Das neue Inflationssignal

12. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Manfred Gburek) Die „Bild“-Schlagzeile auf Seite 1 am Freitag war unmissverständlich: „Inflations-Alarm“. Was es damit auf sich hatte, war für die FAZ am selben Tag einen Leitkommentar ebenfalls auf Seite 1 wert. Hier eine Kostprobe…

„Mit extrem lockerer Geldpolitik und vielen Notfallhilfen kauft die EZB Wackelbanken und Schuldenländern Zeit, allerdings auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit und unter Gefährdung ihres eigentlichen Auftrags, die Preisstabilität zu wahren.“ 

Dazu das Fazit, zur Finanzierung brauche Euroland „den Markt, der solide Staatsfinanzen und strukturelle Reformen verlangt. Wenn Euroland dazu nicht bereit ist, wird der Euro auch als Weichwährung keinen Bestand haben.“

Halten wir also fest: Die EZB macht sich unglaubwürdig, riskiert, dass die Preise steigen, und Euroland könnte eines Tages die Gemeinschaftswährung aufgeben. In so einem Umfeld und mit solchen Aussichten sind solide Staatsfinanzen und strukturelle Reformen bestenfalls ein frommer Wunsch. Und ganz nebenbei: Was ist Euroland? Die Brüsseler Bürokratie? Um Gottes willen. Die EZB? Im Prinzip ja, aber ohne politisches Mandat und damit machtlos. Oder etwa 17 Länder auf der verzweifelten Suche nach einem Konsens, den es wegen weit auseinandergehender Interessen jedoch nicht geben kann? Diese Interpretation kommt der Wahrheit am nächsten.

Daraus folgt: Euro hin, Euro her, jedes der 17 Länder wird weiter sein eigenes Süppchen kochen. Das erleben wir gerade wieder in Griechenland, Fortsetzung folgt. Das erleben wir auch in Spanien, wo der Staat das ehemals aus Sparkassen zusammengewürfelte Institut namens Bankia zu retten versucht, während immer größere Teile der Bevölkerung der Regierung in Madrid mit Protestmärschen die Hölle heiß machen. Da geht es nicht mehr um langfristig angelegte Reformen oder um den Euro, um solide Staatsfinanzen schon gar nicht, sondern in Anbetracht der extrem hohen Arbeitslosigkeit ums nackte Überleben.

Als wären diese – bisher von deutscher Seite fast ignorierten – Zustände, die neuerlichen Zweifel an der Solidität von Frankreichs Staatsfinanzen und die ständigen Querelen um den Euro nicht schon schlimm genug, da packt die EZB auf einmal ein heißes Eisen an, das es wie eingangs zitiert auf Seite 1 von „Bild“ geschafft hat: Inflation. Aber nicht etwa im Sinn von Geldmengenwachstum oder steigenden Lebensmittel- und Spritpreisen, sondern ganz anders: Deutschland soll höhere Inflationsraten verpasst bekommen.

Im Ernst, eine Fraktion im EZB-Rat plädiert dafür. Die Begründung ist so skurril wie bescheuert: Falls die Inflationsrate in wirtschaftlich angeschlagenen Ländern wie Spanien oder Portugal merklich unter dem für alle Euroländer vorgegebenen Ziel von fast oder nahe bei 2 Prozent liege, müsse sie zur Erreichung dieses Ziels in wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland eben höher sein. Als wenn die 2 Prozent in einer Währungsgemeinschaft von 17 Ländern, die alle ihr eigenes Süppchen kochen, überhaupt ein erstrebenswertes Ziel wären.

Abgesehen davon: Wie fummelt man den ganzen Datenwust, der in die Inflationsrate mündet, so hin, dass unter dem Strich die 2 steht? Volkswirte haben sich ja schon viel Unsinn ausgedacht und sind mit ihren theoretischen Modellen immer dann gescheitert, wenn es mal wirklich ernst wurde, wie zuletzt aus Anlass der Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch dem aktuellen Euroland-Musterknaben willkürlich eine Inflationsrate über 2 Prozent aufzubrummen, das ist der Gipfel. So, als würde der Klassenbeste dafür bestraft, dass seine Schulnoten besser sind als die der schlechten Schüler. (Seite 2)

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