich vieles von allein geregelt, als Handel noch der Austausch von Waren bedeutet. Da das „Geld“ aus Gründen der Einfachheit dazwischen geschaltet ist, bestimmt die Qualität des Geldes die Menge, die für einen Tausch für Waren auf den Tisch gelegt wird. Irgendwo war früher noch eine Anstrengung dazwischen geschaltet, bevor sich Zentralbanken eingeschaltet haben und das Geld von zweifelhafter Qualität über die Kreditvergabe der Banken in die Welt kommt und die entsprechende Werbung für Kredite gleich mit. Im großen Experiment der Notenbanken stiegen die Geldmengen, während die Summe an Waren und Dienstleistungen nicht mithalten konnten.

Es mag stimmen, dass die Deflation ein großer Feind wäre. Das meiste Geld ist durch Inflation gestorben. Der Feind der kleinen Leute aber ist immer die „Inflation“. Oder auch: Die Zentralbanken sind der Feind der kleinen Leute. In Zeiten der Euphemismen sind deshalb heute Zentralbanker Währungshüter oder Stabilitätswächter. Dabei zerstören sie auf kurze oder lange Sicht die Qualität der Verrechnungseinheiten, da ihr Geschäftsmodelle und das der Banken, Staaten und der Wirtschaft auf steigenden Preisen basiert.

Am Ende eines Geldes steht die Deflation – das Ausbuchen von Schulden und damit das Streichen von Guthaben. Bis dahin geht die Suche nach neuen Schuldnern weiter – freiwillig oder durch Zwang. Da die Staaten sich schon heute übernommen haben, bleiben die Zentralbanken als Nachschuldner übrig. Wenn am Donnerstag die EZB ihren Werkzeugkoffer öffnen sollte, dann könnten noch tiefere Zinsen auch noch die letzten Zinsen für Guthaben auf den Konten auslöschen. Dann werden die Börsen teurer und die Anleihen dürften auch noch zinsloser daher kommen. Und dann wird man annehmen können, dass es außer der Zentralbank kaum weitere Nachschuldner gibt.

Wahrscheinlich wird der Euro dann erst einmal fallen, wenn der mickrige Zinsvorteil der Eurozone verschwindet. Und Draghi wird wahrscheinlich darauf hinweisen, dass er noch mehr Werkzeuge in seinem Kasten hat. Folterwerkzeuge, die wir auch noch feiern…



 

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2 Kommentare auf "Deflation… Gefahr fallender Preise! Wirklich?"

  1. FDominicus sagt:

    Für mich einer der besten Einträge insgesamt. Der Abschluss bring es noch mal schön „trocken“:
    „Und Draghi wird wahrscheinlich darauf hinweisen, dass er noch mehr Werkzeuge in seinem Kasten hat. Folterwerkzeuge, die wir auch noch feiern…“

    In der Tat, aber wie heißt es schon schön „You never walk alone“ und so kann Herr Draghi mit Begeisterung der gewählten Demokratien rechnen und der Rechsstaat feiert allerfröhlichste Feste.

    Was soll man sich noch sorgen machen, die Zentralbank wird schon „gefällig“ sein.

  2. Berufsinkontinent sagt:

    Inflation, Deflation, Flatulenz, das ist doch Latein, das versteht doch ‚eh niemand ohne größeres Latinum, alles hat irgendwie etwas mit dem Wortstamm „Blasen“ zu tun. Ist aber jetzt kein „Schweinskram“, also nicht direkt, sondern höchstens im Sinne heißer Luft.

    Wenn die Dinge nicht mehr ständig teurer werden oder spiegelbildlich ständig wertloser werden, funktioniert das System nicht mehr. Wo kämen wir da hin, wenn wir so konsumieren würden, wie es unsere berufsbeamteten Statistiker monatlich vorrechnen ? Der Flachbildfernseher wird jede Woche billiger, man würde sich ja schwarz ärgern, heute einen gekauft zu haben und nächste Woche denselben für 50 Euro weniger zu erstehen. Dann warte ich die eine Woche noch ab und kaufe nächste Woche gleich zwei, um dann in der darauffolgenden Woche wieder festzustellen, dass die zwischenzeitlich noch billiger geworden sind. Ne, den Beschixx mache ich nicht mehr mit, ab jetzt werden wöchentlich keine Flachbildfernseher mehr gekauft. In allen Zimmern hängt jetzt einer, und der auf dem Klo spiegelt eh so. Und was ich im Spiegel sehe, verdirbt mir dann die nächste Mahlzeit, also nein, das muß wirklich nicht sein. Schlaue Leute nennen das Konsumverweigerung oder „Attentismus“, und das führt schnurstracks in die Rezession, wenn man nur deswegen nicht ständig neue Flachbildfernseher kauft, weil sie jede Woche billiger werden.

    Den Preisanstieg bei den Brötchen oder beim Speiseeis muß man relativieren. Muß ich für die Eiskugel jetzt länger arbeiten, so ich denn Arbeit habe ? Da ich aber weiß, dass die Eiskugel nächste Saison wieder wenigstens 10 Cent teurer wird, soll ich jetzt literweise Eis in mich abfüllen, einen 0% Konsumentenkredit einer bekannten „Consumer-Bank“ beim Eismann abschließen im guten Gewissen, der Inflation ein Schnippchen geschlagen zu haben, denn so viel Eis für so wenig Geld gibt’s in der Zukunft nie wieder, das ist Fakt. Und was sagt der spiegelnde Flachbildfernseher auf dem Klo dann zu meinem Anblick ?

    Richtig, das ist alles Mikroökonomie, aber die große Zahl der genauso wirtschaftlich intelligent und autonom handelnden Individuen macht eben die Makroökonomie aus, jedenfalls nach geltender Volkswirtschaftstheorie. Und die Millionen einzelner Entscheidungen machen dann Wirtschaft und Geldwertstabilität aus, pro oder contra zusätzlichem Flachbildfernseher und pro oder contra Eiscreme-Exzess, womit sich der gedankliche Kreis zur Flatulenz wieder schließt.

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