Das Waterloo der EZB

11. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es gab seit Monaten eine ganze Reihe von Gründen, der Rallye am Aktienmarkt mit Unbehagen zu begegnen. Da war die „blinde“ US-Notenbank, die den dortigen Abstieg der Konjunktur einfach negierte … dieser Abstieg selbst … die EZB-Milliarden-Brechstange mit ihren völlig unabsehbaren Konsequenzen … das bröckelnde Wachstum vieler Schwellenländer, die den letzten Wachstumsmotor für die USA und Europa darstellen. Aber das, was wir in den vergangenen Tagen nun erlebt haben, kommt aus einer anderen Ecke, völlig überraschend und trägt die Situation in einer neue, dramatische Dimension…

Der unheimliche Einbruch der Anleihekurse in Deutschland, aber auch in anderen Eurozone-Ländern wie Spanien oder Frankreich … woher kommt der? Dass der Euro nun doch deutlicher zum US-Dollar zulegt, ist unschön genug. Dass es reicht, dass die US-Notenbank nur das Geplapper über sinnfreie Zinsanhebungen einstellt, um den Dollar recht markant zu drücken, obwohl die EZB das Gaspedal der Geldflutung bereits durch das Bodenblech getreten hat, ist heftig. Denn der Euro muss schwach bleiben und noch schwächer werden, sonst hat es sich was mit der Hoffnung, dass Europa irgendwie wieder ein einigermaßen stabiles Wachstum erreicht. Und jetzt? Statt wie „befohlen“ an und unter die Parität zu rutschen, sehen wir hier nun eine vollendete Trendwendeformation in Form eines Doppeltiefs. Schlimm genug, aber …

eurodoppel

… auch, wenn das alleine den Eindruck vermittelt, dass die EZB trotz ihres gewagten, von vielen besonnenen Experten und Notenbankern scharf kritisierten Vabanque-Spiels außerstande ist, die Währung nachhaltig zu drücken: Der „Crash“ der Anleihen ist heftiger … und vereint sich mit diesem unangenehmen Anstieg des Euro zum GAU, zum größten anzunehmenden Unfall.

Denn auf einmal steht die EZB dümmer als dumm da. Sie macht, sie tut, sie rudert mit den Armen, klopft sich selbstgefällig ob der angeblich schon sichtbaren Erfolge der Staatsanleihe-Käufe auf die Schulter. Dann aber bestätigen die ifo- und ZEW-Daten ebenso wie die Einkaufsmanager-Indizes, dass die Erwartungshaltung bei Unternehmen und Exporten im April nicht besser wurde … obwohl man genau damit gerechnet hatte. Und jetzt das.

Die Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit war vor drei Wochen gehorsam auf das bisherige Rekordtief von 0,07 Prozent gefallen. Ende der Woche wurde zeitweise nun die Marke von 0,60 Prozent überschritten, wie der folgende Chart zeigt, der die Renditeentwicklung der „Zehnjährigen“ seit Anfang 2014 abbildet. DAS ist das Waterloo der EZB und für ihren „Napoleon“ Draghi. Dadurch stieg die Rendite deutlich über das Niveau, das sie zu Beginn der Staatsanleihe-Käufe am 9. März hatte und ebenso über das Niveau, das beim Beschluss eben dieser Maßnahme im Januar vorlag. Anders ausgedrückt:

bunds2

Mit einem „Wimpernschlag“ wurde das letzte Aufgebot der EZB überrannt, jedweder erzwungene Effekt einfach eliminiert, ausradiert – und die EZB steht als zahnloser Tiger da.

Das ist das Schlimmste, was passieren konnte. Denn nicht zuletzt wird durch diese Entwicklung die Wachstumsperspektive der Eurozone zerquetscht wie eine Laus. Es kann daher nicht wundern, dass die Marktteilnehmer am Aktienmarkt reichlich heftig reagierten und genauso hysterisch wieder einstiegen bzw. Short-Positionen eindeckten, als Anleihen und Euro wieder ein Stück in die Gegenrichtung liefen. Nur: Das wissen wir ja nun alles. Was wir aber nicht wissen ist:

Geht der Abverkauf bei den Bonds weiter? Wird die zuletzt mit Mühe und Not seitens der Kurse gehaltene bzw., was die Renditen angeht, nicht überbotene 200-Tage-Linie womöglich doch gebrochen? Steigt der Euro womöglich ebenfalls weiter? Diese Frage ist nur zu beantworten, wenn man sich auf die Suche nach dem Grund dieser dramatischen, völlig überraschenden Entwicklung macht. Und man findet…



Nichts. Die EZB schweigt, da hört man nur das eine oder andere Blabla über Griechenland. Aber Griechenland spielt keine Rolle. Griechenland ist schlicht wurst in Relation zu dem, was sich hier abspielt. Und so ist das totale Schweigen jedweder, ansonsten doch so mitteilungssüchtiger EZB-Granden höchst beredt: Man ist überrascht und weiß nicht, was man sagen oder gar tun soll. Übel. Seeeehr übel. Aber gut: Was wollen sie auch tun?

