DAX: Mit beiden Beinen fest … in der Luft

9. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Menschen können dermaßen hartnäckig an den größten Schwachsinn glauben, solange der zu einer einmal fest und unveränderlich gefassten Meinung passt, dass man nur noch die Ohren anlegen kann. Und das Absurde daran ist, dass sich die Welt zwar verändert, die Meinungen aber in der Regel nicht…

Aber wenn sich diese ehernen „Erkenntnisse“ dann doch einmal verändern sollten, merken es viele Leute nicht einmal. Und DAS ist einer der entscheidenden Gründe, warum der DAX steht, wo er steht …

… wenn nicht sogar der einzige. Denn würde man die Zockerei der Hedgefonds als den anderen Grund nehmen, käme man erneut auf den festen Glauben an die ewige Hausse zurück. Denn diese Buschen könnten nicht tun, was sie tun, wenn ihnen die Anleger nicht regelmäßig Schubkarren mit Erspartem vor die Tür kippen würden. Aber zurück zum Punkt:

Erinnern Sie sich eigentlich, dass die erdrückende Mehrheit der Menschen vor etwa fünf Jahren wusste, dass das „billige Geld“ der Notenbanken zu einer Hyperinflation führen würde, weil doch völlig logisch sei, dass das Geld umso weniger wert wird, desto mehr es davon gibt? Jaaaaa? Sieh an. Ich kenne Leute, die der festen Überzeugung sind, dass sie das niemals gedacht oder gesagt haben (schriftliche Belege helfen da überhaupt nichts), weil sie schon immer wussten, dass die Deflation droht. Denn heute wissen wir alle, dass das viele Geld zu einer Deflation geführt hat. Also weiß des Anlegers großes, übergeordnetes Bewusstsein auch: Wenn die EZB jetzt mit noch mehr Geld um sich wirft, wird wieder eine Inflation daraus. Und zwar eine gesunde. Nicht zu wenig, nicht zu viel, halt gerade so, dass zwei Prozent erreicht werden.

Nun gibt es noch ein paar verstreute, verlorene Seelen, die nicht von diesen ehernen Wahrheiten erfasst wurden, daher noch einmal im Schnelldurchlauf: Viel Geld wirkte auf den ersten Blick, als würde es zu Inflation führen, führte aber zu Deflation. Also schieben wir jetzt noch viel, viel mehr Geld nach, dann wird’s wieder Inflation. Das ist doch genauso logisch wie die unverrückbare Wahrheit, das Sparen Wachstum erzeugt. Fragen Sie die Griechen! Oder, dass der DAX immer billiger wird und daher gekauft werden muss, je höher er steigt. Fragen sie die Bullen oder ihre Bankberater!

Der Witz ist hierbei zweigeteilt. Zum einen die Argumentation, wieso die neuen Klimmzüge der EZB nun erreichen sollen, was vorher das Gegenteil zur Folge hatte. Und zum anderen die Argumentation, warum das dem DAX zur ewigen Hausse verhelfen wird.

Das Argument für die erhoffte (wer erhofft die eigentlich – Sie? Ich nicht) Rückkehr der Inflation (was das soll, hatte ich an dieser Stelle vor einigen Wochen beschrieben) ist: Bisher ist die Milliardenflut ja am Wirtschaftskreislauf vorbeigegangen. Denn das Geld floss nur in die Hände der Banken. Das drückte die Zinsen und machte so die Mehrheit der Sparer unglücklich und verführte die Finanzindustrie zur Zockerei am Aktienmarkt, was wiederum nur eine Minderheit der Sparer erfreuen konnte. Aber da dadurch der Konsum nicht anzog, weil das Vermögen der Bürger an sich nicht stieg, sondern stagnierte (bis auf das von denen, die ohnehin nicht mehr ausgeben konnten), während zugleich die Grundvoraussetzungen für organisches Wirtschaftswachstum fehlten, ging der Schuss nach hinten los. Außer beim DAX. Dazu gleich.

