DAX auf Tauchstation

7. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Mit Einbrüchen von jeweils mehr als 2,5% gab der DAX am Freitag letzter Woche und dem Mittwoch deutlich nach. Von den All-Time-Highs bei ca. 12.400 Punkten hat der deutsche Leitindex mittlerweile rund 8% korrigiert. Erstaunlich ist dagegen, mit welchen Ursachen einige Marktteilnehmer den gestrigen Kurssturz begründen…

Häufig zu hören waren unter anderem die schwachen Handelsbilanzzahlen der USA. Das Defizit der Amerikaner lag statt der erwarteten 42,5 Mrd. USD im März bei 51,4 Mrd. USD. Es liegt damit auf dem höchsten Niveau seit rund 6 ½ Jahren. Für einige Experten das untrügliche Indiz, dass die Konjunkturzahlen der USA nun ebenfalls deutlich unter den Erwartungen bleiben dürften.

Vielleicht nicht die Höhe des Defizites, zumindest aber die Tendenz der Handelsbilanzzahlen hätte für die Märkte jedoch kaum eine Überraschung sein dürfen. Denn in letzter Konsequenz ist dies lediglich die Folge des rasanten Dollar-Anstieges der vergangenen Monate. Werden die Produkte im Ausland billiger, greifen die Konsumenten eben vermehrt dort statt bei heimischen Erzeugnissen zu. Ein Mechanismus, der im März offensichtlich voll zur Entfaltung kam. Als weitere Begründung wurde von einigen Beobachtern die immer klammere Kassenlage der griechischen Regierung genannt. Auch dies per se keine Meldung mit einem ungeheuerlichen Neuigkeitswert. Bereits gestern Vormittag berichtete die Financial Times über eine mögliche Einbehaltung einer Kredittranche durch den IWF, falls die Staaten der Eurozone nicht zu einem erneuten Schuldenschnitt bereit wären. Laut dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble ist dies natürlich vollkommener Blödsinn, als Begründung für den Einbruch an den Märkten lässt es sich jedoch wunderbar verwenden. Ganz allgemein scheint der Markt in den letzten Tagen schlicht und ergreifend nach unten zu wollen, völlig unabhängig von der jeweiligen Nachrichtenlage. An der Börse wird nun mal die Zukunft gehandelt, und die wird nicht durch altbekannte Meldungen definiert.

Ein interessanter Aspekt des Einbruchs am letzten Freitag dagegen war der starke Rückgang des Bund Futures. Von seinen Höchstständen hat das Renten-Barometer mittlerweile mehr als 3,3% verloren. Die Renditen von Bundesanleihen mit 10-jähriger Laufzeit sind im Umkehrschluss wieder in den positiven Bereich vorgedrungen. Ist dies bereits der Beginn des von unserem Interviewpartner Martin Armstrong prophezeiten Staatanleihen-Crashes?

Die Ausgabe des Smart Investor 5/2015, in der wir den US-Börsenguru ausführlich zu Wort kommen lassen, ist in der Zwischenzeit im Übrigen fast vergriffen. Neben Armstrong haben wir im aktuellen Heft auch mit dem Anleihen-Experten Dr. Jochen Felsenheimer gesprochen. Er kommt zum Teil zu einer völlig anderen Einschätzung der Lage an den Rentenmärkten. Im Shop auf unserer Homepage können Sie die letzten verbleibenden Exemplare bestellen.

Technische Analyse kann vieles nicht erklären. Aber sie hilft manchmal, gewisse Konstellationen ins rechte Licht zu rücken. Wir hatten im letzten Weekly an dieser Stelle und im Heft ausgeführt, dass die Investorenstimmung zuletzt noch überhitzte Ausmaße zeigte. Insbesondere veranschaulichten das die Titelblätter einige Börsenzeitschriften. Und prompt ging es mit dem DAX auch nach unten.

DAX

Wie der DAX-Chart zeigt, wurde im Zeitraum März/April die obere Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrends (rote Linien) nach oben getestet und auch mehrmals überschritten. Allerdings folgte dann nur eine Seitwärtsbewegung, die sich im Nachhinein als Schulter-Kopf-Schulter-Formation interpretieren lässt. Deren Nackenlinie (blau) wurde in der letzten Woche mit großem Getöse nach unten durchbrochen – ein ganz klares charttechnisches Verkaufssignal.

