Das Tor zur Hölle…

2. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Der Euro ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Dieser Krieg war mit der “Schlacht um Griechenland” wieder einmal in eine heiße Phase übergegangen. Und im Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich als Erstes…

Erwarten Sie also nicht, bei irgendeiner Agentur Substantielles zu den Verhandlungen zu lesen. Dazu sind auf beiden Seiten zu viele Spieltheoretiker – und auch -praktiker – unterwegs. Alle Seiten instrumentalisieren die Medien, wenn auch mit unterschiedlicher Geschicklichkeit. Man kann sich aber relativ sicher sein, dass nur das nach außen dringt, was nach der Auffassung mindestens eines Mitspielers auch nach außen dringen soll. Hinter den Kulissen ist dagegen alles denkbar: Zum einen kann es tatsächlich extrem harte Verhandlungen geben, bei denen der Großschuldner Griechenland gar nicht in einer so schlechten Position ist. Neben der allgemeinen Problematik solcher Konstellationen – 5.000 EUR Schulden sind das Problem des Schuldners, fünf Mrd. EUR Schulden sind das Problem der Bank – liegt die Besonderheit hier in der politischen Überfrachtung der Schuldner-Gläubiger-Beziehung. Wenn eine Währung als politisches Projekt verkauft wird, dann ist das nichts anderes als das verklausulierte Eingeständnis, dass die Ökonomie des Projekts alleine nicht überzeugen kann. Schon vor den Verhandlungen wurde auf Gläubigerseite mehrfach signalisiert, dass man alles tun werde, damit Athen im Euro bleibe – verhandlungstaktisch ein Kardinalsfehler. Die griechische Regierung hat dieses Signal zutreffend gedeutet und fühlte sich ermuntert, Brüssel Zugeständnisse abzutrotzen. Sie setzte sogar noch eins drauf: Das Antichambrieren mit Moskau verdeutlichte, dass Athen Optionen hat. Das rief sogar die USA auf den Plan, die sich gerade gegen Putins „Reich des Bösen“ in Stellung bringen. Da käme es denkbar ungelegen, wenn Griechenland die Seiten wechselt. Der Washingtoner Marschbefehl lautete entsprechend: Einigt Euch!

„Kriegseintritt“ und Marshallplan

Nach diesem „Kriegseintritt“ der USA hatte insbesondere Deutschland schlechte Karten. In Übersee ist ohnehin die Ansicht weit verbreitet, dass die EU – allen voran Deutschland – mehr tun könnte. So als ob die Länder der Eurozone nicht selbst hoch und höchst verschuldet wären, sondern lediglich grundlos „unsolidarisch“ herumknauserten. In eine ähnliche Richtung gehen Forderungen nach einem „Marshallplan“ für Griechenland – Forderungen, die völlig verkennen, dass dort bereits der Gegenwert von zig Marshallplänen in den Labyrinthen der Korruption verschwunden ist. Zumindest in einer Hinsicht gebührt der Regierung Tsipras also der Dank aller Europäer: Niemand hat dem Kontinent deutlicher gemacht, wozu die „Europäische Idee“ vom friedlichen Miteinander und freiem Austausch von Waren und Dienstleistungen unter der Herrschaft der Brüsseler Bürokratie verkommen ist – zu einem fortwährenden Gefeilsche innerhalb eines gigantischen Umverteilungsmechanismus.

Schauspiel für die Außenwelt

Natürlich könnte es auch anders sein. Hinter den Kulissen ist alles längst abgesprochen und die Dramatik der letzten Tage und Wochen ist im Wesentlichen inszeniert. Dass ein Land den Euro wieder verlassen kann, ist etwa so wahrscheinlich wie seinerzeit ein Austritt aus der Sowjetunion oder dem Warschauer Pakt. Das gelang bekanntlich erst, als die jeweiligen Konstrukte insgesamt abgeschafft waren. Die Inszenierung um Griechenland hätte dann vor allem den Sinn, den jeweiligen Völkern die unvermeidlichen „Bitteren Pillen“ als das Ergebnis unglaublich harter Verhandlungen schmackhaft zu machen. Außerhalb Griechenlands heißt das dann: „Wir helfen ein allerallerallerletztes Mal … europäische Verantwortung … Solidarität … Frieden … Blabla“. Und innerhalb Griechenlands tönt das dann etwa so „Stolzes Land … heroischer Kampf … David gegen Goliath … viel erreicht … man muss wissen, wann man aufhört … Blabla“. Seien wir ehrlich, die griechische Filzokratie – nicht das Volk und auch nicht das Land – wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie sich die Brüsseler Infusionsnadel aus dem Arm risse. Eine Nadel durch die bereits viele hundert Mrd. EUR geflossen sind, wie die Website www.money-go-round.eu veranschaulicht.

„Der Don des Euro“

Im Zwielicht ist auch in dieser Inszenierung Jean-Claude Juncker – der Don des Euro und derzeit beste Pate, den die EU aufzubieten hat. Dass ausgerechnet Jean-Claude „Wenn es ernst wird, muss man lügen“ Juncker dem griechischen Regierungschef Tsipras „Verrat“ vorwirft, zeigt die meist unfreiwillige Komik dieses Mannes. Schon am nächsten Tag überführte ihn n-tv.de im „Faktencheck zur Griechenland-Krise“ unter der Überschrift “Juncker hat die Unwahrheit gesagt” der Lüge – wieder einmal. Und falls Tsipras gelogen hat, erweist er sich damit nur als besonders gelehriger Juncker-Schüler und „guter Europäer“ – auch Tsipras Lage ist schließlich ernst.

Totaloperation?