Wenn Sie nun einwerfen, warum die EZB dann diesen ganzen Mist veranstaltet hat, machen wir es doch wie am Donnerstag Mario Draghi: Keine allzu unangenehmen Fragen bitte. Schließlich haben die bisherigen Maßnahmen funktioniert. Ein Land wie Spanien ist der beste Beleg: Dort ist die Arbeitslosenrate von höhst unangenehmen 27 Prozent im Sommer 2013 auf höchst erfreuliche 24 Prozent eingebrochen. Na, da kann man doch nur stolz auf diese blühenden Landschaften blicken, die die EZB mit erzeugt hat, nicht wahr?

Na also. Nachdem wir bullishen Gesellen bislang wussten, dass das billige Geld alles heilt, man es halt bloß irgendwie nur im DAX sehen kann, wissen wir jetzt, dass der Kauf von Staatsanleihen die Sache nun aber so richtig von hinten aufrollt. Denn das bringt nun das Geld in den Wirtschaftskreislauf, das vorher frecherweise dort nicht ankam, sondern in den Schatztruhen der Banken versickerte. Ja. Aber hallo. Keine Frage. Außer einer: warum?

Warum führt der Kauf von Staatsanleihen nun zu Inflation und Wachstum? Sie erinnern sich sicher, mir vor Jahren wütende Mails geschrieben zu haben, als ich x-mal schrieb, dass das Inflationsgefasel Blödsinn sei. Schon damals war ich zu dumm, um die Hyperinflation kommen zu sehen, die uns nun überrollt hat (so schnell, dass sie irgendwie gar nicht da war, aber seit wann kann die Mehrheit irren?). Und jetzt verstehe ich wieder die einfachsten Dinge nicht. Schlimm. Aber ich wage die Frage:

Wieso kommt denn jetzt Geld in den Wirtschaftskreislauf, weil die EZB Staatsanleihen kauft? Inflation und Wachstum entstehen wie? Durch negative Zinsen? Ich dachte, so entsteht nur Wut und Verdruss und ein Schwund des Sparer-Vermögens. Ich Dummkopf. Denn wenn all diejenigen, die gerade den DAX nach oben zocken, nicht irren (sie erinnern sich, die Mehrheit hat auch dann recht, wenn sie voll daneben liegt, einfach, weil sie die Mehrheit ist und deswegen lauter brüllen kann), werden Hinz, Kunz und womöglich auch ich nun verzweifelt ob des nicht mehr vorhandenen Zinses (ist der nicht schon länger weg?) konsumieren und, weil es so billig ist, Kredite aufnehmen und das so aufgenommene Geld ebenfalls verkonsumieren. Völlig klar.

Wie, Sie wiegen ihr Haupt? Na, wenn es doch gratis ist, dann geh ich doch jetzt zur Bank und ziehe mal eben Fuffzichtausend, kaufe mir einen Drittwagen, mache meine Weltreise und lasse meinen Fernseher mit Gold überziehen. Oder so. Wie, zurückzahlen? Man muss das zurückzahlen?

Glaube ich nicht. Das würde doch manchen davon abhalten, nochmal so bescheuert zu agieren wie damals bei der Abwrackprämie. Nein, denn dann würde sich mancher doch glatt überlegen, dass es womöglich die dümmste Entscheidung seines Lebens wäre, das Ersparte eines ganzen Lebens in sinnlosen Konsum zu stecken. Wobei, Moment mal …

… das können die Leute ja gar nicht. Denn erinnern Sie sich nicht? Damals, bevor die Hyperinflation kam, hieß es doch von den uns wohlgesonnenen Bankanalysten, dass man sein Geld nur retten kann, wenn man es in „Sachwerte“ steckt. Zum Beispiel in Aktien, Autos, Bilder, Möbel, Häuser, Gold und dergleichen. Da das damals alle getan haben müssen (wäre der DAX sonst ohne Wachstum so hoch?) kann ja gar keiner mehr sein Geld jetzt, wo die Deflation ihr Unwesen treibt, in Aktien, Autos, Bilder, Möbel, Häuser, Gold und dergleichen stecken. Dumm.

