Das Jahr des Umbruchs

23. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Zusammenfassung

Die US-Präsidentschaft unter Donald J. Trump wird vermutlich weitreichende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und -politik haben.

Das schafft Risiken, aber auch große Chancen, die letztlich weltweit zu mehr Wachstum und Beschäftigung führen können.

Der Bestand des Euroraums wird stärker denn je abhängen von der EZB-Geldpolitik, die die Schulden der Staaten monetisiert.

Die Zinsen dürften relativ niedrig bleiben – weil die großen Zentralbanken der Welt nicht wirklich aus ihrer expansiven Geldpolitik aussteigen.

Die Inflation dürfte nun etwas anziehen – und im Euroraum den Sparern bei weiterhin niedrigen Zinsen Verluste bescheren.

Anleger sollten langfristig orientiert disponieren: Gold halten, in gute Aktien investieren und Euro-Schuldpapiere meiden.

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Dass die Zukunft unsicher ist, ist bekannt. Und auch, dass Unsicherheit verschiedene Ausprägungen haben kann. Da gibt es zum einen die „bekannten Unbekannten“, und zum anderen gibt es die „unbekannten Unbekannten“. Über letztere lässt sich leider herzlich wenig sagen – weil sie nun einmal unbekannt sind. Mit ersteren hingegen kann und sollte sich der Investor – insbesondere auch der Edelmetallanleger – auseinandersetzen…

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Zu den „bekannten Unbekannten“ zählen vor allem die erst in ihren Umrissen erkennbaren Konsequenzen, die die neue US-Präsidentschaft unter Donald J. Trump bringen wird – nicht nur für die USA, sondern für die Welt insgesamt. Mit ihm endet der Internationalismus, die politisch-ideologisch vorangetriebene Schaffung einer neuen Weltordnung, wie sie von den vorangegangenen Präsidenten verfolgt wurde. Auch die Handelsbeziehungen kommen womöglich auf den Prüfstand. Das könnte für China, aber auch für andere Volkswirtschaften einschließlich Deutschland, weitreichende Folgen haben.

In diesem Jahr werden die politischen Weichen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden neu gestellt. Die Idee einer immer engeren zusammenschmelzenden Union, in der die Nationalstaaten letztlich aufgehen sollen im großen Ganzen, ist ausgeträumt. Es wird etwas Neues geben (müssen). Damit wird die Geschäftsgrundlage des Euro ernstlich infrage gestellt: Wofür braucht man noch eine politische Einheitswährung, wenn es keine politische Einheitswirtschaft gibt?

Beunruhigen muss bei all dem, dass die weltweite Konjunktur seit geraumer Zeit durch eine Geldpolitik der extrem niedrigen Zinsen angetrieben wird, die zudem mit der elektronischen Notenpresse dafür sorgt, dass überdehnte Staats- und Bankenschuldner zahlungsfähig gehalten werden. Diese Überlegungen führen mit einer gewissen Notwendigkeit zur Frage: Was ist von den Edelmetallen, insbesondere vom Gold, in 2017 zu erwarten?

Gold: eine Frage der Bewertung

Die Frage nach der Bewertung des Goldes ist ein schwieriges Unterfangen. Der eine Grund ist, dass Gold – anders als Anleihen oder Aktien – keinen laufenden Einkommensstrom hat, der es erlaubt zu beurteilen, ob das Gold gerade teuer oder billig ist. Dieses „Bewertungsproblem“ ist übrigens allen Rohstoffen gemein. Hinzu kommt, dass der Goldpreis von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängt: weltweite Einkommensentwicklung, Zinsen, Krisenszenarien und vieles mehr. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist, dass sich die Bedeutung all dieser Erklärungsfaktoren im Zeitablauf ändert. Das heißt, in der einen Phase ist zum Beispiel der Zins bedeutsam, in einer anderen Phase ist er es nicht.

Will man sich also ein Bild machen von der künftigen Entwicklung des Goldpreises, so muss man sich, in einem ersten Schritt, mit den künftigen Entwicklungen derjenigen Faktoren beschäftigen, die ihn annahmegemäß beeinflussen. Diese Überlegungen können dann, in einem zweiten Schritt, dazu verwendet werden, um einen „gleichgewichtigen“ Goldpreis zu ermitteln, also denjenigen Goldpreis, der sich einstellen müsste, wenn die langfristig preisbestimmenden Faktoren ihre Wirkung voll entfalten. Beides soll im Folgenden geschehen: Zunächst werden (1) die Faktoren, die aus unserer Sicht preisbestimmend sind, aufgezeigt, daran anschließend wird (2) eine Einschätzung für den „gleichgewichtigen“ Goldpreis abgeleitet.

Globale Konjunktur: auf Expansionskurs

Die großen Volkswirtschaften der Welt – Amerika, China, der Euroraum und Großbritannien – verzeichnen seit geraumer Zeit positive Wachstumsraten. Die Konjunkturindikatoren deuten eine fortgesetzte Expansion an – wenngleich auch die Zuwachsraten nicht allzu groß sind. Dabei ist allerdings in Rechnung zu stellen, dass die Aufschwungsentwicklung durch die besonders expansiven Geldpolitiken angefeuert wird. Dieser Aspekt wird nachstehend noch näher beleuchtet.

