Das Wort zum Wochenende

29. Dezember 2013 | Kategorie: Gäste

von Manfred Gburek

Um die Jahreswende werden wir traditionell mit Prognosen überhäuft. Grundlage jeder Prognose ist eine Information oder ein ganzes Bündel an Informationen – und ohne es zu merken, befinden wir uns schon in der Informationsfalle…

Indem wir das, was wir hören, sehen oder lesen, üblicherweise nicht nach dem Wahrheitsgehalt gewichten, sondern nach ganz anderen Kriterien. Die hängen leider nur selten von unseren eigenen Wünschen oder von unserem Verstand ab, sondern zum Beispiel von einer geschickten Verpackung der Information, vom Charisma eines Informanten, davon, ob die Formulierung der Information spannend oder langweilig ist, ob sie den Wünschen und Träumen von Anlegern entspricht oder nicht, von der Aktualität oder Überraschung und ganz besonders von Angst oder Gier, wenn es um Geld geht.

Jede Information durchläuft irgendwelche Kanäle, bevor sie uns erreicht. Der kürzeste Informationsweg ist der direkte: Menschen sind Augenzeugen und damit selbst Kanäle, wenn in unmittelbarer Nähe ein Baum umkippt und dabei ein Auto unter sich begräbt. Widmet der regionale Radiosender diesem Ereignis eine Meldung, hat die Information bereits eine gewisse Strecke zurückgelegt, nämlich über einen Informanten, der den umkippenden oder bereits umgekippten Baum gesehen und dies entweder direkt dem Radiosender oder erst der örtlichen Feuerwehr gemeldet hat.

Der Informationsweg wird erheblich länger, wenn es um Aktienkurse geht. Angenommen, der VW-Konzern beschließt eine Dividendenerhöhung. Allein bevor die Entscheidung darüber feststeht, haben ganze Gremien an ihr gearbeitet, den Vorstand informiert, dieser hat mit dem Aufsichtsrat Pro und Kontra diskutiert und schließlich eine Ad hoc-Mitteilung veröffentlicht, die von Analysten, Groß- und Kleinanlegern unterschiedlich interpretiert wird. Dementsprechend reagiert der Aktienkurs irgendwie neutral. Danach verarbeiten die Medien die Information, oft liefert auch noch der für die Autoindustrie zuständige Redakteur seinen Kommentar dazu. Und falls der Autor eines Börsendienstes die Dividendenerhöhung schon als Indiz dafür interpretiert, dass der Wolfsburger Konzern demnächst seinen Rivalen Toyota überholen könnte, spricht er eine Kaufempfehlung für die VW-Aktie aus.

Die Informationen, um die es hier geht, sind von unterschiedlicher Tiefe und Qualität. Gremien, Vorstand und Aufsichtsrat gehören zu den Insidern. Kurz vor der Ad hoc-Mitteilung wissen sie, was Analysten, Groß- und Kleinanleger nicht wissen. Aber sie dürfen sich aufgrund ihres Wissens nicht bereichern, indem sie VW-Aktien vorab in der Annahme kaufen, der Aktienkurs werde nach der Mitteilung steigen. Abgesehen davon steht gar nicht fest, dass er steigen wird. Denn die Dividendenerhöhung ist ja das Ergebnis des positiv verlaufenen vergangenen Geschäftsjahres und nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass es VW in den kommenden Jahren noch besser gehen wird als zuletzt. Und schließlich wird der Aktienkurs ganz entscheidend von sogenannten Buy Side-Analysten beeinflusst, die den institutionellen Großanlegern zuarbeiten. Für sie ist die Dividendenerhöhung nur eines von vielen Anlagekriterien.

Geht es um Informationen zu Edelmetallen, spielen zum Teil andere Kriterien eine herausragende Rolle als bei Aktien. Das gilt speziell für Gold, doch quasi in seinem Schatten auch für Silber. Denn der Goldpreis unterliegt Angebot und Nachfrage von Seiten ganz unterschiedlicher Kräfte, zum Beispiel Minen, Altgoldverkäufer und börsengehandelte Fonds (in Form von ETF) auf der Angebotsseite sowie Schmuckindustrie, Barren- und Münzenkäufer, Zentralbanken und wiederum Fonds auf der Nachfrageseite. Wobei die Minen als wichtigste Anbieter – im Gegensatz zu klassischen Industriekonzernen wie VW – stets in einem Dilemma stecken: Sie können den Preis ihrer Ware, also des Goldes, nicht selbst bestimmen, sondern sind von den anderen Anbietern und Nachfragern abhängig. Das gilt im Prinzip auch für Silber.

Dummerweise neigen die meisten privaten Anleger vor den hier beschriebenen Szenarien dazu, die Flinte ins Korn zu werfen, indem sie ihr Geld vor lauter Unterlegenheitsgefühl lieber auf dem niedrig verzinslichen Konto belassen als es in Aktien oder Edelmetalle zu investieren. Nichts wäre falscher als das. Diese wie alle anderen Anleger sollten sich so schnell wie möglich darüber im Klaren werden, dass sie weitaus flexibler agieren und reagieren können als Großanleger, dass die im Internet reichlich verfügbaren Charts ihnen viel über Trends und Trendwenden verraten, dass sie die eingangs erwähnte Informationsfalle mithilfe einfacher Überlegungen umgehen und auf dem Umweg über die richtigen Informationskanäle mindestens genug Börsen-Know how erwerben können, um mehr aus ihrer Anlage herauszuholen als das, was ihnen das Konto bietet.
© Manfred Gburek – Homepage von Manfred Gburek

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.