Das Schweigen der Bullen

19. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) „Sell in may and go away“ gehört zu den dümmsten Börsensprüchen überhaupt, weil außer der Kraft des Reimes seit vielen Jahren nichts mehr dahinter steckt. Früher, als die Dominanz noch beim Aktienmarkt selbst und nicht bei dessen Derivaten lag und die ganz überwiegende Mehrheit des Markkapitals nicht einmal Short gehen konnte, da machte das schon einen gewissen Sinn. Aber heute?

Denn über die Sommermonate war man da als Anleger außerstande zu reagieren, wenn man das nächstgelegene Telefon nicht in Reichweite hatte oder der persönliche Broker im Urlaub weilte. Anders formuliert: Im vergangenen Jahrtausend was es meist gar nicht so falsch, vor Beginn der eher nachrichtenarmen Sommerphase seine Aktien zu verkaufen und erst im September zurückzukommen.

Es ist schon fast zur unerfreulichen Regel geworden, dass die Aktienmärkte gerade dann so richtig loslegen, wenn die Mehrzahl der Marktteilnehmer im Juli und August im Urlaub ist. Das gilt zwar für beide Richtungen, für „rauf“ ebenso wie „runter“, aber heutzutage kann jedermann nach Belieben in beide Richtungen spekulieren und selbst am entlegensten Winkel des Planeten einigermaßen problemlos kaufen und verkaufen. Warum also sollte man diese Regel beherzigen? Man sollte es nicht tun. Zumindest nicht grundsätzlich. Aber für 2012 sehe ich das ein wenig anders.

Zwar ist die vorstehende Argumentation von der technischen Aufrüstung der Börsen längst überholt worden. Aber mit der Mentalität der Marktteilnehmer sieht das anders aus. Die hat sich, seitdem es Börsen gibt, nicht verändert. Da helfen auch Flashtrading und computergesteuerte Handelsprogramme nichts. Wir sind, wie ich letztes Jahr einmal in einer Kolumne schrieb, nach wie vor Affen … nur halt Affen mit iPhones. Und genau deswegen halte ich es für durchaus möglich, dass wir auch diesmal ab Mai an den Aktienmärkten sukzessive nach unten drehen. Und zwar richtig nach unten. Nicht zuletzt deswegen, weil es in den vergangenen beiden Jahren genauso lief. 2010 hatten wir ein auf Monate geltendes Zwischenhoch Ende April – 2011 war es am 2. Mai. Warum? Weil platte Sprüche auch heute noch ziehen?

Nein … weil die Marktteilnehmer eher zufällig genau zu diesem Zeitpunkt ihrer Hoffnungen beraubt wurden. Und genau das befürchte ich diesmal auch. 2010 war zu dieser Zeit der Moment gekommen, an dem man feststellte, dass das im Sommer 2009 unter die Banken gestreute billige Geld zwar die Börsen massiv nach oben ziehen konnte, in der realen Wirtschaft aber nicht ankam. Der kurzzeitige, dadurch ausgelöste „Münchhausen-Effekt“ lief im Frühjahr 2010 aus und führte zu allgemeiner Ernüchterung und einer kräftigen Wachstumsdelle. Im Jahr 2011 holte uns im Frühjahr die schon erfolgreich unter den Teppich gekehrte EU-Krise mit voller Wucht wieder ein. Tja, und 2012 könnten wir gleich beides auf einmal bekommen.

Zum einen steigen die Anleihe-Renditen der schwachen EU-Länder plötzlich wieder an. Ob das nun eine gezielte, erneute Attacke gegen die EU ist oder einfach nur daraus resultiert, dass viele bis zur Halskrause mit solchen Anleihen voll gepackte Banken realisieren, dass sie sich in eine Sackgasse manövriert haben, weil sie aus diesen Positionen nur wieder heraus kommen, indem sie in einen dünnen Markt ohne großes Kaufinteresse hinein aussteigen und damit die Renditen deutlich nach oben tragen, sei mal dahingestellt. Aber die dadurch wieder unerfreulich teurer werdende Refinanzierung der schwachen Staaten, die allesamt durch die absurden Sparvorgaben der EU noch tiefer in der Rezession stecken als im Vorjahr, wird nicht ohne Folgen auf die EU insgesamt ebenso wie auf die Weltwirtschaft bleiben.