Die wichtige Frage ist, was Amerika von nun an machen wird. Die anstehenden außen- und wirtschaftspolitischen Veränderungen bergen zwar erhebliche Risiken (es gibt vermutlich eine ganze Reihe von „bekannten Unbekannten“ an dieser Stelle), sie bringen jedoch auch erhebliche Chancen für Wachstum und Beschäftigung weltweit (siehe hierzu die nachstehende Box)

Nineteen Eighty-four

Der Trump-Effekt

Unter der US-Präsidentschaft von Donald J. Trump stehen in der amerikanischen Außenpolitik große Veränderungen ins Haus. Trump ist kein „Internationalist“. Er verfolgt keine Agenda, um eine neue Weltordnung zu schaffen, wie seine Vorgänger Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama bemüht waren – und wie sie Hillary Clinton, wäre sie gewählt worden, angestrebt hätte. Die Chance besteht nun vielmehr, dass unter Trump Amerikas Außenpolitik auf einen weniger interventionistisch-aggressiven Weg einschwenkt.

Wirtschaftspolitisch will Trump für mehr Wachstum, neue Arbeitsplätze und höhere Einkommen sorgen. Diese Ziele sollen im Wesentlichen durch zwei Maßnahmen erreicht werden. Erstens: Es gibt Pläne, den US-Außenhandel dahingehend zu verändern, dass die Importe abnehmen und die Exporte steigen. Beispielsweise könnten Importe in die USA nicht mehr wie bisher steuerlich abzugsfähig sein. Das würde inländische Produzenten begünstigen gegenüber ausländischen Produzenten. Letztere erhalten so einen Anreiz, ihre Produktion nach Amerika zu verlagern. Zudem könnten amerikanische Exporte steuerbefreit werden, so dass US-Produkte auf dem Weltmarkt billiger angeboten werden können.

Was wären die Konsequenzen? Das US-Handelsbilanzdefizit würde schrumpfen. Das wiederum verringert das Angebot von US-Schuldpapieren, um den US-Importüberschuss zu finanzieren. Gleichzeitig stiege die US-Dollar-Nachfrage zur Finanzierung von Produktionsstandorten der Ausländer in den USA. Daraus sollte ein Aufwärtsdruck für den US-Dollar-Außenwert erwachsen. Gleichzeitig entstünde in den Exportländern wie beispielsweise China und Deutschland Anpassungsdruck: Produkti-onskosten – einschließlich der Löhne –müssten gesenkt werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Durch die Verlagerung der Produktion würden Arbeitsplätze in den bisherigen Produktionsstandorten verloren gehen.

Die Gefahr bei diesen Maßnahmen ist, dass es zu „Vergeltungsmaßnahmen“ der Länder kommt, die sich von derartigen handelspolitischen Maßnahmen der USA drangsaliert sehen. Sie könnten Importzölle erheben. Eine Protektionismusspirale käme in Gang, und das würde wiederum den internationalen Handel stören – und alle Beteiligten würden sich selbst schädigen, weil die weltweite Produktion unter ihrem Potenzial bliebe, und weil sich die Güterproduktion verteuern würde. Es gilt: Wenn der Freihandel behindert wird, ist das letztlich unvorteilhaft für alle Beteiligten.

Die Steuersenkungen, die die Trump-Administration für Unternehmen und Private vorsieht – insgesamt 9,5 Billionen US-Dollar in den kommenden 10 Jahren -, versprechen allerdings positive Effekte. (An dieser Stelle sei an den amerikanischen Ökonomen Milton Friedman (1912 – 2006) erinnert, der sagte, dass Steuersenkungen immer und überall gut seien.) Geringere Steuern werden die Wirtschaftsaktivität befördern. Unternehmerische Tätigkeit wird stärker belohnt, und das käme nicht nur den heimischen Produzenten und ihren Beschäftigten zugute. Sie könnten auch zusätzlich Investitionen ins Land locken und damit den positiven Wachstumseffekt verstärken. Wie aber werden die Effekte auf den amerikanischen Haushalt sein?

Die in Aussicht gestellte Senkung der Unternehmenssteuern dürfte das Fiskaldefizit in Prozent des Bruttoinlandsproduktes um etwa knapp 3 Prozentpunkte in 2017 und nachfolgend um etwa 4 Prozentpunkte steigen lassen, wie der Tax Policy Center berechnet hat. Dagegen ist jedoch zu stellen, dass eine verstärkte Wirtschaftsentwicklung zu mehr Steuereinnahmen führt (hinter dieser Überlegung verbirgt sich der sogenannte „Laffer-Kurven-Effekt“, wie er unter Ökonomen bezeichnet wird). Vorsichtig geschätzt könnten die Steuersenkungen zwar kurzfristig das amerikanische Haushaltsdefizit erhöhen. Langfristig gesehen besteht jedoch eine gute Chance, dass die verminderte Steuerlast letztlich positiv auf die Staatsfinanzen wirkt, vor allem dann, wenn Präsident Trump sich tatsächlich daranmachen sollte, die Ausgaben des amerikanischen Staatsapparates zurückzuführen.

Euroraum: die Probleme verschärfen sich

Die Zentrifugalkräfte, die sich in den letzten Jahren in der Europäischen Union (EU) aufgebaut haben, haben sich jüngst verstärkt – vor allem durch die Migrationskrise, die letztlich wohl auch für den Ausstieg der Briten aus der Eu-ropäischen Union (EU) verantwortlich ist. Die Hoffnung vieler Länder, die staatliche Sicherheit könne von der Union besser hergestellt werden als in Eigenregie, hat sich nicht bewahrheitet. Die Eurokrise hat zudem in vielen Teilnehmer-ländern die Hoffnungen verpuffen lassen, der gemeinsame Währungs- und Wirtschaftsraum werde Wachstum und Beschäftigung befördern. In diesem Jahr wird es wichtige Wahlen geben: in Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden. Angesichts der politischen Unzufriedenheit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass das europäische Integrationsprojekt zu einem Disintegrationsprojekt wird. (SEITE 2)

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