Das inflationsfreudige Zentralbankkartell

19. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Kooperation der Zentralbanken wird enger – und damit wächst auch der Drang, eine noch stärkere Inflationspolitik zu betreiben. Nach langem Zögern, nach vielen Worten und mancherlei Andeutungen sieht es nun ganz so aus, als ob die US-Zentralbank die Zinszügel im Dezember nun doch anziehen wird…

… und den amerikanischen Leitzins, der derzeit bei 0,25 bis 0,5 Prozent liegt, auf 0,75 Prozent anhebt. Ein solcher Schritt ist zwar überfällig, denn der US-Zins ist seit langem viel zu niedrig. Doch Zinserhöhungen sind mittlerweile eine riskante Angelegenheit geworden.

Das Absenken der Zinsen löst bekanntlich eine Wirtschaftsexpansion aus, die allerdings auf einem trügerischen Anreiz beruht. Investitionen werden in Angriff genommen, für deren Verwirklichung die Ersparnisse nicht ausreichen. Die Volkswirtschaft beginnt, auf Pump und damit über ihre Verhältnisse zu leben. Die märchenhafte Reichtumsillusion verpufft, sobald die Zinsen wieder ansteigen, und aus dem Boom droht ein Abschwung („Bust“) zu werden.

Das anstehende Zinsmanöver der Fed ist daher ein Balanceakt: Lässt sie die Zinsen nur ganz wenig steigen, wird das die US-Konjunktur vermutlich nicht aus dem Gleis werfen. Steigen sie hingegen zu stark, kippt der Boom in einen Bust um. Doch wann ist der Zins „zu hoch“? Niemand weiß es. Auch die Fed nicht. Sie wird vielmehr herumprobieren, wird wieder einmal ein volkswirtschaftliches Meerschweinchenexperiment durchführen.

Nun hat die Fed zu allem Überfluss auch noch die Leitfunktion im internationalen Zentralbankkartell inne. Ihre Zinspolitik bestimmt in entscheidendem Maße die Liquiditäts- und Kreditkostensituation in den weltweiten Finanzmärkten. Doch die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank von Japan und die Bank von China werden dem Zinsmanöver der Fed auf absehbare Zeit wohl nicht folgen können; die wirtschaftliche Lage in diesen Regionen gibt das nicht her.

Steigende US-Zinsen würden jedoch vor allem eines bewirken: weltweit anziehende Zinsen. Wollen die übrigen Zentralbanken ihre heimischen Zinsen niedrig halten, werden sie sich gegen den Zinsauftrieb stemmen müssen: beispielsweise indem sie verstärkt Schuldpapiere erwerben und die Käufe mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Steigende US-Zinsen drängen die übrigen Zentralbanken also gewissermaßen zu einer verstärkten Monetisierung ausstehender Schulden.

Doch die Finanzmärkte scheinen nach wie vor recht zuversichtlich zu sein, dass die Fed die Zinsschraube nicht überdrehen und ihre Zentralbank-Kartellfreunde nicht in die Bredouille bringen wird. Das ist eine ökonomisch durchaus berechtigte Erwartung. Denn die Kooperation der Zentralbanken unter der Führung der Fed ist ja in den letzten Jahren bereits immer enger geworden, und sie ist alles andere als zufällig.

Der US-Dollar ist der Dreh- und Angelpunkt für das Funktionieren des internationalen ungedeckten Papiergeldsystems. Die Fed hat sich daher längst bereit erklärt, allen übrigen Zentralbanken bei Bedarf US-Dollarguthaben in unbegrenztem Umfang zur Verfügung zu stellen (und zwar im Zuge sogenannter „Liquidität-Swap-Abkommen“). Das Zentralbankkartell hat erkannt, dass es wenig Sinn macht, in einen „harten Wettbewerb“ miteinander einzutreten, sondern dass es besser ist, sich miteinander abzustimmen.

