Das Waterloo der Janet Y.

17. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ist der 29. Oktober der Tag, an dem Janet Yellen und ihr Federal Open Market Committee Tacheles reden müssen? Oder werden sie es wirklich fertigbringen, bis Dezember zu warten? Werden klare Worte, um gar nicht erst von klaren Handlungen zu sprechen, womöglich sogar dann ausbleiben? Und was wird dann aus der US-Wirtschaft und dem Aktienmarkt?

(Foto: Flickr von DonkeyHotey)

„Wieso, ist was?“ wird mittlerweile wohl kaum noch jemand fragen, wenn es darum geht, was die US-Notenbank zu gestehen hätte. Außer vielleicht in diesem vorgenannten Offenmarktausschuss, in dem die Entscheidungen fallen. Da, so fürchte ich, sitzen die letzten, die den Schuss nicht gehört haben. Konkret:

Die „Fed“ ist der Wiederaufnahme von Quantitative Easing in Form gezielter Anleihekäufe näher als einer Zinserhöhung. Oder besser, sie sollte, sie müsste es sein. Sonst landen die USA in den kommenden sechs Monaten in einer Rezession, aus der sie, rein von der Struktur der weltwirtschaftlichen Probleme her, so bald nicht mehr herauskommen. Und natürlich wird die Eurozone dem nicht entkommen. Und je länger sie damit wartet, dies einzugestehen und nach außen hin weiter das Märchen der solide wachsenden Wirtschaft erzählt, desto schlimmer werden die Folgen sein.

Es ist das uralte, immer wieder extrem fatal endende Lied von Menschen, die sich blind verrannt haben und nicht die Kraft und/oder die Größe haben, sich der Realität zu stellen und eine Umkehr zu vollziehen. So wurden Konflikte zu Weltkriegen, die nicht endeten. So endeten Freundschaften oder Beziehungen in Mord und Totschlag. So endeten kleine finanzielle Schieflagen in Pleiten, die zigtausende den Job kosteten. So entstanden Dot.Com-Blase und Subprime-Krise. Und diese hier, die es – natürlich – angeblich nicht gibt, wie wird man sie nennen? China-Krise … oder doch „Fed-Krise“?

Eigentlich ist das Beige Book der US-Notenbank ein Non-Event. In diesem monatlichen Lagebericht zur Konjunktur, in dem die zwölf regionalen US-Notenbanken ihre Wasserstände an die Zentrale funken, steht seit Jahren „moderate growth“ in winzigsten Varianten. Nicht zu viel, nicht zu wenig Wachstum, alles ist gut. Ob da ein Quartal hinsichtlich des Bruttoinlandsprodukts im Minus landet oder nicht, hier liest man meist immer denselben süßen Senf. Gestern mal nicht. Mehrere der zwölf „Regionals“ sendeten ein dezentes S.O.S., der Aktienmarkt reagierte mit Verlusten. Und das, obwohl der Oktober-Verfalltermin ansteht und kaum zu übersehen war, dass diese Rallye seit Monatsbeginn viel, wenn nicht gar alles, mit diesem Verfalltermin zu tun hat.

Das ist schon kein Warnsignal mehr. Wenn das Beige Book dunkle Wolken andeutet, pflegt das Kind längst im Brunnen zu liegen. Und man hätte es sehen können, als Anleger. Als US-Notenbanker jedoch hätte man es sehen müssen, wäre man nicht so voller Furcht, angesichts des Umstands, den falschen Mond angeheult zu haben und die strukturellen Wachstumsprobleme nicht erkannt zu haben, das Gesicht zu verlieren. Herrschaften, Sie sind die einzigen, die glauben, dass sie noch ein solches „Gesicht“ haben!

Die letzten Arbeitsmarktdaten waren mies, die davor, vom August, dito. Die Einzelhandelsumsätze stagnieren. Die Einkaufsmanagerindizes außerhalb des Dienstleistungsbereichs rutschen Richtung Kontraktion. Die Konjunkturindizes der regionalen Notenbanken, sei es nun der Empire State Index, der heute zum drittem Mal in Folge deutlich unter der Nulllinie herauskam, sei es der Philly Fed-Index oder die anderen Indizes aus Dallas, Richmond oder Kansas … sie geben seit Monaten Alarm.

Es ist längst nicht mehr angezeigt, einen auf „alles unter Kontrolle“ zu mimen. Es ist die Zeit, sofort zu handeln … wobei, wenn ich ehrlich bin: Eigentlich ist es schon zu spät. Die einzige Rettung wäre eine Kombination aus neuer Zuversicht in der Wirtschaft (vergessen Sie da bloß das US-Verbrauchervertrauen, wer weiß, wie das berechnet wird, kriegt Pickel) und einer dramatischen Abwertung des Greenback, um der Eurozone die Brosamen, die für die etablierten Wirtschaftsregionen beim Export noch übrig geblieben sind, wegzunehmen.

Aber alle zugleich können eben nicht die schwächste Währung haben. Einer im Reigen von Euro, Dollar und Yen, ist halt am Ende der Depp. Und der Tag, an dem Janet Yellen ihr persönliches Waterloo erleben muss, rückt näher. Dann wird sie für Greenspan und Bernanke mit büßen … doch sie selbst war lange genug im Amt, dass sie noch rechtzeitig hätte handeln können. Der Tag, an dem sie erklären muss, dass eine Zinswende „momentan“ nicht angemessen sei. Aber das reicht eben nicht.

Es wird noch Waterloo Teil 2 und Teil 3 geben müssen. Denn Notenbanken sind unflexibel, sie tun nur so, als würden sie permanent unter Anspannung die Lage überwachen. Man wird es nicht schaffen, über diesen eigenen Schatten zu springen und das blödsinnige Procedere der angeblichen Behutsamkeit, in Wahrheit schlicht Zaudern, aufzugeben. Und so würde man dann erst sechs Wochen später erklären, dass eine eventuelle Wiederaufnahme der Anleihekäufe diskutiert worden sei … dann, sechs oder zwölf Wochen danach wird es womöglich beschlossen und wiederum mehrere Wochen später erst begonnen.

Bis dahin verfällt die Konjunktur weiter. Dort, hier und vor allem in China und anderen Emerging Markets. Am Montagmorgen, für uns mitten in der Nacht, werden in China das Bruttoinlandsprodukt des 3. Quartals sowie Industrieproduktion, Investitionsausgaben und Einzelhandelsumsatz des Septembers veröffentlicht. Fallen diese Daten sch…lecht aus, wird die Angst so schnell und intensiv wieder aufflammen, dass sich der Abstieg der Konjunktur in Europa und den USA alleine deswegen noch beschleunigen wird. Mrs. Yellen steht vor einem Waterloo … und wir alle sind in diesem Fall ihre Truppen, die mit ihr untergehen, weil sie, wie einst Napoleon in dieser Schlacht, den rechten Moment verpasst hat.

Mit besten Grüßen, Ronald Gehrt  – www.baden-boerse.de

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , ,

Ein Kommentar auf "Das Waterloo der Janet Y."

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Ich denke, die Frau will alles so lange wie möglich in der Schwebe halten; entscheidet sie sich (egal wie) knallt es.
    Das ist wie die Wasserprobe im Mittelalter:
    Erhöht sie die Zinsen, ist sie mit dem Teufel im Bunde und wird verbrannt.
    Erhöht sie nicht die Zinsen, ertrinkt sie und bekommt ein christliches Begräbnis.
    Oder umgedreht.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.