Das nervt! #howAboutYou?

20. April 2018 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Geht Ihnen die ebenso selbstgerechte wie penetrante „Me Too“ Kampagne auch auf die Nerven? Immerhin rückt der mediale Scheiterhaufen, auf dem derzeit viele Karrieren enden, die Nähe der geheuchelten Toleranz zum Stalinismus ins rechte Licht...

Unter Stalin verschwanden in Ungnade gefallene Genossen erst aus dem Leben und dann von bereits existierenden Fotos. So lückenhaft wie manches Gebiss im fortschrittlichen Sozialismus daherkam, wirken daher auch viele Aufnahmen aus der Ära des dahin geschiedenen Sowjetimperiums. Die Leistungen der Bildbearbeiter sind überaus beachtlich, denn digitale Hilfsmittel wie Photoshop gab es damals noch nicht. So wie das Einstielen des vorzeitigen Ablebens der ehemaligen Wegbegleiter war auch das Entfernen selbiger von den Fotos noch echte Handarbeit. Eine Art umfänglicher sowjetischer Auslöschungsmanufaktur im real existierenden Irrsinn.

Heutzutage ersetzt man umstandslos Schauspieler schnell noch vor der Premiere aus ganzen Filmen. So geschehen mit Kevin Spacey, der von seinem Regisseur aus dem bereits fertigen Filmchen „All the money in the world“ gelöscht wurde. Nun öffnet dies natürlich Tür und Tor für eine rückwirkende Zensur.

Diese ist ja schon bei Comics und Kinderbüchern zu erkennen. So verlangen viele die Änderung der Bücher von Astrid Lindgren, in denen der Papa von Pippi Langstrumpf bekanntlich an einer Stelle als Negerkönig bezeichnet wird. Wie es sich langfristig auswirken kann, die Literatur stumpf aus der Sicht des aktuellen Kontextes heraus zu beurteilen oder gar rückwirkend zu verändern, mag man sich gar nicht ausmalen. Wie heißt es so schön? Was soll es bringen, den Sieger nach der Wahrheit zu fragen?

Umschreibungen können in Abhängigkeit vom politisch gerade herrschenden Wind auch zu Änderungen führen, die viele sich vermutlich gar nicht vorstellen können. Wer weiß, vielleicht verändern sich über die nächsten politischen Zyklen ja noch die Werke von Günter Grass zu glühenden Aufrufen eines national orientierten Neokapitalismus. Mit ein paar Änderungen an der richtigen Stelle kriegt man sicher auch das hin. Dann muss man nur noch rasch alle Originalversionen vernichten bzw. deren Besitz oder Verbreitung auf Basis irgendeines Hetze-Paragraphen unter Strafe stellen und schon läuft’s. Tolle Aussichten, oder? Gegen eine organisierte Bücherveränderung ist eine Bücherverbrennung doch so was von old school. Den Rest löscht man dann von den digitalen Speicherplatten oder wartet ein paar Jahre bis die Speichermedien von selbst den Geist aufgeben. Aber das würde natürlich niemand tun. Man ändert doch nur hier ein bisschen an Asterix und Obelix und dort ein bisschen an den Werken von Astrid Lindgren. 

Heutzutage ist es auch im Land, in dem wir gut und gerne bei der Digitalisierung zehn Jahre hinter unseren Nachbarn zurückhängen, deutlich einfacher, unliebsame Zeitgenossen loszuwerden. Denjenigen, die sich mit der Meinungsäußerung einfach nicht zurückhalten wollen, sperrt man einfach die Konten und alle sonstigen Zugänge zum digitalen Alltag. Andere, die ihre Meinung über so freie westliche Kanäle wie Facebook verbreiten wollten, erfahren, dass Freiheit zwar angeblich immer die Freiheit des Andersdenkenden ist, dies allerdings nur dann gilt, wenn der Andersdenkende nicht anders denkt. In Anlehnung an Henry Ford könnte man sagen, die Menschen dürfen denken was sie wollen, solange sie denken wie ich. Zu den die Gesellschaft zerstörerenden Wirkungen der a-sozialen Medien, die auch vom ehemaligen Facebook-Vizepräsidenten betont werden, gesellt sich so noch eine geradezu Orwellsche Eintönigkeit. 

