Das lächerliche KGV der Nasdaq

1. August 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Technologie ist eine feine Sache. Auch viele Technologieaktien können langfristig viel Freude bereiten. Einfach nur einen Tech-Index zu kaufen, wird aber erneut zu Schmerzen führen, die man schon zur Jahrtausendwende erfahren hat. Daran ändert auch die lächerliche Art und Weise der Ermittlung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses der Nasdaq nichts….

Die Nasdaq ist bekannt geworden als die Tech-Börse. Im Grunde ist die Nasdaq nicht als Börse enstanden sondern als automatisiertes Quotierungssystem für nicht an den anderen Börsen gelistete Aktien. Daher der Name, NASDAQ bedeutet National Association of Securities Dealers Automated Quotation. Unabhängig von der Entstehung verbinden die meisten die NASDAQ mit Namen wie Netflix, Apple, Amgen, Facebook und Co. Früher waren es Juniper Networks, Cisco oder Akamai.

Die Zeiten ändern sich, die Namen ändern sich, aber manche Dinge ändern sich offenbar nie. Eine davon ist das Schönrechnen. Eine der beliebtesten Kennzahlen der Aktienanleger ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV. Es bezeichnet das Verhältnis des aktuellen Kurses einer Aktie zum Gewinn pro Aktie. Verdient Siemens 10 Euro pro Aktie und der Aktienkurs liegt bei 100 Euro, dann kommt dabei ein KGV von 10 heraus. Das klingt simpel, und die Arithmetik und der dahinterliegende Gedankengang sind natürlich kindergartentauglich. Komplizierter wird es bei der Auswahl sinnvoller Kennzahlen. Welchen Gewinn soll man heranziehen? Den des letzten Jahres, den mittleren der letzten xyz Jahre? Nimmt man das EBIT oder das Net Income? Hier kann sich der Datenfreund austoben, auf eine finale und optimale Lösung konnte sich der Sektor nicht einigen. Das liegt vor allem daran, dass man sich nicht festlegen möchte.

Da der Sektor ja nicht aus Beratern besteht sondern nicht vollständig aber zu weiten Teilen aus Verkäufern, die Berater genannt werden, braucht man immer ein Argument, warum man natürlich immer kaufen kann. Daher nimmt man gerne das KGV, das gerade am besten ausschaut. Die Gewinne im letzten Jahren waren sehr hoch und die erwarteten Gewinne liegen 10% tiefer? Dann nehmen wir doch den aktuellen Kurs und teilen ihn durch den Gewinn der letzten 12 Monate. Oh, der aktuelle Gewinn ist niedrig aber die Erwartungen sind hoch? Na, dann nehmen wir den aktuellen Kurs und teilen ihn durch den erwarteten Gewinn.

Dieser Irrsinn ist bekannt und das Vorgehen beliebt. Sehen Sie in einer Werbebroschüre ein KGV sollten Sie einen Sicherheitsaufschlag zu diesem Wert addieren. Fragen Sie Ihren Berater auch wie die KGVs bei Nutzung des zurückliegenden und des erwarteten Gewinnes unterscheiden. Weiß er das nicht, ist er nicht mal ein guter Verkäufer und schon gar kein Berater.

Wer denkt damit wäre zum KGV schon alles gesagt und sich fragt, was das alles mit der Nasdaq zu tun hat, den möchten wir jetzt auf eine beliebte Berechnungsmethodik von Index-KGVs, etwa der Nasdaq Indizes, hinweisen. Bei der Ermittlung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses für den Nasdaq-100 wird gerne das so genannte „harmonische Mittel“ genutzt. Das klingt harmlos und friedlich ist aber absurd und verzerrt die Bewertungskennzahl deutlich.

Zunächst werden die Firmen aus der Berechnung entfernt, die Verluste einfahren. Diese Titel fallen einfach weg. Danach entsorgt man auf elegante Art und Weise die Aktien mit einem sehr hohen KGV. Von diesen Kandidaten gibt es in einem Tech-Index natürlich eine ganze Menge.

Die folgenden Tabellen zeigt diese Methodik anhand einiger Einzeltitel. Nehmen wir beispielhaft einen Index, der die Aktien A, B, C und D enthält. Jede Aktie habe das gleiche Gewicht. Die einfachste Möglichkeit ist die Berechnung des arithmetischen Mittels.

Das KGV liegt bei 90.

