Das neue Zinsexperiment der Zentralbanken

17. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Am 9. September 2016, einen Tag nach der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), begannen die Renditen der langfristigen Anleihen weltweit deutlich anzusteigen. Beispielsweise stieg die Rendite erstmalig seit Mitte Juni (leicht) über die Nulllinie. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zogen die Renditen für langfristige Papiere an.

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Die Zinsen sind zwar nach wie vor auf einem sehr niedrigen Niveau. Doch die jüngste Reaktion in den Zinsmärkten könnte sich rückblickend als richtungsweisend erweisen. Bislang war die Geldpolitik darauf aus, die Inflation bei etwa 2 Prozent zu halten und gleichzeitig die nominalen Zinsen auf oder gar unter die Nulllinie zu zwingen. Auf diese Weise wird der reale Zins (also der Nominalzins abzüglich der Inflation) negativ.

Doch diese Politik ist nicht dauerhaft durchführbar. Zum Beispiel geraten Banken in Probleme, wenn die Nominalzinsen null oder gar negativ sind. Aber auch Unternehmen leiden bei derart niedrigen Zinsen. Beispielsweise steigen ihre (barwertigen) Pensionsverpflichtungen an und das verringert ihr Eigenkapital – eine Entwicklung, die für viele Unternehmen existenzbedrohend sein kann. Und nicht zuletzt steigt der Zorn der Bürger, die keine Verzinsung mehr auf ihre Sparguthaben verdienen können.

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Es ist daher alles andere als unwahrscheinlich, dass sich die Geldpolitik ändern wird. Ein negativer Realzins lässt sich auch erreichen, indem die Geldpolitik dafür sorgt, dass die Nominalzinsen positiv bleiben, gleichzeitig jedoch für eine Inflation sorgt, die höher ist als der Nominalzins.

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Eine solche Geldpolitik gab es schon einmal, und zwar in der Zeit von 1942 bis 1951 in den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Episode soll nachfolgend kurz betrachtet werden.

Finanzielle Repression 1942 bis 1951 in den USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika finanzierten ihre Ausgaben im Zweiten Weltkrieg mit viel Kredit. Um die Zinskosten niedrig zu halten, erhielt die amerikanische Notenbank (Fed) im Jahr 1942 den Auftrag, die Zinsen für Staatspapiere mit kurzer Laufzeit bei 0,38 Prozent, die für lang laufende Staatsanleihen bei 2,5 Prozent zu fixieren.

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Die Fed sorgte dafür, dass die Renditen der Schuldpapiere niedrig blieben. Durch diese Politik der Zinskontrolle, die erst Anfang 1951 aufgehoben wurde („Treasury-Fed Accord“), entschuldete sich der Staat auf Kosten der Geldhalter und Besitzer von festverzinslichen Papieren.

Die Fed kaufte US-Staatsanleihen am Markt und bezahlte die Käufe mit neu geschaffenen US-Dollar. Dadurch stieg die US-Dollar-Geldmenge stark an: Von 1942 bis 1951 stieg sie um gut 120 Prozent. Eine steigende Geldmenge (die stärker steigt als das Güterangebot) verspricht steigende Preise.

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Und in der Tat zeigte die Fed-Geldpolitik Wirkung. Die wachsende Geldmenge übersetzte sich in steigende Preise. Die Konsumentenpreise stiegen von April 1942 bis Februar 1951 um 160 Prozent an. Befördert wurde der inflationäre Effekt vor allem auch dadurch, dass mit der Geldmengenausweitung die Kriegsproduktion finanziert wurde.

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Steigende Preise bedeuten natürlich einen Rückgang der Kaufkraft des US-Dollar – die Menschen bekommen weniger Güter im Tausch für ihr Geld. Und wie entwickelte sich die Kaufkraft des Goldes? Sie fiel eins zu eins mit dem US-Dollar. Warum? Nun, das Gold war damals an den US-Dollar fixiert. Genauer: Der US-Dollar entsprach einer Feingoldmenge: Eine Feinunze Gold kostete 35 US-Dollar.