Man muss sich die Frage stellen, wer hier womöglich den Stein ins Rollen gebracht hat. Denn Bewegungen in dieser Dimension sind kein Zufall. Hier wurde bewusst ausgenutzt, dass alles und jeder extrem spekulativ auf einen dauerhaft fallenden Euro und weiter fallende Anleihe-Renditen gezockt hat. Wenn man da im rechten Moment mit Schwung die Bremse reinhaut, kippt das Ganze von alleine weiter, alleine durch die panischen Positionskorrekturen der völlig überrumpelten Zocker, die (wir erinnern uns an Euro/Franken) hier einen scheinbar völlig „sicheren Trade“ laufen hatten.

Und wenn man sich überlegt, dass dieser Anstieg des Euro und die Rallye der Renditen zwar am Tag des jüngsten US-Notenbank-Statements am 29.4. begann … aber nicht um 20 Uhr, als das Statement auf den Tisch kam, sondern morgens punkt 8 Uhr, dann kann man nur zu einer Schlussfolgerung kommen: Das war Absicht. Aber wer und warum … oder anders ausgedrückt: cui bono?

Infrage kommen hierfür alleine angesichts der Summen, die nur das Anschieben dieser Bewegungen erfordert, nur sehr große Adressen. Entweder aus der Eurozone selbst, aus China, Japan oder den USA. Aber China hätte nichts davon, die Eurozone so in die Bredouille zu bringen. Und die großen Adressen aus Europa natürlich erst recht nicht, denn vor allem die sind ja bis zur Halskrause voll mit Eurozone-Bonds – und das mit Hebelwirkungen, die unsereiner in Ohnmacht fallen ließen und schon jetzt so manches Riesenportfolio in Not gebracht haben dürften. Bleiben die USA und Japan.

In beiden Regionen haben wir eine sehr enge Verbindung zwischen Politik, Notenbanken, Finanzindustrie und Wirtschaft, während man bei uns zumindest offiziell bemüht ist, da jedweden Filz durch „chinese walls“ zu stoppen. Wenn da konzertiert agiert wird, sind gezielte Attacken gegen Anleihemärkte kein Problem. Man muss sich ja nur an das Chaos 2010 erinnern, das die Eurokrise auslöste und wo man bei der in den Medien sorgsam vermiedenen Frage nach „cui bono“ ebenfalls bei Japan und den USA landete, den USA vor allem.

Und da beide Regionen selbst auf dem letzten Loch pfeifen ist es doch naheliegend, dass man versuchen würde, eine Eurozone, die durch das Griechenland-Kasperletheater eh gerade ein wenig instabil daherkommt, empfindlich zu treffen, um so einen entscheidenden Konkurrenten zu schwächen, der womöglich ja tatsächlich durch die EZB-Spielchen auf die Füße gekommen wäre – was Japan und den USA gleichermaßen nicht gut tun würde. Denn wie zuletzt schon oft dargelegt, wird der Kuchen, von dem es sich ein Stück Wachstum abschneiden ließe, immer kleiner.

So gesehen ist es kein Wunder, dass die EZB schweigt. Was soll sie auch sagen, was auch tun? Da mit dem Finger auf egal wen zu zeigen, wäre fatal. Da Verkäufe in egal welcher Dimension zu egal welchem Zeitpunkt völlig legal sind, kann man niemanden beschuldigen, etwas getan zu haben, das nicht in Ordnung wäre. Und dass es nicht nett ist, einem derart unsanft den Stock in die Speichen zu hauen … naja, die Wirtschaft ist nun mal kein Picknick.

Aber angenommen, Sie gingen mit meinen Überlegungen konform, stellt sich nun ja noch die Frage: Ist es realistisch, dass jemand, der hier gezielt agiert hat und nun wie in früheren, vergleichbaren Fällen erkennt, dass er durch die Dynamik der Futures-Märkte stärker ist als die EZB (die ja nicht mal zugeben kann, dass es ein Problem gibt, aus Angst, dann alles nur noch schlimmer zu machen), damit nun einfach aufhört?

Beantworten Sie sich die Frage selbst. Und beantworten Sie sich dann auch zugleich die Frage, was aus den Aktienindizes wird, wenn der Anstieg des Euro und der Anleihe-Renditen, auf deren Abstieg diese ganze Rallye seit Mitte Oktober basiert (als Draghi die Aktienmärkte rettete, indem er erstmals laut über Staatsanleihe-Käufe nachdachte) weitergeht! Jetzt brennt wirklich der Baum.

Das mit dem „sell in may and go away“, ich schrieb es schon Ende April, bevor der Spuk losging, könnte diesmal wirklich ein guter Tipp gewesen sein …

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de



Print Friendly

 

Schlagworte: , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.