Wem das zu einfach ist, der berechnet den Mittelwert der Kehrwerte der KGVs.

Im nächsten Schritt ermittelt man den Kehrwert des Mittels der Kehrwerte der einzelnen KGVs.

Das Ergebnis ist das neue KGV von 21,5. Heraus kommt also ein Kurs-Gewinn-Verhältnis für einen Index, der eine Firma enthält, die ein KGV von 300 aufweiset, die aber für die Berechnung der Kennzahl ignoriert werden. Ohne Straftäter zeigt die Kriminalitätsstatistik eben eindeutig ein überaus friedliches Land.

Natürlich kann ein Titel mit einem extremen KGV einen Mittelwert verzerren. Interessanterweise werden am Finanzmarkt beschönigende Verzerrungen gerne hingenommen, andere jedoch sofort ausgemerzt. Sicher ein Zufall.

Eine einfache und saubere Alternative existiert übrigens. Sie ist sogar viel einfacher. Man addiert alle Gewinne, zieht alle Verluste ab und teilt nun den Marktwert des Index durch diesen aggregierten Gewinn. Simpel, einfach und korrekt. Toll oder? Leider interessiert es keinen, aber auch das ändert sich.

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16 Kommentare auf "Das lächerliche KGV der Nasdaq"

  1. MFK sagt:

    Harmonisches Mittel? Haha, man lernt nicht aus. Danke für die Aufklärung. Man könnte natürlich auch das KGV der einzelne Aktie in Relation zu ihrer Gewichtung im Index heranziehen.

  2. markus45 sagt:

    Hmmm… um Ausreißer zu vermeiden, wird oft einfach der Median genommen (d.h. 50% der Unternehmen haben einen höheren und 50% der Unternehmen ein niedrigeres KGV). Im obigen Fall wäre das dann (weil gerade Anzahl von Firmen, ansonsten wäre es eindeutig) etwas zwischen 20 und 30, in der Regel wird dann 25 genommen. So weit weg vom harmonisches Mittel ist das dann in diesem Fall allerdings nicht.

    Was man z.B. auch nehmen könnte, wäre das geometrische Mittel, hier käme dann 36.6 heraus…

  3. markus45 sagt:

    Korrektur: das geometrische Mittel ist doch nicht so geeignet, weil nicht definiert für negative Zahlen….

  4. Insasse sagt:

    „Simpel, einfach und korrekt. Toll oder?“

    Grundsätzlich schon… Allerdings nicht für Geschäftsmodelle, die auf das Motto „Warum einfach, wenns auch kompliziert geht?“ aufbauen, also insbesondere Politik und Finanzindustrie. Man hört ja diesbezüglich immer wieder die Begriffe Wahlbetrug und Anlagebetrug. Und Betrüger mögens aus der Natur der Sache heraus nicht „simpel, einfach und korrekt“. Sonst würden nämlich selbst die simple Gestrickten noch mitbekommen, dass vieles einfach nicht korrekt läuft. 😉

    Schönen Abend noch aus der Anstalt vom Insassen

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Insasse,

      einige Indexanbieter spielen ungenannten Quellen zufolge mit dem Gedanken sämtliche Veröffentlichungen bald nur noch in Latein zur Verfügung zu stellen.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Insasse sagt:

        Hallo Bankhaus Rott,

        da werden die simple Gestrickten entweder vor Ehrfurcht erstarren, oder aber aussteigen, weil ihnen die Sache – nunmehr offensichtlich – zu hoch ist. Hochglanzbroschüren, die an der Börse immer dann besonders gerne aus dem Hut gezaubert werden, wenn es nur um heiße Luft geht, könnten das Vorhaben aber wieder einmal in die gewünschte Richtung befördern. 🙂

        Schöne Grüße vom Insassen

  5. Aristide sagt:

    Welches KGV sinnvoll ist, kann man sich leicht vor Augen führen.

    1) Wenn man alle Titel des Index (im Bsp. die vier Aktien A, B, C, D) zu gleichen Teilen kauft (z.B. jeweils für 100 Währungseinheiten), steht einem der Gewinn entsprechend der Zahl der Aktien zu. Hier wären das 10+5+3,3+0,3 = 18,6 (gerundet). Bei einem Investment von 400 wäre das KGV = 21,5.