Und weil mittlerweile die Probleme überall die gleichen sind – nämlich zu hohe Schulden von Staaten, Banken und Privaten -, ist natürlich auch der Anreiz innerhalb des Zentralbankkartells groß, mit vereinten Kräften zu agieren – etwa indem die Zinsen auf oder unter die Nulllinie gezwungen und die Geldmengen vermehrt werden, um offene Rechnungen zu bezahlen und damit Zahlungsausfälle auf breiter Front abzuwehren.

Dass die Fed derzeit mit Zinserhöhungen liebäugelt, sollte nicht über die eigentliche Entwicklungstendenz hinwegtäuschen: Das weltweite Zentralbankkartell taumelt einer offenen Inflationspolitik entgegen. Für die, die sehen wollen, sind die Anfänge auch schon deutlich auszumachen: und zwar in Form von steigenden Preisen für Grundstücke, Häuser und insbesondere Unternehmensanteilen.

Keine Zentralbank – nicht einmal die Fed – wird diese Entwicklungstendenz aufhalten. Das Zentralbankkartell setzt lediglich alles daran, den Betrug mit der Inflation zu dosieren, damit die Nachfrage nach ihren ungedeckten Papierwährungen nicht unverhofft schwindet. Denn das würde das ungedeckte Papiergeldsystem in der Tat in die Bredouille bringen. Wenn die Geldnachfrage zurückgeht, beginnen die Marktakteure, ihr Geld gegen andere Güter (wie zum Beispiel Aktien und Häuser) einzutauschen.

Die Folge sind steigende Güterpreise. Das wiederum entmutigt die Geldnachfrage zusätzlich: Denn steigende Preise bedeuten, dass die Kaufkraft des Geldes fällt; und fällt die Kaufkraft des Geldes, ist es weniger attraktiv, Geld zu halten beziehungsweise nachzufragen. Daraus kann – im Extremfall – eine Abwärtsspirale erwachsen, die zu einer Flucht aus dem Geld ausartet und die Kaufkraft des Geldes ruiniert. Mit anderen Worten: Steigende Preise, ja schon steigende Inflationserwartungen sind gewissermaßen die Achillesferse des ungedeckten Papiergeldsystems.

Doch bislang gelingt es den Zentralbanken, die Inflationserwartungen niedrig zu halten. Und solange das der Fall ist, können sie ihre Geldmengen-Inflationierung fortsetzen und sogar auch einen großen Crash abwehren. Angesichts der Stabilität des internationalen Zentralbankkartells muss bis auf weiteres wohl eher mit einem Schrecken ohne Ende als mit einem Ende mit Schrecken rechnen. Für Anleger besteht die Möglichkeit, den Folgen die Stirn zu bieten: langfristig orientiert handeln und Gold halten, in Aktien investieren und Euro-Schuldpapiere meiden.

Einige Anmerkungen zum Kartell der Zentralbanken

Geschäftsbanken schaffen per Kreditvergabe neues Geld („aus dem Nichts“). Damit das aber möglich ist, bedarf es einer besonderen Einrichtung: und zwar in Form eines Kartells zwischen den Banken. Würde beispielsweise Bank A immer mehr neues Geld (in Form von Banknoten oder Giroguthaben) ausgeben im Vergleich zu Bank B, würden die Kunden bald verstärkt das von Bank A ausgegebene Geld in das von Bank B Geld eintauschen wollen.

Ein sinkender Tauschwert der Banknoten, die Bank A ausgibt, wäre die Folge. Wenn daraufhin das Geld, das Bank A ausgibt, weniger nachgefragt wird, schmälert das auch die Gewinne, die Bank A im Kreditgeschäft erzielen kann. Gleichsam kann Bank B den Tauschwert des von ihr ausgegebenen Geldes gegenüber anderem Geld nur hochhalten, wenn sie das von ihr ausgegebene Geld relativ knapp hält – also auf Gewinne verzichtet.

Zudem muss Bank A damit rechnen, dass es immer mehr liquide Mittel verliert, wenn es die Menge des von ihr ausgegebenen Geldes stark vermehrt: Die Bankkunden überweisen das Geld, das sie auf Konten von Bank A haben, auf die Konten bei anderen Banken. Früher oder später wird für Bank A die Liquidität knapp, und bei einem Vertrauensverlust („Bank Run“) kann sie zahlungsunfähig werden. Die Banken werden daher bald ein System errichten wollen, in dem sie ihre Geldschöpfungsgewinne ausweiten beziehungsweise maximieren können.

