Das große Bröckeln

17. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Dem Unterschied zwischen einer Diktatur, einer etwas außer Mode geratenen Regierungsform, und der heutigen Form der Demokratie verdanken weite Teile der Medien ihre Existenz. Über zahlreiche Kanäle wird die Bevölkerung einem wiederholungsreichen Dauerfeuer ausgesetzt, das dem Transfer der Meinung oder des Willens der Regierenden dient…

Solange die Gefahr einer hartnäckigen Weigerung des Plebses besteht, sich diese Staatsmeinung anzueignen, lässt man Abstimmungen zu diesen Themen lieber unter den Tisch fallen.

Nun kann man den Medien teilweise aus dem Weg gehen, was auch gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. Denn der Meinungstransfer, sprich die Verbreitung dessen, was man zu denken hat, kann bei den Empfängern Probleme bis hin zu physischen Schmerzen führen. Beispiele hierfür finden sich reichlich, Glanzlichter waren die Verleihung des Karlspreises an „den Euro“ oder die Vergabe des Friedensnobelpreises an die Europäische Union. All dies sind die kläglichen Resultate einer weichgespülten Medienwelt, die vom Virus der politischen Korrektheit infiziert und von Werbemitteln und politischen Kontakten abhängig ist.

Wie in der Fernsehwelt verleiht man sich auch auf der politischen Bühne gegenseitig munter Ehrenpreise. Die zughörigen Lobhudeleien sind teils sehr unterhaltsam und folgen oft folgendem Muster: „Der Regisseur teilt mit seinem Werk dem betroffenen Publikum mit, dass Krieg großes Elend über die Menschen bringt“. Holla, eine geradezu umwerfende Erkenntnis. Wenn keine inhaltliche Rechtfertigung greifbar ist, muss das „Lebenswerk“ als Notnagel herhalten. Das Lebenswerk von Moderatoren, Regisseuren und Darstellern ist die Unterhaltung und derart betrachtet wird die Preisverleihung an die EU nachvollziehbar. Wer, wenn nicht die Eurokratie, weckt in den Menschen vergleichbar viele Emotionen zwischen ungläubigem Staunen, irrem Lachen und hilfloser Verzweiflung. Schade nur, dass man nicht umschalten kann.

In Bezug auf das derzeitige Lieblingsprojekt der Europäischen Union, dem Euro, lassen sich auch ehemalige Abgeordnete nicht lumpen. Geradezu euphorisch fielen die Aussagen des ehemaligen Abgeordneten Theodor Waigel aus.

(25.12.2011) Welt am Sonntag: Wie lange wird es den Euro geben?

Waigel: Der Denar des Römischen Reichs hatte vier Jahrhunderte lang Geltung. So viel Zeit gebe ich dem Euro auch – dann kommt es zur Weltwährungsunion.

Na wer sagt’s denn! Sollte sich diese Einschätzung sich als treffsicherer herausstellen als der Vergleich der EZB mit der Bundesbank oder die Einhaltung der Maastricht-Kriterien, haben wir ja noch ein paar Jährchen Zeit. Das Patentrezept zum Umgang mit einer Währung haben sich die europäischen Strategen bereits abgeschaut. Die folgende Tabelle zeigt die dauerhafte Münzverschlechterung des Denars.

Diesen Trend zur Geldentwertung werden die Europäer locker überbieten. Es wäre doch gelacht, sollte dies nicht in einem deutlich geringeren Zeitraum machbar sein. An allen Schaltstellen des Systems gibt man sich schon große Mühe und vertraut bereits nach wenigen Jahren Krise ausschließlich auf großkalibrige Geschütze. Dummerweise wird man die strukturelle Krise der Eurozone nicht mit noch mehr Geld lösen. Wie heißt es im englischen so treffend: „You cannot cut a tree with a hammer!“ Aber für einen Mann mit einem Hammer sieht bekanntlich alles aus wie ein Nagel.

Mit dem Hinweis auf angeblich allmächtige Zentralbanken wird die Krise dennoch regelmäßig als „prinzipiell“ gelöst betrachtet. Wie nicht nur die letzten Jahre zeigen, hat sich jedoch so manch vermeintlich gelöstes Problem als äußerst widerstandsfähig erwiesen. An der gemeinsamen Denkweise der Zentralbankbeamten und der Politik hat dies bislang nichts geändert. Immer wieder setzt man die Ankündigung einer Maßnahme mit deren erfolgreicher Umsetzung gleich, was zu irrwitzigen Beurteilungen führt. Eines der bekanntesten Beispiele sind die zahlreichen europäischen „Sparweltmeister“, die nach dem Sparen mehr Schulden haben als vorher.

Da diese Art des Sparens beim Volke nicht punktet, schwenkt man nun um, und will den Schuldenstand mit der Aufnahme weiterer Schulden senken. Ein überaus faszinierender Ansatz, wenn man bedenkt, dass schon vor der heißen Phase der Krise pro Euro neuer Schulden weniger als ein Euro BIP Wachstum zu verzeichnen waren. Es ist so, als glaubten Zentralbank und Politik tatsächlich, mit ihrem Finanzbaukasten alle Probleme lösen zu können. Ein Blick auf die Dimension des Ganzen könnte diese Einschätzung Euphorie womöglich ändern scheint aber nicht opportun.

Unterdessen wird weiterhin jedes reale Problem auf „den Markt“ oder „die Spekulanten“ geschoben. In einer Welt, in der viele Banken dank lächerlicher Eigenkapitalregeln à la Basel stärker gehebelt sind als die meisten Hedge Funds mag man der Realität wohl aus gutem Grund nicht ins Auge sehen.

Aber was sind schon ökonomische Probleme, wenn es um den Weltfrieden geht. Etwas Besseres fiel den offensichtlich verzweifelten Eurokraten leider nicht mehr ein. Will man so die Angst vor einem Krieg der Eurozone mit den Schweden oder Dänen schüren? Lange kann der Einmarsch ja nicht mehr auf sich warten lassen, wenn die sturen Nordeuropäer weiterhin an ihren eigenen Währungen festhalten …

Im Hinblick auf die angeblich integrierende Wirkung des Euro und die wirren Gleichsetzungen von Frieden und Währung lohnt es sich, in der jüngeren Vergangenheit zu stöbern. Wie liest sich etwa ein nüchterner Bericht aus der Zeit des Zerfalls des Vielvölkerstaates Jugoslawiens? Das folgende beispielhafte Zitat aus der damaligen Zeit fand seinen Weg in das Associated Press Handbuch.

Zunehmende Konflikte und Rivalitäten unter den Republiken Jugoslawiens bringen das Land gefährlich nahe an den Zerfall, sagen sowohl die, die den Prozess befürworten, wie auch jene, die ihn fürchten.

Im ganzen Land liegen die Nerven blank. In Slowenien hat die Regierung eigene bewaffnete Truppen aufgestellt, um zu zeigen, dass ihr die Unabhängigkeit der Republik über alles geht. In Kroatien haben Banden schwer bewaffneter Serben in den Regionen, in denen sie stark sind, Straßen gesperrt. Im serbischen Teil des Kosovo sprechen die Albaner offen über einen bewaffneten Aufstand.

Der Traum der slawischen Romantiker des 19. Jahrhunderts, Jugoslawien, ist heute ein bröckelndes Mosaik von Völkern (…).

Wie steht es um die Träume der Euro-Romantiker?

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