Auch verbergen sich hinter dem Wörtchen „Grexit“ durchaus unterschiedliche Vorstellungen. Die Stammtische erkennen darin das Komplettpaket aus Staatspleite, Euro- und EU-Austritt. Dass diese drei Dinge keineswegs zwingend miteinander verknüpft sind, kommunizierte zuletzt auch die griechische Regierung, die damit einen weiteren Trumpf ausspielte. Selbstverständlich kann auch ein bankrottes Griechenland Teil der EU und auch des Euro sein. Ein Griechenland, das sich mit einer Totaloperation nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ auch gleich noch aus EU und Euro entfernen würde, wäre der Brüsseler Zentrale aber möglicherweise kurzfristig die liebere Alternative.

„In letzter Sekunde“

Danach sieht es aber trotz des Theaterdonners nicht aus. Seit heute kursieren Gerüchte, wonach Griechenland nun doch in vielen Punkten „in letzter Sekunde“ einlenken würde. Wir hielten „Ende ohne Schrecken“ von Anfang an für das von allen Parteien favorisierte Euro-Szenario. So gibt es zwar keine Lösungen, aber das Rad lässt sich noch einmal für ein bis zwei Runden weiterdrehen. Politiker favorisieren praktisch immer die Lösung, die den Schmerz in die Zukunft vertagt, selbst wenn er dadurch größer wird. Das Brandgefährliche am „Griechenland-Spiel“ ist nach unserer Einschätzung nicht ein Staatsbankrott des kleinen Landes, oder die Abspaltung dieser bedeutungslosen Volkswirtschaft von der Eurozone. Von letzterem dürften sowohl die „Zone“ als auch Griechenland sogar profitieren. Die Gefahr ist, dass damit das Geschäftsmodell „Staatsanleihe“ sichtbar auf den Prüfstand gekommen ist, womit buchstäblich das „Tor zur Hölle“ geöffnet wurde – und das bekommt man so schnell nicht wieder zu. Das bedeutet nun nicht, dass man auch direkt hindurchgehen wird. Vertrauen aber ist sehr schnell verspielt und braucht unendlich viel länger, um wieder aufgebaut zu werden. Was sind das eigentlich für Leute, denen ich da mit dem Kauf einer Staatsanleihe Geld leihe? Berechtigte Frage.

Mit einem erneut „geretteten“ Euro wird sich der Würgegriff der Finanziellen Repression weiter verstärken. Schon jetzt wird ernsthaft über ein Bargeldverbot für Europa diskutiert. Ein Thema, das nur auf den ersten Blick absurd klingt, angesichts eines Zinses, der perspektivisch in den Negativbereich gedrückt wird, ist die Schließung des „Bargeld-Ausgangs“ aber nur eine logische Konsequenz. In der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 7/2015 beschäftigen wir uns ausführlich mit diesem Szenario.



Zu den Märkten

Apropos Szenario, auch das vom US-Prognostiker Martin Armstrong vorhergesagte Szenario eines Renten-Crashs für den 1. Oktober2015 bleibt aktuell. Besonders jetzt, da das Geschäftsmodell der einst sakrosankten Staatsanleihen zunehmend hinterfragt wird. Ausgerechnet in dieser Gemengelage wird der Vizepräsident der US-Notenbank Fed, Stanley Fischer, nicht müde eine Zinserhöhung für die USA zu fordern – mit dem Argument einer brummenden US-Konjunktur und annähernder Vollbeschäftigung. Hier könnte sich also durchaus ein perfekter Sturm zusammenbrauen.

2015-07-01_DAX

Aktuell sind die Märkte allerdings in Feierlaune. Das vielleicht Auffälligste an der Entwicklung der letzten Woche ist, dass die Dauerpräsenz der „griechischen Geschichte“ – von Drama wollen wir nun wirklich nicht mehr sprechen – auf den Titelseiten nicht zu extremen Kurskapriolen geführt hat. Zwar zuckten Euro und DAX tageweise überproportional in die eine oder andere Richtung, nachhaltige Crashs blieben den Anlegern jedoch erspart. So befindet sich der DAX weiterhin in der auch in den letzten Ausgaben beschriebenen blauen Flaggenformation (vgl. Abb.). Überhaupt scheint uns der Markt hier ein besserer Indikator zu sein, als das Nachrichtenstudio. Während letzteres tendenziell von der Dramatisierung der Ereignisse lebt, ist es für Marktteilnehmer wichtig, einen möglichst kühlen Kopf zu bewahren. Das freilich schützt auch sie nicht davor, gelegentlich auf dem falschen Fuß erwischt zu werden – besonders, wenn sie so abhängig von der Politik sind wie jetzt.

Fazit

Der Euro im Allgemeinen und der Fall Griechenland im Besonderen sind ein Lehrstück über die Verletzlichkeit zentralistischer Strukturen. Vielleicht bedarf es des Abstands künftiger Generationen, um zu erkennen, welches Vernichtungswerk die Allmachtsfantasien einer ökonomisch unbedarften Politikerclique für einen ganzen Kontinent in Gang gesetzt haben. Zumindest unseren Enkeln ist zu wünschen, dass sie die richtigen Schlüsse ziehen und den Staat aus dem Geldwesen und Wirtschaft so weit wie möglich verdrängen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor




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2 Kommentare auf "Das Tor zur Hölle…"

  1. Michael sagt:

    Die Logik ist einfach. Die Transferunion soll verhindert werden, dadurch dass sich keiner mehr etwas kaufen kann.

  2. waltomax sagt:

    Hat der Staat die Derivate – Bombe gelegt, oder waren es die Banken?

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