Das Wochenende ist keine Lösung

25. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Nach schlechten Börsenwochen mag mancher Anleger am liebsten nicht mehr auf die Depotauszüge schaun. Ist der Freitagabend erreicht, freuen sich viele über zwei handelsfreie Tage. Aber der nächste Montag kommt bestimmt.

Viele Anleger haben in den letzten beiden Bärenmärkten Federn gelassen. Der DAX hat inklusvie Dividenden (und ohne Rücksicht auf profane Dinge wie Kosten oder Steuern) einmal 75% und einmal rund 50% abgegeben. Dieser Index hat sich wieder erholt und sogar neue Allzeithochs markiert. Vielen Pendants aus Europa und Übersee haben dieses Kunststück nicht im Ansatz geschafft. Eine haben sogar in starken Bullenmärkten eine Menge Geld verloren.

Wer auf den Trümmern einer Anlage in RWE, E.ON oder der Commerzbank hockt, fragt sich vermutlich nach 90% Kursverlusten, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Derartige Aktien fielen über Jahre auch trotz steigender Indizes in stabilen Abwärtstrends bis auf für viele unverstellbare Niveaus. Es lag nicht an den fehlenden Signalen, wenn Anleger bei derartigen Titeln auf tiefrote Depotauszüge schaun. Es liegt meistens am Wegschauen oder Ignorieren.

Abgesehen von den bekannten, kostenlos und öffentlich verfügbaren fundamentalen Faktoren, wie den bahnbrechenden Verwässerungen bei der Commerzbank-Aktie und dem schon vor dem Atomausstieg unter Druck stehenden Versorgern sprach auch die technische Verfassung der Aktien Bände.

Eon

LochBless

Auch im Vergleich zum Index gab es über Jahre hinweg wenig Erbauliches.

In Situationen, in den denen sich Verluste auftürmen, greift bei vielen Menschen ein altes, leider nur schwer ausrottbares Prinzip. Verluste werden laufen gelassen und Gewinne mitgenommen. Das stellt alles, was an den Anlagemärkten funktioniert auf den Kopf und dementsprechend fallen auch die Anlageergebnisse aus. Während dieses Prinzip bei Stiftungen (ausgerechnet) sogar institutionalisiert gilt, steht es jedem privaten Anleger frei, sich diesem falschen Ansatz zu unterwerfen oder eben nicht. Wir empfehlen, sich exakt umgekehrt zu verhalten und Verluste konsequent zu begrenzen. Das ist natürlich nicht unsere Erfindung, aber gute Sachen darf und sollte man ohne schlechtes Gewissen übernehmen.

Neben den monetären Verlusten, die sich durch das Festhalten an dahinsterbenden Aktien auftürmen, ist auch der mentale Schaden relevant. Eine Position, die einfach immer mehr an Wert einbüßt, zehrt an den Nerven. Mit zunehmender Dauer verzerrt sie zudem die Wahrnehmung und gefährdet damit die bei jedem Menschen in Finanzdingen ohnehin nur schwer zu wahrende Objektivität.

Niemand sollte sich dem täglichen Rauschen an den Aktienmärkten oder in dem debilen Geplapper in mancher Wirtschaftsgazette hingeben und hektisch auf jedes Pünktchen der täglichen Kurszappelei reagieren. In Zeiten von Twitter-infizierten Börsen und hyperventilierenden Trading-Algos kann es notwendig sein, seine Reaktionsschwelle anzupassen. Gleiches sollte dann natürlich auch für die Positionsgrößen gelten. Bei Nebel einfach mal den Fuß vom Gas nehmen. Schlicht und einzig auf mehr Risikobereitschaft umzuschalten ist der erste Schritt auf sehr gefährliches Terrain.

Anleger sollten nicht nur in turbulenten Zeiten das eine oder andere Wochenende nutzen, um sich abseits zappelnder Kurse und sekündlich hereintrudelnder Nachrichten Gedanken über ihre Positionen und ihre Ziele machen. So etwas gerät im Alltag schnell aus dem Blickfeld. Im Zweifelsfall ist zumindest an den Finanzmärkten an etwas zu wenig Risikobereitschaft noch niemand gestorben. Bei allem Gejammer über niedrige Renditen auf dem Tagesgeldkonto oder bei Anleihen darf man nicht nur die mögliche positive Rendite betrachten. Lediglich auf potentielle Gewinne zu starren und die keineswegs unmöglichen Verluste auszublenden, ist das sichere Rezept, sein Depot langfristig zu zerlegen. Null Prozent sind nicht berauschend, aber eine extrem teure Aktie mit wenig Aufwärts- und viel Abwärtspotential ist keine Alternative. Für jemanden, der Aktien auch nur zwanzig Prozent billiger bekommt, weil er die nötige Geduld aufgebracht hat, sind die 0% in der Zwischenzeit nicht sonderlich problematisch.

Auf Grund von etwas zu wenig Risikobereitschaft ist an den Finanzmärkten noch niemand gestorben. Ein bisschen zuviel kann jedoch rasch ausufern. Die erste Regel ist und bleibt: Kein Geld verlieren.

 

Schlagworte: , , , , , ,

Ein Kommentar auf "Das Wochenende ist keine Lösung"

  1. Michael sagt:

    Der DOW kommt von ca. 6500 in 2009, ging auf 18k und würgt rund um die 16k. Der DOW war am 3 fachen und der DAX genauso der war in der Gegend von 3600 – der Kursindex ist in der Verdopplung. Die Differenz sind Banken und Versorger …

    Ein paar hundert ein ‚paar‘ tausend Punkte runter kann durchaus heilsam wirken und befreit den Atem. Seit den 80ern war das schon immer so, dass eher die Liquidität die in den Markt gepumpt wird die Kurse rauftreibt oder oben hält. Es wird mehr Geld in die Märkte gepumpt und dann wird das KGV als passend interpretiert. Ob das vorher auch so war – keine Ahnung.

    Man keine ein paar tausend Punkte Rückschlag in diesen beiden Indizes durchaus relaxed gegenüber stehen.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.