Wie ernst man es mit der geheuchelten Toleranz wirklich meint, sieht man an der vor einigen Jahren gezündeten zweiten Stufe des Feminismus, die mit den ursprünglichen Zielen einer immer noch bemerkenswert mutigen Alice Schwarzer nichts mehr gemein hat. Mittlerweile wurde der Einseitigkeits-Turbo gestartet. Man erkennt dies unschwer an Gesetzen, die nicht mehr für alle gelten sollten, sondern lediglich für einige. Man erkennt das ebenfalls an vermeintlichen Diskriminierungen, die nicht korrigiert sondern schlichtweg umgedreht werden. Man denke an das Formular, dass die paar Leute ausfüllen müssen, die noch über eine Mitgliedschaft bei den Grünen nachdenken. Bei der Jugendorganisation der ehemaligen Ökopartei kann man einfach eingeben, als was man sich heute einzustufen gedenkt.

Wie hieß die Raterunde mit Robert Lemke: Was bin ich?

Auch bei anderen Vergehen wie etwa Schwarzfahren, illegalem Grenzübertritt oder auch mal bei Morden, beim einen verwerflich, beim anderen eine Frage der Ehre, sind vor dem Gesetz nicht mehr alle gleich. Allerdings geht es bisher nur um eine recht freie Auslegung bestehender Gesetze und glücklicherweise noch nicht um eine Umschreibung. Das Resultat ist allerdings vergleichbar.

Nun wollen einige Darsteller der in Frankreich aus dem Boden gestampften „en marche“-Bewegung um Herrn Macron ein Gesetz auf den Weg bringen, dass es unter Strafe stellt, Frauen „anzumachen“, in der U-Bahn zu dicht an sie heranzurücken und so fort. Es drängen sich bei diesem sicher wieder einmal gut gemeinten Vorschlag einige Fragen auf. Erstens wäre es interessant, warum man die Anmache und das Herandrängeln nur auf Frauen reduziert. Zweitens darf man sich fragen, warum man meint, mit einem solchen Gesetz etwas zu verbessern, wenn man schon die Hauptdarsteller manch ekelhafter Vorgänge wie sie in den letzten Jahren nicht nur an Sylvester in vielen deutschen Städten stattgefunden haben, nicht zur Rechenschaft ziehen kann. Wer Frauen und Mädchen aggressiv nötigt und bedrängt, sich mit seiner gleichgesinnten Rotte wie eine Horde hormon-überdosierter Paarhufer aufführt und so die Leben von Frauen, Mädchen und sicher auch vielen Ehegatten, Freunden, Partnern und Geschwistern möglicherweise lebenslang beeinträchtigt, kommt einfach so davon. Gleichzeitig hängt man den Arschgrapscher und Hinterherpfeifer an den Galgen? Ohne letztere sympathisch zu finden darf man eine solche Vorgehensweise durchaus als unwürdig bezeichnen. Auf der Suche nach den Anmachern genügt es übrigens, eine Stunde am Haupteingang eines Ruhrgebietsbahnhofs statt im Fonds seines gepanzerten Audi A8 zu verbringen.

Das ganze Buhei erinnert an das Vorgehen der Bahn gegen Schwarzfahrer. Wer böse dreinschaut und Stunk macht wird meistens nicht kontrolliert oder nur dezent darauf hingewiesen, dass es dieses Mal (wie jeden Tag) noch mal in Ordnung sei, aber ab morgen nicht mehr. Das Ticket der älteren Frau, die schon nervös wird, wenn der Schaffner nur in ihre Nähe kommt, weil Sie ihr Ticket nicht schnell genug aus der Tasche bekommt, wird hingegen sorgfältigst kontrolliert als habe Sie ein Kilo Koks in ihrem Rollator versteckt. Vor dem einem duckt man sich weg, den nächst schwächeren drangsaliert man. Wer will es dem Schaffner übelnehmen, nicht seine Gesundheit zu riskieren, wenn selbst Bundespolitiker davon faseln, der Staat könne für die Sicherheit der Bürger nicht sorgen. Wenn er das nicht kann, dann hat einen Großteil seiner Existenzberechtigung verspielt. Willkür und die Bevorzugung aggressiver Zeitgenossen sind ein prima Rezept für die rasche Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Ein Rechtsstaat, dem seine Bürger vertrauen und für den Sie bereit sind Opfer zu bringen, sieht anders aus. Und ebenso, wie es ohne eine Differenzierung von Freund und Feind nicht funktioniert, so funktioniert eine bürgerliche Gesellschaft nicht ohne die Bereitschaft seiner Bürger zu Opfern. Dafür muss der Bürger freilich wissen, wofür man diese Opfer bringen soll. Für den Spiegel, die Spiegel-Jugend („Bento“, von manchem auch „SJ“ genannt) und seine Freunde um den Staatsrundfunk und das Berliner Wahrheitsministerium krabbelt sicher niemand mehr in den Schützengraben. Warum auch?

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