    2) Das arithmetische Mittel der KGVs macht dagegen überhaupt keinen Sinn, wie man leicht anhand des folgenden Beispiels ermitteln kann.
    KGV A= 10, B=20, C=30, D=100000
    Das arithmetische Mittel daraus wäre 25015.
    Dagegen ergibt 10+5+3,3+0,001 = 18,3 (gerundet) ein KGV von 400/18,3=21,85

    Der Median wäre in beiden Fällen 25 und ziemlich ungenau.

    In beiden Beispielen wird die Fa. mit dem KGV von 300 übrigens keineswegs ignoriert. Sie wird nur im ersten Fall korrekt in die Berechnung einbezogen, im Fall 2 nicht.

    Aktien mit Verlust rauszunehmen ist natürlich – wie man an den obigen Beispielen leicht selber nachrechnen kann – ebenfalls völliger Unsinn.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Aristide,

      Es besteht kein Anlass überhaupt einen Mittelwert der KGV zu wählen, denn das echte KGV des Index ist ja mit Grundschulkenntnissen zu bewerkstelligen und alle Daten sind frei verfügbar. Die Summe aller Gewinne und Verluste wird durch die Summe der Marktkapitalisierungen geteilt. Damit ist die einzige relevante Aussage eines KGV zu ermitteln. Wie viele Dollar bezahle ich für einen Dollar Gewinn.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Aristide sagt:

        Völlig richtig. Und mathematisch ist das exakt die Formel für das gewichtete harmonische Mittel. 😉

        • Bankhaus Rott sagt:

          Hallo Aristide,

          Zwei im Index gleich gewichtete Firmen A und B mit Gewinnen 2 und 5 sowie Kursen 10 und 200. KGV A =5, KGV B = 40.
          Arithmetisches Mittel der KGV = (40+5)/2 = 22,5
          Harmonisches Mittel (Kehrwert des arithmetischen Mittels der Kehrwerte der KGV = 1/((0,2+0,025)/2) = 8,9
          Summe der Marktwerte/Summe der Gewinne = 210/7 = 30.

          Beste Grüße und Ihnen einen schönen Abend
          Bankhaus Rott

          • Aristide sagt:

            Ah, ich sehe, wo das Missverständnis liegt.
            Es geht um das gewichtete harmonische Mittel. In Ihrer Formel fehlt aber das Gewicht (Nein, es ist nicht für alle Aktien 1 😉 ).
            Die Formel lautet (wird jetzt etwas unübersichtlich, aber ich hoffe es ist lesbar).

            ____ KursA + KursB
            KGV(harm) = ————————
            KursA + KursB
            ——— ———
            KGVA KGVB

            Mit den obigen Werten ergibt das 30.
            Das ist die Formel für das gewichtete harmonische Mittel und identisch mit

            GewinnA + GewinnB
            —————————–
            KursA + KursB

            und ergibt auch 30.

            Wenn man den Kurs jeweils mit der Anzahl Aktien multipliziert, um die Marktkapitalisierung nehmen, ändert sich die Formel nicht, nur die Gewichte.

          • Aristide sagt:

            Mist, es wird unübersichtlich, weil die führenden Leerzeichen zum Einrücken ausgefiltert werden. Neuer Versuch (die Punkte bitte wegdenken):

            ____ ……………..KursA + KursB
            KGV(harm) = ————————
            …………………….KursA + KursB
            …………………….——— ———
            ……………………..KGVA KGVB

          • Aristide sagt:

            Sorry, das Pluszeichen im Nenner ist verrutscht
            Jetzt aber 😉

            ____ ,,,,,,,,,,,,,,,,, KursA + KursB
            KGV(harm) = ————————
            …………………… KursA KursB
            ………………….. ——— + ———
            …………………… KGVA KGVB

          • Bankhaus Rott sagt:

            Hallo Aristide,

            in diesem Fall betrachten Sie allerdings den Sonderfall in dem der Kurs der Aktie dem Gewicht der Aktie im Index entspricht!

            Beste Grüße und schon mal ein schönes Wochenende
            Bankhaus Rott

  6. Aristide sagt:

    Nein, ich betrachte den Fall, in dem alle Aktien im Index gleich gewichtet sind.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Aristide

      danke für Ihren Hinweis!

      Hier das Ganze noch aus unserer Sicht mit Formeln, siehe Wikipedia:

      Formeln

      Und hier das Ganze mal mit den entsprechenden Werten.

      Werte

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

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