Das Wort zum Wochenende: Spielkasino

14. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Wenn die vergangenen Wochen und Monate an der deutschen Börse eines ganz klar gezeigt haben, dann das: Der Dax repräsentiert die Lust oder Unlust der – überwiegend durch Angelsachsen geprägten – ausländischen Großanleger an deutschen Aktien. Denn mehr als die Hälfte der Dax-Aktien befindet sich in ausländischer Hand.

Jetzt herrscht zunehmend Unlust vor. Das heißt, Ausländer haben mit massiven Verkäufen deutscher Aktien aus der ersten Reihe begonnen. Wie üblich, werden die aus der zweiten und dritten Reihe in Mitleidenschaft gezogen.

Diese Entwicklung zum x-ten Mal mit fundamentalen Daten zur Konjunktur, mit griechischen Störmanövern oder mit weltpolitischen Krisen zu begründen, hilft nicht wirklich weiter, weil all das auch schon auf die Aktienkurse einwirkte, als diese noch stiegen. Hilfreicher ist da ein Blick auf die Charts, also Grafiken von Indizes und Kursverläufen einzelner Aktien, objektiv und unbestechlich – allerdings zunächst verbunden mit der für Anleger enttäuschenden Erkenntnis, dass Charts nur die Vergangenheit und die Gegenwart abbilden, nicht dagegen die Zukunft.

Wer aus ihnen Rückschlüsse für die Zukunft ziehen will, wendet sich zwangsläufig der Verhaltensforschung zu. Das mündet dann regelmäßig in die Frage: Spiegeln Charts Verhaltensmuster aus Vergangenheit und Gegenwart wider, die auch auf die Zukunft übertragen werden können? Charts sind verführerisch. Alle Anleger, egal ob Profis oder Laien, können in sie hineindichten, was sie wollen. Davon machen besonders die Börsengurus rege Gebrauch (Guru bedeutet hier nicht wie üblich Hinduismus-Lehrer, sondern Prognostiker).

gburek-cover_gEs gibt Standardformationen mit so ulkigen Namen wie Schulter-Kopf-Schulter, Untertasse, Hindenburg-Omen oder Erschöpfungslücke. Lassen Sie sich dadurch nicht einschüchtern. Am besten, Sie ziehen Charts heran, indem Sie orten, ob Kurse oben, unten oder irgendwo dazwischen stehen. Dann machen Sie sich ein paar Gedanken einschließlich Notizen, warum die Kurse wohl dort und nicht woanders stehen mögen. Mehr brauchen Sie zunächst nicht zu tun. Ohne weitere Informationen sofort zum Kauf zu schreiten, bedeutet in der Regel, Lehrgeld zu zahlen. Setzen Sie Aktien also erst mal auf Ihre Beobachtungsliste, die im günstigsten Fall einige Dutzend ein paar Dutzend von ihnen enthalten sollte.

Es gibt eine Vielzahl von mehr oder weniger professionellen Chartdiensten. Unter den weniger professionellen sind besonders solche ärgerlich, deren Schöpfer ihre Weisheiten aus Indexformationen ableiten, also etwa aus 30 – zudem gewichteten – Dax-Aktien, von denen täglich so und so viele steigen und so und so viele fallen. Der Unfug mit der Interpretation von Indizes ist einfach nicht aus der Welt zu schaffen. Wobei schon jedem Börsenlaien klar sein dürfte, dass ein Aktien-Mischmasch nicht interpretationsfähig ist. Also Kursverläufe einzelner Aktien interpretieren, ja, bitte, aber Indizes nur als eine Art Barometer heranziehen!

Der Dax enthält heute längst nicht mehr alle Aktien, die bei seinem Start 1988 zu ihm gehörten, wie etwa die der später in die Commerzbank integrierten Dresdner Bank, die Warenhausaktien Karstadt und Kaufhof oder die Aktie der pleite gegangenen Deutschen Babcock. Außerdem gab es zwischen 1988 und heute ein munteres Kommen und Gehen. Ist Ihnen etwa bewusst, dass einst Aktien wie Metallgesellschaft, MLP, Postbank und sogar die Aktie der Skandalbank Hypo Real Estate zum Dax gehörten? Fehlt nur noch, dass der Dax als Performance-Index (er enthält neben Kursen auch Dividenden) mit international üblichen Kursindizes (ohne Dividenden) verglichen wird. Wie Sie merken, finden Scharlatane hier ein großes Betätigungsfeld vor.

Während Index-Gurus sich überwiegend wahnsinnig ernst nehmen, kann man das von den Unterhaltungs-Gurus nicht gerade behaupten. Eitel sind beide. Ich erspare mir hier Namen. Besuchen Sie einfach Anlegermessen und hören Sie sich die Prognosen und die Witze an, die sie über sich und andere machen. Manchmal sind Denkanstöße dabei, dann hat sich der Messebesuch schon gelohnt. Begehen Sie aber nie den Fehler, die Gedanken der Gurus eins zu eins zu übernehmen und damit eigene durch deren Gedanken zu ersetzen.

Einen besonders markanten, in vielen Medien wiedergegebenen Denkanstoß verdanken wir EZB-Chef Mario Draghi: Am 26. Juli 2012 hielt er aus Anlass der Global Investment Conference in London eine Rede wie Donnerhall. Seine beiden Kernsätze hatten es in sich: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.“ Kurz und gut, die EZB werde alles unternehmen, um den Euro zu erhalten. Das tut sie denn auch spätestens seit dem März 2015 in einem Umfang – Anleihenkäufe in Höhe von monatlich rund 60 Milliarden Euro -, der darauf schließen lässt, dass es sich um eine Verzweiflungstat handelt.

Zwischen dem damaligen Datum und dem Beginn der massiven Anleihenkäufe lagen zwei Jahre und gut sieben Monate. Während dieser Zeit spekulierten Großanleger auf steigende Anleihen- und Aktienkurse. Sie bekamen zunächst recht, weil die Kurse beider Anlageklassen geradezu explodierten. Wie viel haben sie vorweggenommen? Das ist jetzt die bange Frage. Die Börse ist zum Spielkasino geworden. Äußere Einflüsse wie die verschiedenen politischen Krisen oder das durch die Griechen in die Länge gezogene Europroblem sind seit Wochen dabei, dem Spiel ein Ende bereiten.

Fazit: Daueraktionäre werden durch ein Wechselbad der Gefühle gehen und miterleben müssen, wie die deutschen Aktienkurse, ausgelöst durch Verkäufe der Ausländer, weiter purzeln. Sorgen Sie vor, indem Sie sich von einem Teil Ihrer Aktien trennen und Tagesgeld vorhalten. (siehe Liquidität)

P.S. Ein Teil des heutigen Beitrags entstammt dem hier annoncierten Ebook „Von der Kunst, finanziell zu überleben“

©Manfred Gburek – Homepage



 

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