Daumen hoch?

21. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Der Autor ist beeindruckt. Seitdem ich im Jahr 2008 von Präsidentschaftskandidat McCain immer wieder „the economy is strong“ ins Ohr geblasen bekam, bin ich eh ein wenig traumatisiert. Aber da ich mir ob meiner Tätigkeit keinen Eimer auf den Kopf setzen und so tun kann, als ginge mich alles außerhalb meiner Grundstücksgrenzen nichts an, sorgt die Nachrichtenlage dafür, dass es Jahr um Jahr schlimmer wird…

Was ich als Jugendlicher nie kapiert habe … ein ewiges Problem der Generationen … wird mir heute langsam klar. Früher war sicher nicht alles besser, aber vieles zumindest anders.

Was sind die heutigen, verbalen Dünnbrettbohrer der Politik gegen das Charisma eines Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Schmidt? Zu früheren Zeiten versuchte man wenigstens noch, das Bild von Integrität und Kompetenz zu pflegen. Na ja, nach außen hin zumindest. Heute wirken fast alle Politiker austauschbar. Und der Wahlbürger bekommt angesichts der heiteren, steuerintensiven Irrungen und Wirrungen dieser neuen Generationen von Polit-Profis langsam das Gefühl, dass das mit dem Austauschen eine prima Idee wäre. Aber in wen oder was?

Richtig ist zwar, dass ein z.B. Fahrkartenautomat vertrauenswürdiger als jeder Politiker ist und sein Handwerk besser versteht. Vor allem wagt er sich nicht an Projekte, die seine Möglichkeiten übersteigen. Beispielsweise glaubt er nicht, mal so eben aus der Hüfte den Neubau der Elbphilharmonie, von Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen hinzubekommen. So ein Gerät bildet sich auch nicht ein, das Problem der Überschuldung in den USA hinzubekommen … oder gar die Eurokrise. Aber irgendwer sollte und müsste jetzt aber mal, oder nicht?

Schon, aber das dumme an der Sache ist, dass wir in einen Prozess hinein geraten sind, der jedes Mal dann auftaucht, wenn eine angebliche Hochzivilisation in das Stadium dekadenter Sättigung eingetreten ist. Öffentliche Verantwortung zu übernehmen in einer Welt, in der es durch die zunehmende Präsenz und Macht der Medien keine Schatten mehr gibt, in denen man mal unbeobachtet Luft holen darf, ist nicht gerade lukrativ. Und wer wirkliche Fachkompetenz besitzt, wird für den stetigen, medialen Atem im Genick in der sogenannten „freien“ Wirtschaft weitaus besser entlohnt.

Hinzu kommt, dass die Konsequenzen der Murkserei vergangener und bestehender Politik-Generationen erst jetzt ihr hässliches Haupt erheben und denen, die hinreichend Grips haben, klarmachen, dass Ämter in entscheidenden Positionen heiße Kartoffeln sind, die man tunlichst an andere weitergeben sollte. Da muss man entweder ein Idealist mit stahlharten Nerven sein, um entscheidende Posten in Politik oder Notenbanken zu übernehmen … oder jemand, der einfach nur wichtig sein will und einmal aus den wohl gefüllten Töpfen der Macht schöpfen möchte. Dumm nur, dass die Idealisten selten in diese Positionen gelangen, da ihnen Offenheit, Idealismus und Wahrhaftigkeit auf dem Weg nach oben meist schnell verleidet und/oder ausgetrieben werden. Nicht gut.

Über derartige Possen wie den neuen Berliner Flughafen oder die lächerliche Scharade um die US-Fiskalklippe dürfen wir uns also nicht wundern. Und sollten uns gleich darauf einstellen, dass es nicht besser wird. Wobei – wer wundert sich wirklich? Wer verfolgt diese Entwicklung wirklich noch bewusst? Wir erleben ja zugleich eine Entwicklung in der Bevölkerung, welche die Problematik zusätzlich verschärft. Mit jeder Generation wächst der Hang zur Egomanie bei gleichzeitigem Desinteresse gegenüber dem, was außerhalb des eigenen Dunstkreises passiert. Auch ein Prozess, durch den Rom, Byzanz und Athen einst in der Bedeutungslosigkeit versunken sind. Er ist dabei durchaus nachvollziehbar und kaum zu beheben. Große Krisen wie Kriege führen dazu, dass die Menschen enger zusammen rücken, das „Wir“ als überlebenswichtig wieder entdecken und bereit sind, mehr als das unbedingt Nötige zu tun – auch und gerade für die Gemeinschaft. Je länger solche Erfahrungen zurückliegen, desto mehr verblassen sie im Bewusstsein neuer Generationen. Ein alter Hut also, dem nicht mit einem Patentrezept entgegen getreten werden kann.

Für Menschen, die immer noch wach und aufmerksam durchs Leben gehen, ist diese Entwicklung nicht leicht hinzunehmen. Und ich verzweifle bisweilen daran, andere „zu wecken“, ihren Blick auf Entwicklungen zu lenken, bei denen jeder für sich gefordert wäre, gegenzusteuern. Ich gebe es aber nicht auf. Jetzt erst recht nicht.

So darf es nicht wundern, dass vor diesem Hintergrund verblüffend viele Menschen tatsächlich glauben, was uns seitens der Politik erzählt wird. Sie glauben es, weil sie es glauben wollen Wir sollten zwar wissen, dass Wahrhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Fachkenntnis dort womöglich weniger oft anzutreffen sind als in der finstersten Spelunke. Aber zu vielen ist es eben schlicht egal, solange sie nicht selbst ganz unmittelbar von einer Entwicklung betroffen sind. Solange Kredite billig bleiben und der Job noch da ist, ist jeder sich selbst der nächste. Effekt:

Es geht auf der schiefen Ebene weiter abwärts, stetig und von zu vielen unbemerkt. Wenn man es erstmal bemerkt, ist es zu spät. Siehe 2008, als auf einmal im Sommer panisch auf eine Entwicklung reagiert wurde, die Jahre vorher deutlich erkennbar gewesen wäre. Hätte man hingeschaut. Auf einmal hatte jeder Angst um sein Geld, auf einmal wurden Fonds-Anteile verkauft wie sauer Bier. Aber hurtig wurde seitens der Entscheider ein Pflaster aufgeklebt, die Menschen medial und monetär ruhiggestellt und der Murks konnte weitergehen. Die Lehman-Pleite sei an allem Schuld gewesen, das passiert nie wieder (klar, Lehman gibt’s ja auch nicht mehr …) und gut ist.

Genau das passiert jetzt wieder… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Daumen hoch?"

  1. Dagobert sagt:

    …und wer bitte behauptet, dass das mit den Aktienmärkten nicht passieren kann?

    Heute Morgen, 22.01.2013, sind wir aufgewacht (Ronald Gehrt lässt sich ja am Liebsten vom Zwitschern der Vögel wecken…heute war‘s wegen der Kälte und der märchenhaft verschneiten Landschaft wohl eher ruhig…) und aus dem Fernen Osten wird offiziell verkündet: Paradigmenwechsel! QE *open-ended* + *unlimited*!

    Endlich! All die temporären Stürme, Ängste und Unsicherheiten sind ausgestanden – wie Ären, die sich gegenseitig stützen, schützen fortan *die 3×3* (9 Buchstaben) die Märkte – a l l e Märkte!

    Ein schönes Gefühl. Süss wie Honig! – Oder in Obama’s monumentalen Worten nach seiner Wiederwahl vor ein paar Wochen: „The best is yet to come!“

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