Seither bewegt sich der DAX unter teils atemberaubenden Tagesschwankungen in einer Art Keilformation (grüne Linien) nach unten. Heute (Kursbalken ganz rechts) setzte der DAX auf der unteren Begrenzung des mittelfristigen Trendkanals auf (untere rote Linie). Wie ist dies zu deuten?

Szenario 1: ein nachhaltiger Bruch des Trendkanals nach unten wäre ein klar negatives Zeichen und eine Bestätigung der zuletzt schwachen Börse. Dann würde vermutlich als nächste Auffangstation die Marke von 10.000 Punkten angelaufen werden – der dortige charttechnische Widerstand scheint massiv zu sein.

Szenario 2: Wenn die Keilformation nach oben überwunden wird und zugleich die Nackenlinie zurück erobert werden kann (dies wäre bei etwa 11.750 Punkten der Fall), dann wäre ein neuerlicher Hausse-Schub bis an die obere rote Begrenzungslinie des Trendkanals zu erwarten.

Fazit

Die Märkte wollten nach unten, egal was gerade über Griechenland, die US-Handelsbilanz oder die amerikanische Konjunktur berichtet wurde. Kurzfristig sehen die Charts dagegen schon wieder sehr erfreulich aus. Zudem könnte der plötzliche Pessimismus vieler Marktteilnehmer schon wieder die Wende an den Börsen einleiten. Charttechnisch ist der DAX an einem Scheideweg angekommen. Wohin die Reise geht, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden.



Erpressung oder Vertragsfreiheit

Seit drei Tagen läuft nun der vielgeschmähte und groß angelegte Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Reisende und Pendler müssen bis Ende der Woche auf Auto, Fernbus oder Flugzeug ausweichen. Der Schuldige ist schnell gefunden: Klaus Weselsky, der Vorsitzende der GDL, der der wütenden Öffentlichkeit als starrköpfiger Hardliner präsentiert wird.

Völlig unabhängig von den inhaltlichen Forderungen seiner Gewerkschaft geht es jedoch auch um die Tarifpluralität, also die Möglichkeit der Arbeitnehmer eines Betriebes sich über verschiedene Gewerkschaften zu organisieren. Neben den Lokführern möchte die GDL nämlich auch einen Teil des restlichen Zugpersonals vertreten. Die Deutsche Bahn dagegen möchte ausschließlich mit dem bisherigen Verhandlungspartner EVG, einer Gewerkschaft aus dem DGB-Verbund, verhandeln.

Um seine Ziele zu erreichen nimmt Weselsky nun die Bahnreisenden in Haftung, der verständliche Ärger der Bevölkerung sollte sich jedoch zu einem Teil auch auf die Deutsche Bahn richten. Zwar dürfte es aus der Perspektive der österreichischen Schule der Ökonomie prinzipiell so etwas wie Flächentarifverträge gar nicht erst geben, schließlich könnten die Beschäftigten ihren Lohn auch ohne die Hilfe einer Gewerkschaft aushandeln. Sollten sich diese jedoch dafür entscheiden, sich zu organisieren, um ihre Verhandlungsmacht zu vergrößern, muss dies natürlich grundsätzlich möglich bleiben.

Mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit ignoriert dagegen die Bahn die gesetzlich vorgeschriebene Tarifpluralität. Und sie hat mächtige Unterstützung: Auch die Bundesregierung findet sich durch den Streik in ihrem Vorhaben bestärkt. Durch zukünftige Gesetze soll die sogenannte Tarifeinheit festgeschrieben werden. In einem Betrieb mit mehreren Gewerkschaften soll nur noch diejenige für sämtliche Beschäftigten sprechen, die die meisten Arbeitnehmer vertritt. Dem Zentralismus wird also weiter Vorschub geleistet. In Zukunft dürfen dann also nicht mehr nur die Beschäftigten nicht mehr für sich selbst verhandeln, sie müssen sich auch noch dem Verhandlungsergebnis einer ihnen eventuell völlig fremden Gewerkschaft fügen. Der freie Markt ist also auch am Arbeitsmarkt immer mehr auf dem Rückzug. Ein Claus Weselsky dagegen, so komisch dies auch klingt, ist wohl einer der letzten Verfechter von – zumindest eingeschränkter – Vertragsfreiheit.

© Ralf Flierl, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor


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