DAX 10.000: Chronik einer angekündigten Geburtstagsparty

28. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

Glosse von Frank Meyer

Es kann jetzt stündlich passieren, dass der DAX die 10.000er Marke knackt. Stellen Sie Champagner bereit, selbst wenn Sie keinen vertragen oder mögen. Bald werden wir vom Glück überholt, nicht nur eingeholt. Dann müssen Sie trinkfest sein!

Bösen Börsengerüchten zufolge soll auf der DAX-Tafel bei 9.999,99 Punkten Schluss sein. Kaum auszudenken, wenn die Tafel versagt bzw. gleich mit in die Luft fliegt. Das würde das Feuerwerk sparen, was solche Tage mit sich bringen neben allerhand schwer einzuordnender Emotionen.

Das wird ein Fest! Die vielen freiberuflichen und meist schlecht bezahlten Fotografen werden das Parkett belagern. Sie werden mindestens 100.000 Bilder schießen und sich dabei Bandscheibenvorfälle zuziehen. Und auch sie werden sich in diesem historischen bzw. hysterischen Moment reicher fühlen wie 95 Prozent der deutschen Bevölkerung, von der nicht mal fünf Prozent Aktionäre sind. Wenn die Hauptnachrichtensendungen dann vom DAX berichten, weht ein kollektives Glücksgefühl durch die Lande. Der GfK-Konsumklimaindex wird dem DAX hinterher explodieren – und der GfK-Index lässt den DAX wiederum auf mindestens 11.000 Punkte steigen. Außer es kommt anders.

Kalorien für die Mühe

Die Deutsche Börse wird wahrscheinlich auch diesmal wieder keine Torte in den Handelssaal rollen. Zum einen gibt es auf den von Daddelmaschinen und Algo-Tradern dominierten Handelsplatz nicht genügend Leute auf dem Parkett, die das Ding verputzen können. Zum anderen hat sich der Börsenbetreiber dem „Shareholder Value“ bzw. den Dividenden verschrieben, also „Sparen wo es geht“.

Zudem steht zu befürchten, die Torte wäre ohnehin nicht mehr genießbar, weil sie aufgrund der Prognosen von klugen Leuten schon seit einem Jahr in einem dunklen Kabuff irgendwo in den Katakomben der Börse auf ihren großen Tag wartete – und zwangsläufig zu Nahrung für Bakterien und anderes Viehzeug wurde.

Neues aus den Anstalten

Die berühmteste Reporterin einer befreundeten Anstalt wird ihren, den ihr für jede Lebenslage extra auf den Leib geschriebenen Begriff: „Optimismus der Anleger“ besonders stolz aufführen. Der Deutschlandfunk unter-breakt sein Programm und „The Voice of Börse, Peter Kochanski, verkündet in seiner immer kühl und dadurch so liebenswerten Art den DAX-Stand in zehn Sekunden und gibt mindestens so kühl wieder in die Sendezentrale zurück. 

Stefan Wolff von der ARD und ich… wir werden uns innerhalb von einer Minute gegenseitig mit einigen geschmackvollen Bemerkungen über das Geschehen ins künstliche Lachkoma versetzen.

Die Händler im Rentensaal werden sauer sein, denn ihr Bund-Future findet mit seinen täglichen Rekorden keinerlei Beachtung. Zinstiefs freuen immer nur die Finanzminister.

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Das wird ein lustiger Geburtstag mit Spiel, Spannung und einem gewissen Hang zum Patriotismus.

Während wir dann ausgelassen den neuen Rekord beim Performance-Index inklusive aller Dividenden feiern und die runde Zahl, kreucht der eigentlich viel ehrlichere Kurs-Index rund 20 Prozent unter seinem Allzeit-Hoch herum. Marketing ist oft die halbe Wahrheit, aber die doppelte Täuschung. (DAX-Kursindex, nicht mal ein Allzeit-Hoch…) Was sind 10.000 Punkte wert? Soviel wie 5.000 Punkte vor zehn Jahren? Mag sein. Vermutlich hängt der DAX inzwischen weniger an der Wirtschaft, sondern vielmehr am Geldschlauch der Notenbanken. Aber wer weiß….