Zum anderen stellen die Marktteilnehmer fest, dass die europäischen Banken ihr billiges Geld momentan lieber bei der EZB wieder einlagern, anstatt es, wie von den Bullen erhofft, massiv in die Aktienmärkte und Rohstoffe zu stecken. Die erste Tranche billigen Geldes im Dezember brachte zwar noch einen kräftigen Aufwärtsimpuls. Die zweite Portion Ende Februar jedoch führte nicht mehr zu Kurssteigerungen. Und das ist auch nachvollziehbar, denn die Banken stellen fest, dass nicht nur die Privatanleger nicht mitziehen und ihnen so das Kaufinteresse abhanden kommt, welches sie zwingend benötigen, um die durch die nach oben getriebene Kurse erzielten Gewinne auch tatsächlich realisieren zu können. Denn von Buchgewinnen hat niemand etwas – und reale Gewinne werden es erst dann, wenn sich genug andere Marktteilnehmer finden, die ihnen diese Aktien und Derivate auf entsprechend hohem Niveau abkaufen. Das ist aber momentan weit und breit nicht erkennbar. Weder bei Anleihen, noch bei Aktien. Warum also noch mehr kaufen, wenn man schon nicht weiß, wie man aus den bestehenden Positionen herauskommen soll?

Und nicht zuletzt ist den Banken definitiv klar, dass die zur Jahreswende noch allseits verbreitete, sichere Erwartung einer nur sehr kurzzeitigen Rezession in der Eurozone und eines soliden Wachstums in China und den USA momentan ein wenig Probleme mit der Realität bekommt. In Europa zuckt momentan nicht das geringste nach oben, China wächst zu wenig, als dass die USA und Europa den von ihnen benötigten Teil des Kuchens abbekämen … und der leichte Aufschwung in den USA beschränkt sich nur auf einige Bereiche wie den Konsum und basiert darüber hinaus auf einer wieder rapide angestiegenen Verschuldung der US-Bürger. Und ein solcher Aufschwung auf Pump wandelt immer auf Treibsand… (Seite 2)

 

www.system22.de

 

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6 Kommentare auf "Das Schweigen der Bullen"

  1. Avantgarde sagt:

    Der Mann schreibt einfach geniale Artikel!

    Hätte ich einen Wusch frei hörte ich ihn gerne mal in einem Podcast hier auf Rottmeyer 🙂

  2. gilga sagt:

    Aktuell gibt’s da wohl nur was an anderer Stelle. Aber hier finden sich einige „ältere“ Artikel und Podcasts: http://system22.de/kolumnen.html

    OT: 30 Tage sollten für das Drucken von und Tauschen in eine neue Währung ausreichen, oder? Man braucht ja am Anfang (wenn überhaupt) nur Papiergeld: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828655,00.html

    • stonefights sagt:

      Danke für den link und die Hilfe zur „um die Ecke denken“ 🙂

      Da finde ich doch einen Kommentar unter diesem Artikel auch ganz trefflich:
      „…hat man es ja endlich geschafft das einzig positive das für den Normalbürger bei der ganzen EU-Veranstaltung abgefallen ist wieder zu streichen. Grenzenlos und einfach reisen kann dann nur noch das Kapital.“

      Ala, was heute Ausnahme, das morgen Regel, also muss gar nicht mit eigener Währung angedacht sein, andere Möglichkeiten sind genereller und das Bild der „Neger“ im Sinnbild „Sklaven“ passt eigentlich in meinem Gedankengang auch 😉

      lg, stonefights

  3. mfabian sagt:

    Es gibt durchaus Potential für steigende Aktienmärkte.

    Szenario: Ab Mai schmieren die Börsen um 15-20% ab, die Fed kriegt kalte Füsse und legt im Juli/August (rechtzeitig vor den Wahlen) QE3 über 1.5 Billionen Dollar auf und generiert so die nächste liquiditätsgetriebene Hausse.

    Die Aktienpreise haben ja schon seit ein paar Jahren nichts mehr mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Firmen zu tun.

  4. Wollen sagt:

    Zurzeit hält man sich noch mit Unternehmensgewinnen,“geglückten“ Anleihenauktionen als Argument für steigende Börsenkurse,wirtschaftlich siehts wohl eher schlecht aus das nicht nur in Europa.
    Japan lässt grüßen.

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