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Der US-Aktienindex S&P 500 begann ab dem Frühjahr 1942 merklich zu steigen; mit Beginn des Jahres 1949 beschleunigte sich der Anstieg der Aktienkurse. Das hatte natürlich vor allem auch mit dem allgemeinen Ansteigen der Preise zu tun, für die die US-Zentralbank mit ihrer Geldpolitik sorgte.

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Das neu geschaffene Geld übersetzte sich in steigende Aktienkurse – vor allem auch deswegen, weil die nach wie vor niedrigen Nominalzinsen nach Abzug der Inflation negativ waren. Aktien waren also quasi eine der wenigen Möglichkeiten, um der Geldentwertung zu entkommen.

Zentralbanken können die Zinsen kontrollieren

Indem Zentralbanken Schuldpapiere mit langen Laufzeiten kaufen, können sie ebenfalls deren Rendite mehr oder weniger genau bestimmen. Nehmen wir an, die Zentralbank will die Rendite der Schuldpapiere gegenüber der aktuell im Markt vorherrschenden Rendite absenken. Dazu kauft sie zusätzliche Papiere am Markt. Dadurch steigen deren Kurse und folglich sinkt die Rendite. Weil die Zentralbank unbegrenzt neues Geld schaffen kann, ist sie auch in der Lage, den von ihr gewünschten Höchstzins durchzusetzen.

Nun nehmen wir an, die Zentralbank will den langfristigen Zins auf ein höheres Niveau als das am Markt vorherrschende befördern. Dazu kann sie entweder ihre eigene Nachfrage zurückführen. Das Ergebnis wären niedrigere Kurse und höhere Renditen – und die Basisgeldmenge wächst nicht weiter an. Alternativ kann die Zentralbank Schuldpapiere, die sie in ihrem Portfolio hält, verkaufen. Indem sie das Angebot am Markt erhöht, fallen die Kurse und steigen die Renditen – und die Basisgeldmenge wird verknappt.

Die Überlegungen zeigen: Die Zentralbanken können die nominalen Langfristzinsen kontrollieren, jeden gewünschten Zins durchsetzen. Wie lässt sich diese Geldpolitik verbinden mit dem Ziel, für eine etwas höhere Inflation zu sorgen? (Seite 2)

 

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4 Kommentare auf "Das neue Zinsexperiment der Zentralbanken"

  1. MFK sagt:

    Eine Zunahme der Geldmenge führt nicht zwangsläufig zu höherer Inflation. Dazu ist auch eine Zunahme der Geldumlaufgeschwindigkeit erforderlich. Helikoptergeld führt dann nicht zu Inflation, wenn dieses zur Schuldentilgung verwendet wird. Auch Helikoptergeld via Bankkrediten führt nicht zwangsläufig zu höherer Inflation. Konsumptive Bankkredite haben nur eine Vorzieheffekt. Inflation kann wohl eher durch höhere Löhne herbeigeführt werden.

  2. FDominicus sagt:

    „Eine Zunahme der Geldmenge führt nicht zwangsläufig zu höherer Inflation. Dazu ist auch eine Zunahme der Geldumlaufgeschwindigkeit erforderlich. “

    Stimmt nicht. Jede Geldmengenzunahme ist eine Inflation. Und wenn man von Preis inflation spricht stimmt es auch nicht. Denn die aktive Geldmenge könnte man dann als
    Geldmenge * Umlaufgeschwindigkeit definieren. Bleibt die Umlaufgeschwiindigkeit gleich dann nimmt die aktive Geldmenge trotzdem zu. Man kann auch die Geldmenge konstant halten und falls sich die Umlaufgeschwindigkeit erhöhten sollte, hat man auch eine höhere „aktive“ Geldmenge.