kdaxchart

Und wenn man genau hinschaut, dann ziehen die Umsätze nicht mit. Schwamm drüber. Ein Hoch ist ein Hoch, bleibt ein Hoch weil… hoch. Alle anderen großen Indizes wie der Dow Jones oder der S&P 500 sind Kurs-Indizes. Aber so müsste die ohnehin schon tote Torte eigentlich noch länger im Abstellraum bleiben, die dann nicht geliefert wird. Egal… (Seite 2)



 

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7 Kommentare auf "DAX 10.000: Chronik einer angekündigten Geburtstagsparty"

  1. FDominicus sagt:

    Wer wird wohl kaufen?
    http://www.zerohedge.com/news/2014-05-27/here-mystery-and-completely-indiscriminate-buyer-stocks-first-quarter

    In den USA sind es die Firmen selber, wer ist es wohl bei uns?

  2. bluestar sagt:

    Nur 5% der Deutschen sind Aktionäre ???
    Nun wundert mich überhaupt nichts mehr.
    Da die Masse auch nicht EMs oder entschuldete Immobilien besitzt, wird weiterhin
    dem Sparbuch oder der KLV vertraut. So wie natürlich auch den Parteien der GROKO.
    Mittlerweile muss man sich fast schämen Angehöriger dieses Volkes mit dem Namen Deutsch
    zu sein.

    • dicke.berta sagt:

      Na ja, schämen möchte ich jetzt aber nicht sagen.

      Es haben sich definitiv , sehr sehr viele, am neuen Markt die Nase blutig geschlagen.
      Ich übrigens auch ! Was sagte ich mir seinerseits :“ nie wieder Aktien“ !

      Seit gut 2 Jahren bin ich und mein inzwischen erwachsener Sohn wieder dabei.

      Geht halt nicht ohne !

    • Lickneeson sagt:

      Na ja, die Deutschen werden immer dann zu Aktionären, wenn Ede der Friseur von seinen facebook-Aktien schwärmt und Olga, die Wurstverkäuferin Ihnen statt Dauerwurst von Twitter schwärmt. Also immer dann wenn der Markt „eigentlich nur steigen kann“. Von dieser Euphorie sind wir noch etwas entfernt, aber der Sprung über die 10000 könnte für einige wieder mal die fatale Initialzündung sein.

      Zudem wird es immer schwieriger Menschen Aktien ans Herz zu legen, die kaum mit ihrem Lohn halbwegs leben können. Die grösste Lüge der Politik und des Europatraumes ist es uns zu erzählen, “ noch nie seien so viele Menschen bei uns erwerbstätig“ gewesen. Ja, und noch nie konnte man sich so wenig dafür kaufen. Über Altersarmut spreche ich mal lieber nicht.

      Der Daxstand symbolisiert den inversen Verlauf der Kaufkraftentwicklung. Prost.

      MfG

      MfG

    • Skyjumper sagt:

      Es sind sogar nur 4,5 %, was allerdings auch nur die halbe Wahrheit ist. Denn die 4,5 % beinhalten nur die direkten Aktionäre. Via Fondanteilen sind es noch etwa 7 % mehr, und auch die ganzen Kapitallebensversicherungesgläubigen haben mehr oder weniger große Aktienanteile.

      Aber es stimmt schon: Deutschlands Aktienkultur ist nicht besonders ausgeprägt.

  3. bluestar sagt:

    Natürlich kann man auch ohne Aktien und mit anderen Investments gut und ruhig leben.
    Ein tolles Beispiel von Herrn Weber (EMs) hatten wir hier erst vor 3 Tagen.
    Ich mag unternehmerisch denkende und handelnde Menschen mit eigener Meinung , sie sind der Motor jeglicher Gesellschaft und des Fortschritts.
    Das Problem ist diese unerträgliche Obrigkeitsgläubigkeit und Initiativlosigkeit
    dieser deutschen Masse. Man kann auch sagen Dummheit, Trägheit, Sattheit, Dekadenz. Und das geht von Sparanlagen bis zu Wahlen oder Nichtwählen.

  4. dicke.berta sagt:

    Sicher kann man auch ohne Aktien leben ,aber mit anderen Investitionen,im stationären Handel
    das waren meine Investitionen,konnte man leider, in den letzten zehn Jahren, auch nicht gut und ruhig schlafen.

    Beim letzten Absatz gebe ich Ihnen bzw. Herrn Weber voll und ganz recht.

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