Ach ja, der zweite Witz. Also, wir haben gelernt: Damals, vor fünf, sechs Jahren hieß man uns Aktien kaufen, weil uns sonst die Inflation das Geld auffrisst. Danach hieß es, man müsse Aktien kaufen, weil nur so das Geld vor der Deflation sicher ist. Klar. Und jetzt heißt es, man muss Aktien kaufen, weil die EZB nun aber so richtig die Deflation bekämpft und die gefallenen Zinsen nun fallen werden. Das ist alles so logisch, dass ich vor Rührung ein wenig weinen könnte. Und es ist das solideste Fundament, auf dem diese schließlich erst sechs Jahre währende Hausse des DAX nur stehen könnte: Reine, massive und naturbelassene heiße Luft.

Und doch … ich bin nun mal von Geburt an ein Quertreiber. Gerade erinnere ich mich an meine Schulzeit, in der wir lernten: Heiße Luft gibt Auftrieb. Aber wenn man zu hoch steigt, kühlt die Luft ab, wird dünner … und dann? Ach so. Dann gibt es ja noch den Mario Draghi und festes, unverrückbares Wissen über das, was sein wird. So wie 2008. The economy is strong, Freunde. Und wie einst McCain schon wusste: Die Wirtschaft mag schwach sein, wie sie will. Wenn man es nur oft genug wiederholt, ist sie stark, weil genug Narren es glauben.

Der hat dann zwar die Wahl trotzdem verloren. Aber das war, weil damals die Leute einfach nicht kapieren wollten, dass eine Wirtschaft auch in einer Rezession stark sein kann. Heute ist das dort anders. Da faselt die Notenbank immer noch über Zinserhöhungen trotz sechs Monaten im Folge fallender Auftragseingänge, weil sie auf die Arbeitsmarktdaten blickt. Und wenn da Idioten wie ich daran erinnern, dass Arbeitsmarktdaten diejenigen Indikatoren sind, die der aktuellen Entwicklung am längsten hinterherhinken, kann das nur an meiner betriebsblinden Denkweise liegen. Denn in den Gremien der US-Notenbank sitzt schließlich Fachpersonal!

Aber auch, wenn Sie nun weiterhin der festen Ansicht sind, dass ich mich irre, weil es eben keinerlei Grund gibt, an der Logik zu zweifeln, dass Aktien bei Inflation, Deflation und dem Nichts dazwischen steigen müssen, würde ich doch wagen, eines noch in den Raum zu stellen:

Selbst, wenn diejenigen, die bei den großen Adressen auf den ganz teuren Ledersesseln thronen, das auch glauben würden (was sie nicht tun): Dort tut man das, womit man die meiste Kohle einfahren kann. In dem Moment, in dem man genug Schafe in den Aktienmarkt gezogen hat, am besten noch mit hohen Hebeln in Derivaten und auf Kredit, winkt das große Geld auf der Short-Seite … wenn man imstande ist, den entscheidenden Schlag anzuschieben. Sie können das nicht. Ich auch nicht. Die können. Und das wird zeitlich völlig unabhängig von den Fundamentals passieren. So wie 2008 auch. Die Kriterien sind massives Long-Engagement, plötzlich austrocknende Käuferseite, ein nahender Verfalltermin, bei dem alle mit steigenden Kursen rechnen und charttechnisch viel Luft nach unten.

Der DAX notiert momentan schlappe 20 Prozent über seiner 200-Tage-Linie, was nicht allzu oft passiert. Seit 2009 kam das zwar mehrfach vor, aber nur Anfang 2014 mündete das in eine volatile Seitwärtsbewegung. Sonst immer in scharfe Korrekturen. Aber kein Grund zur Sorge!

Sie wissen ja: Diesmal ist nicht wie früher, als doch nicht alles anders war, alles anders. Diesmal ist wirklich alles anders. So wie immer eben. Deswegen ist ein Plus von 18 Prozent seit Ende 2014 auch nur der Anfang. Denn wir wissen – auch das gehört zu den unverrückbaren Wahrheiten: Wenn die Stimmung am besten ist und überall „so finden Sie die besten zehn Aktien“ auf Titelseiten steht (es geht wieder los), beginnt die Party erst. Denn wenn so viele von steigenden Kursen ausgehen, heißt das, dass sie bisher keine Aktien hatten und jetzt den Einstieg planen. Oder habe ich da wieder was falsch verstanden, so wie damals bei der Hyperinflation?