    Und nein eine höhere Preisinflation bekommt man auch nicht unbedingt durch höhere Löhne. Erst einmal könnten mehr Leute arbeitslos werden, damit die Produktion und Nachhfrage sinken. Und selbst wenn die Quote gleich bleibt könnte auch immer noch die Sparquote steigen oder in Ihre Diktion die Umlaufgeschwindigkeit sinken.

  3. Argonautiker sagt:

    Die sicherste Methode die Wirtschaft wieder in einen gesunden Zustand zu bringen, ist die Erschaffung der Aussicht auf eine gute Zukunft, die sich nicht nur als gute Aussicht, also als Phantasie erweist, sondern sich täglich als real eintretende Wirklichkeit entfaltet.

    Das geben die Lösungsmodelle unsere Führungskräfte jedoch nicht her. Die Umverteilung von Arm zu reich, läuft unaufhaltsam weiter. Wozu sich also investieren, wenn doch immer die Oberen gewinnen, und zwar ohne groß was zu tun, sondern dies lediglich mit dem Monopol der Regelsetzung erwirken. Wer hätte je gedacht, daß man sich mit Schulden machen entschulden kann. Kann MAN ja auch nicht, nur die, die nah genug an der Notenpresse sind.

    Da war das Verwandeln von Wasser in Wein doch stümperhaft dagegen. Hier verwandeln gerade einige ihren politischen und Wirtschaftlichen Bankrott durch die Entkernung der Demokratie zu einem diktierten Sozialismus mit legalem Zugriff auf sämtliche Güter um.
    Man bedenke was dieser Satz bedeutete, als man uns zum Anlegen von Vorräten anwies: Wir brauchen uns aber keine Sorgen um unsere Zukunft machen, im Falle einer länger anhaltenden Versorgungskrise würde die Regierung natürlich die notwendigen Lebensmittelerzeugenden Betriebe einfach enteignen.

    Na Prost Mahlzeit, das heißt auf gut Deutsch, die, die diesen Schlamassel mit ihrer Regierungsweise erzeugt haben, weil sie das Großkapital ständig übervorteilt haben, und nun vor dem Scherbenhaufen ihrer Leistung stehen, übernehmen dann ganz, anstatt die Großen pleite gehen zu lassen, und ihre eigenen Stühle wegen Unfähigkeit zu räumen.

    Man könnte mittlerweile ja glauben, daß der Zusammenbruch der DDR ein Schachzug war, um hier Politiker zu installieren, die genügend Krisen erzeugen sollten, um dann die Umwälzung zu einem Sozialismus zu vollziehen.

  4. Skyjumper sagt:

    Qua Definition ist Inflation durch eine Zunahme der Geldmenge beschrieben. Also haben wir Inflation. Was wir, zumindest offiziell, nicht haben ist eine Preisinflation. Hier neige ich dazu @MFK beizupflichten wenn er sagt dass eine Zunahme der Geldmenge nicht zwangsweise zu (Preis)Inflation führen muss. Der Grund ist nach meinem Verständnis allerdings ein ziemlich lapidarer.

    Preise, und damit auch eine etwaige Preisinflation, bestimmen sich nach ZWEI praktischen Einflußgrößen. Angebot und Nachfrage bestimmen zumeist über den Wettbewerb den Preis. Und hier tut sich derzeit relativ wenig. Zum einen steigt die Nachfrage nach den alltäglichen Gütern im Vergleich zu früheren Jahren kaum, denn beim breiten Publikum kommen kaum mehr Geldmittel als in früheren Jahren an. Zum anderen ist die Industrie (Angebotsseite) jederzeit in der Lage auch steigende Nachfrage nach alltäglichen Produkten zu befriedigen.

    Allerdings ist alle Theorie grau. Vor allem wenn man sich auf offizielle Zahlen stützt und anfängt die Theorie in Frage zu stellen weil die Zahlen etwas anderes zu sagen scheinen. Würde man die Preisinflation nicht so gnadenlos schönen, würde jedermann sehen dass wir Preisinflation haben. EZB und Statistikämter spielen dem Publikum ein „grandioses“ Theater vor. Und es wirkt.

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