Was sie dazu brauchen, ist eine Verabredung, ein Kartell. Es erlaubt ihnen, quasi im Gleichschritt die Geldproduktion durch Kreditvergabe zu betreiben, ohne fürchten zu müssen, dass das von ihnen ausgegebene Geld gegenüber ande-rem Geld an Wert verliert oder dass ihnen die liquiden Mittel ausgehen.

Mit anderen Worten: Die Banken wollen eine Zentralbank. Die Zentralbank erhält folgende Aufgaben: (1) Sie dient als übergeordnete Stelle, die den Banken bei Liquiditätsproblemen aus der Patsche hilft – sie ist der „Lender of Last Resort“. (2) Die Zentralbank, ausgestattet mit hoheitlichen Kompetenzen, (schein-)legitimiert die Geschäftspraktiken der Banken. Und (3) die Zentralbank stellt auf diese Weise sicher, dass die Banken möglichst ungehindert neues Geld durch Kreditvergabe ausgeben können. Das Inflationieren im Verbund, ein Inflationskartell der Banken wird so möglich.

Was auf nationaler Ebene geschehen ist – nämlich dass die Geschäftsbanken über eine Zentralbank verfügen -, spielt sich natürlich auch auf internationaler Ebene ab. Weil sich ihre Geschäfte internationalisiert haben, brauchen die Banken nicht nur eine Zentralbank, die ihnen die heimische Währung in unbegrenzter Höhe zur Verfügung stellt, sondern sie brauchen auch die Hilfe anderer Zentralbanken, um im Bedarfsfall an ausländische Währung zu gelangen. Es kommt folglich zu einer verstärkten Kooperation zwischen den Zentralbanken aus verschiedenen Währungsräumen.

Sie sorgen dafür, dass das, was auf nationaler Ebene längst möglich ist – nämlich das Inflationieren der Banken im Gleichschritt – auch international möglich wird. Mit anderen Worten: Die nationalen Zentralbanken formen ein Kartell. Allerdings ist so ein Kartell, wenn es freiwillig ist, nicht stabil. Es gibt nämlich einen Anreiz für Einzelne, aus dem Kartell auszusteigen und „Trittbrettfahrer“ zu spielen. Schert einer aus, so ist das meist der Anfang vom Ende des Kartells.

Wie gehen die Zentralbanken vor, um ihr Kartell stabil zu halten? An der längst erfolgten Dollarisierung des Weltfinanzsystems lässt sich die Antwort ablesen: Die US-amerikanische Zentralbank (Fed) hat die Führungsrolle im Kartell. Sie produziert den US-Dollar, und an ihre Zins- und Liquiditätsvorgaben haben sich alle anderen Zentralbanken anzupassen.

Gleichzeitig stellt die Fed den anderen Zentralbanken, falls das erforderlich ist, bereitwillig US-Dollar in unbegrenzter Höhe bereit. Auf diese Weise kann zum einen das Inflationieren der Banken international fortgeführt werden. Zum anderen wächst die Abhängigkeit vom US-Dollar – denn angesichts des „Sicherheitsnetzes“, dass die Fed für die Banken aufspannt, wird die Attraktivität des Greenback aus Sicht der Banken natürlich zusätzlich vergrößert.

Je größer die Abhängigkeit der Konjunkturen und des Sparvermögens eines Landes von der Stabilität des Banken- und Finanzsektors ist, desto stärker wird auch der ökonomische Anreiz, die eigene Zentralbank der Disziplin eines internationalen Zentralbankkartells zu unterstellen. Jedes Land gibt auf diese Weise quasi durch die Hintertür seine eigene Währungssouveränität auf – und unterwirft sich dem internationalen Zentralbankkartell – beziehungsweise der Politik seiner führenden Zentralbank. Und das ist derzeit die Fed.
© Thorsten Polleit – Degussa Goldhandel

 

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