Fazit: Die Hausse ist eine Blase aus heißer Luft. Der Zeitpunkt, zu dem sie nicht nur eine scharfe Korrektur erfährt, sondern blitzschnell ins sich zusammenbricht, liegt nicht in unseren Händen und ist daher nicht vorhersehbar. Aber das Risiko wächst mit jedem Tag. Solange dieser gespielte Witz gut geht, ist das kein Grund auszusteigen oder gar mal auf Verdacht Short zu gehen. Sie wissen ja: Für Bullen ist der DAX immer billig. Und für Bären schon bei 9.000 zu teuer gewesen. So wird es nicht gehen.

Aber diese Situation ist ein Grund, jetzt eben nicht auf diesem Niveau zuzukaufen oder gar neu einzusteigen. Sie ist ein Grund um nicht, wie man es nun als Basis großer Gewinne erkannt zu haben glaubt, bei jeder Abwärtsbewegung ins fallende Messe zu greifen. Und sie ist ein Grund, sich mit Stoppkursen abzusichern, die man sehr engmaschig regelmäßig nach oben anpasst.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – Badischer Börsendienst

 

4 Kommentare auf "DAX: Mit beiden Beinen fest … in der Luft"

  1. Toter Esel sagt:

    Ich danke Ihnen, Herr Gehrt, für den sarkastischen Kommentar. In Zeiten ständiger Wiederholung absurder „Halbwahrheiten“ möchte „man“ einfach glauben, alles sei auf einem guten Weg.
    Meines Erachtens ist der Zustand der Finanzmärkte mit dem der deutschen Strassen zu vergleichen: die Löcher werden im Vorbeifahren zugeschüttet, hält ne Weile, schnell woanders reparieren…

    Doch die Kontrolle haben Zentralbanken und Bänker längst verloren. Die sog. Märkte entbehren jeder Logik. Die Panik kommt noch früh genug, weil man Schlaglöcher vergessen hat und einem Gefahrguttransporter die Achse bricht.

    Der LKW-Fahrer wird´s dann schuld sein. Denn Putin weigert sich ja beharrlich.

  2. FDominicus sagt:

    Das viele neue Geld ist Inflation. Also woher soll da eine Deflation kommen?

    • gilga sagt:

      Zum Beispiel aus der Unfähigkeit oder dem Unwillen sich weiter zu verschulden. Man hüte sich vor einfachen Kausalketten…

      • Toter Esel sagt:

        Das viele „frische“ Geld führt deshalb nicht zur Inflation, weil davon u.a. uneinbringliche Forderungen (ABS, MBS) aufgekauft werden. Zum anderen werden Schuldtitel bankrotter Staaten prolongiert. Dennoch ist es eine Konkursverschleppung und Sackgasse. Die Leitzinsen dürfen in diesem Geldsystem NIE wieder steigen.
        Dass wir in der Eurozone eine echte Deflation „zugunsten“ der Verbraucher haben, wage ich mal ernsthaft zu bezweifeln. Diese Behauptung Draghis ist wohl eher ein Vorwand, um „die Wirtschaft anzukurbeln“. Das wird jetzt so oft wiederholt, bis es alle glauben. In dem Zweiten, mit dem man angeblich besser sieht, wurde es gestern laufend erwähnt.

        Der entscheidende Punkt ist aber mE: irgendwann hat das frische Geld, egal wieviel man davon in die Märkte kippt, keine Wirkung mehr. Die Aktien- und Anleihemärkte brechen ein und EIN TEIL von Aberbillionen bis dahin gebundener Liquidität gelangt in die Realwirtschaft. Dann folgt direkt die Hyperinflation, bei der die Notenbanken mit dem Gelddrucken nicht mehr mitkommen. Das ist dann der Punkt, an dem Mio- und Mrd.Scheine in den Umlauf gelangen müssen.

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