Das neue Schwein heißt Huhn

30. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Auch wenn das Bargeld verboten werden sollte, an barem Unfug wird auch künftig kein Mangel herrschen. Einen Beitrag hierzu leistete unlängst ein Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Die Aktie sei die neue Anleihe lautete das Fazit. Ob Kühe morgen auch Eier legen wurde nicht erläutert…

Das HWWI ist eine GmbH und nicht zu verwechseln mit dem HWWA, dem zwar mittlerweile aufgelösten aber wohl dennoch bekannteren Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv. Ähnlichkeiten im Namen sind sicher rein zufälliger Natur. Der Internetauftritt des HWWI bietet dem Leser eine Erklärung, was es mit der Gesellschaft auf sich hat.

(hwwi.org) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI gemeinnützige GmbH) ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Think Tank. Das HWWI ist privat finanziert. Es ist unabhängig und den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft verpflichtet. Wir übernehmen Verantwortung und leisten mit unserer Arbeit einen Beitrag für eine freiheitliche, fortschrittliche und offene Gesellschaft.

Inwiefern Unabhängigkeit und private Finanzierung zusammenpassen mag jeder für sich beurteilen. Man darf sich natürlich die Frage stellen, ob es sich bei der Unabhängigkeit der „privat finanzierten“ GmbH nicht eher um eine andere Spielart der Abhängigkeit handelt aber wer will sich schon Haare spalten. Das soll nicht missverstanden werden als Kritik an einer privaten Finanzierung, es geht eher um die Formulierung.

Aber das soll nicht das Thema sein, denn irgendwo müssen die Mittel ja herkommen. Ärgerlicher sind allerdings die Inhalte, die kürzlich in der Börsenzeitung zu lesen waren. Ein Artikel in der Gazette nahm Bezug auf einen Vortrag eines Direktor des Instituts. Der Titel des viertelseitigen Textes ließ nichts Fundiertes ahnen. Er lautete: „Die neue Anleihe heißt Aktie“. Nun ist es beliebt, inhaltlich fragwürdige Schnipsel effekthaschend als Lockmittel für den Leser einzusetzen. Da der Mann vom HWWI aber eine neue „Anlagekultur“ forderte, ist eine solche Überschrift genauso hilfreich wie der Aufruf zu mehr geometrischer Exaktheit unter dem Titel „Der Kreis ist das neue Dreieck“.

Allein der Begriff Anlagekultur oder deren Verwandter, die „Aktienkultur“, spülen den letzten Krümel möglicher Seriosität beiseite. Angesichts des Titels darf man vermuten, dass mit der Anlagekultur eben diese „Aktienkultur“ gemeint ist. Nun spricht generell nichts gegen den Kauf von Aktien. Generell spricht aber in diesem Denkschema auch nichts gegen den Kauf anderer Wertpapiere. Alles hängt vom Preis und von der individuellen Situation des Anlegers ab. Der Gewinn liegt im Einkauf ist eine Aussage, die auch bei der Aktienanlage gilt. Dieser impliziert die Vermeidung übermäßiger Verluste. Durch Gleichgültigkeit gegenüber der Bewertung lässt sich allenfalls die langfristige Enttäuschung sichern.

Bemerkenswert an der Diskussion über fraglos immer noch niedrige Anleihrenditen ist der offenbar als gottgegeben angenommene Grundsatz, wenn die eine Anlageklasse nicht die gewünschten Erträge bringe, wären diese auf jeden Fall bei einer anderen zu finden. Diese schlichte Einstellung, die den Finanzmarkt offenbar mit einem Automaten gleichsetzt, bei dem man nur den richtigen Auswahlknopf drücken muss, ist irreführend und gefährlich. Nur weil die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit unter 1% liegen bei Aktieninvestments aufs Gaspedal zu treten ist eine seltsame Idee. Da derzeit auch die Risikoprämien für Unternehmenspapiere (Credit Spreads) steigen, lässt sich die Euphorie für die Aktien nicht nachvollziehen.

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Natürlich kann jemand die Aktien von Beiersdorf zum 30-fachen des Jahresgewinns pro Aktie in der Hoffnung kaufen, jemand wird ihm morgen das 40-fache zahlen. Das kann sogar im Einzelfall gutgehen, aber daraus eine für alle Anleger gültige Strategie abzuleiten ist wie die Aufforderung, beim Pokern unabhängig vom Blatt immer fleißig mit zu setzen.



Kenny Rogers

You’ve got to know when to hold ‚em
Know when to fold ‚em
Know when to walk away
Know when to run
You never count your money
When you’re sittin‘ at the table
There’ll be time enough for countin‘
When the dealin’s done

Da hat jemand öfter am Pokertisch gesessen. Für den Finanz-Tisch gilt das Zitat ebenfalls. Aber wer will nicht das Gute am Prinzip des Volks-Zocks erkennen. Folgt eine genügend große Gemeinde derartigen Aufrufen zur Nachlässigkeit, dann muss man sich auf Grund kommender Verluste immerhin keine Sorgen mehr um die Anlagekultur machen.

Damit genügend Bürger dabei sein können, wollen wir den Lesern einige Glanzstücke der Ergüsse des „Think Tanks“ nicht vorenthalten.

„Die im Zuge der Finanzkrise auf ein Tief gesunkenen Zinsen trieben Anleger inzwischen in hohe Risiken. Das ergebe zusammen mit der Risikoaversion der Gesellschaft (…) ein gefährliches Gemisch.“

Ach so. Die Anleger gehen zu viele Risiken ein, was durch die Abneigung gegenüber Risiken verschlimmert wird. Das große Angebot an Schnaps treibt die Menschen zum Suff und die starrsinnige Abstinenz verschlimmert das Problem. Interessant.

„Derzeit gebe es aber wenige gute Anlageoptionen. Immobilien unterlägen der Gefahr von Preisblasen und die Preise für Rohstoffe seien sehr volatil“

Immobilien sind anfällig für Preisblasen und Rohstoffe volatil. Da bleibt ja nur die Aktie.

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Pardon, werte Leserschaft, aber so einen Schwachsinn haben wir lange nicht gelesen. Vermutlich ist dem HWWI das Geld für langfristige Datenreihen verschiedener Assetklassen ausgegangen.

„Lediglich in Deutschland gebe es Zeichen der Aufhellung, denn zumindest hierzulande gehe die gute Konjunktur wieder in die Preise“

Jawoll, endlich wird alles teurer. Selbst Oma freut sich! Damals in der guten alten Zeit hat die Semmel noch 3 Milliarden Mark gekostet. Damals war halt alles besser.

Auf anderweitigen Details zu den Unterschieden zwischen Eigenkapital und Fremdkapital wollen wir an dieser Stelle gar nicht herumhacken. Kupons, Dividenden, Fälligkeiten, Senioritäten und all diese kleingeistigen Spitzfindigkeiten – mit so etwas kann man sich vermutlich aus Zeitmangel nicht in jedem „Think Tank“ beschäftigen.

Damit wollen wir es bewenden lassen. Vermutlich spüren auch Sie schon den heißen Atem des Aufschwungs im Nacken und wollen noch schnell ein bisschen shoppen gehen. Vielleicht sollten Sie aber auch noch warten. Es könnte ja morgen das eine oder andere noch teurer geworden sein und dann wird alles erst so richtig gut! Und so schließt sich der Kreis zu den Anlageratschlägen des HWWI zur Aktienanlage. Bei hohen Preisen muss man kaufen. Revolutionär.



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