Das Glück hat einen Namen

27. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Das Glück hat einen Namen, in Spanien heißt es „La Felicidad“, und es ist leicht zu finden, für jeden, der die Augen offen hat. So beginnt der Song zur Fußball WM 1982 in Spanien, bei der Deutschland Vize-Weltmeister wurde. Bei der spanischen Wirtschaft geht es derzeit nicht um Meistertitel. Es droht der Lizenzentzug …

Michael Schanze, der seinerzeit den Schlager intonierte, gibt am Ende des Schlagers einen wichtigen Hinweis, wo auf der iberischen Halbinsel sich der Reichtum in Wahrheit verbirgt. So fährt der Barde fort: „Es liegt im Lachen der Señoritas, in ihren Lippen wie roter Mohn und im Versprechen der schwarzen Augen, und wer es findet, wird reich belohnt.“ Beruhigend, dass damals nicht von traumhaften Möglichkeiten am Immobilienmarkt die Rede war. Leider hatte sich das in den 90ern geändert, und es entwickelte sich eine Blase von beachtlichen Ausmaßen.

Ein geradezu pathologischer kreditfinanzierter Bauwahn führte zu einem rasch wachsenden Überangebot an Häusern und einem massiven Überhang an Krediten. Eine sehr gefährliche Mischung, wie die Einheimischen aber auch ausländische Anleger feststellen durften. Tagesgeld in Island und die Ferienwohnung in Spanien – olé, ola – und auf Renditejagd. Nun sind die Gebäude und die Kredite noch da, nur Käufer sind nicht aufzutreiben. Der Rückgang der Hauspreise geht auf der iberischen Halbinsel vergleichsweise langsam vonstatten, da potenzielle Verkäufer offensichtlich noch renitent, hoffnungsvoll verblendet oder beides sind. Um lediglich 25% sind die Preise offiziellen Quellen zufolge gesunken, deutlich weniger als in den USA, obwohl der vorherige Preisanstieg in den Staaten deutlich geringer ausfiel als in Spanien. Angesichts der desolaten Gesamtlage der spanischen Wirtschaft sollte ein weiterer Einbruch um 30-40% niemanden überraschen.

Alle schönen Reden von europäischen Musterschülern, Sparweltmeistern und „moderaten Verbesserungen“ darf man getrost in den Mülleimer werfen. Sie sind Unsinn, die Fakten sprechen eine andere Sprache. Das ist nicht schön, aber vom Wegschauen wird es nicht besser. Besonders übel ist neben der wuchernden Arbeitslosigkeit die Entwicklung der faulen Kredite. Zwischen beiden Werten besteht natürlich ein Zusammenhang, denn wer seinen Job verliert, dem fällt es schwerere seine Schulden zu bedienen. Hat der kreditinduzierte Scheinwohlstand noch vor einigen Jahren für einen Kaufrausch und immer weiter anziehende Schulden der privaten Haushalte gesorgt, brechen nun immer mehr Schuldner unter den Zins- und Tilgungslasten zusammen. Von allen Krediten sind der Banco de Espana zufolge derzeit 7,91% in Verzug. Der Anteil dieser faulen Kredite hat auch relativ zum BIP Spaniens ein bemerkenswertes Ausmaß erreicht.

Deutlich zu sehen ist in der oben stehenden Grafik jegliches Ausbleiben von Erholungen. Seit dem Beginn der akuten Phase der Krise wächst der Anteil der faulen Kredite in den Bankbilanzen stetig an. Die Reserven für Kreditausfälle können nicht ansatzweise mit den Risiken mithalten und wurden bei einigen Instituten in den letzten Quartalen sogar reduziert. Mittlerweile beläuft sich das Volumen auf mehr als €140 Mrd. Zur Einordnung: Das gesamte Eigenkapital der spanischen Banken Santander, BBVA, Caixabank, Banco de Sabadell und Bankinter lag zum letzten Berichtszeitraum bei rund €160 Mrd. Bei einem Immobilienkredit ist für die Bank zumindest noch ein Haus als Sicherheit drin, normale Konsumkredite sind jedoch unbesichert, von einer überbordenden recovery sollte man bei vielen Krediten daher nicht ausgehen. Der spanische Bankensektor bewegt sich auf sehr dünnem Eis.

Die genannte Summe beinhaltet nur die derzeit faulen Kredite. Dazu gesellen sich die Immobilien, die durch die Insolvenz von Kreditnehmern in den Besitz der Banken kamen. In Summe sind dies schon jetzt €176 Mrd., wenn das Wortspiel erlaubt ist, das ist eine Hausnummer. Die veränderte Regulierung zwingt Banken sinnvollerweise für diese Assets mehr Eigenkapital vorzuhalten, da Verkäufe nur mit massiven Preisabschlägen machbar sind. Bis zu 80% des Buchwertes sollen die Insitute vorhalten und befinden sich nun in der Klemme, neues Eigenkapital aufzunehmen um es als Reserven für kommende Abschreibungen vorzuhalten oder aber um die Buchwerte der Häuser gleich herunterzuschreiben. Keine sonderlich attraktive Gelegenheit, neue Aktien der Banken zu kaufen.

Angesichts dieser Risiken ist die nach einem kurzen LTRO Schub wieder aufflammende Instabilität der spanischen Staats- und Bankenanleihen nicht überraschend. Das liegt vor allem daran, dass die Banken Europas zwar auch Schwierigkeiten mit der Liquidität haben, in erster Linie jedoch vor einem Solvenzproblem stehen. Die Kombination aus finanziell angeschlagenen Staaten und kranken Banken führt zur deutlich sichtbaren Konvergenz der Risiken des öffentlichen und des Bankensektor. Eine logische Entwicklung.

Das gern gehörte Argument, von der Gesamtverschuldungsquote her sei Spanien gar nicht so übel, mag wie so vieles zunächst hübsch klingen. Diese Aussage wird jedoch der umfassenden Gefährdung des spanischen Systems nicht gerecht, die sich aus zahlreichen Komponenten zusammensetzt. Es genügt nicht, sich auf eine Zahl zu konzentrieren und den Bankensektor, die öffentlichen Cash-Flow-Entwicklungen und Faktoren wie die Kredite der spanischen Regionen auszublenden.

Allein letztere belaufen sich schon jetzt auf mehr als €130 Mrd. Zusammen mit den Schulden des Staates ergibt sich so eine Gesamtquote von mehr als 70% des BIP, die sich einer steigenden Tendenz erfreut. Die begonnene Rezession in der Eurozone– die übrigens keine „milde Rezession“ sein wird, was auch immer das sein soll –wird für eine deutliche Steigerung dieses Quotienten sorgen. Wachsende Defizite bei schrumpfendem BIP sind leider keine schöne Mischung.

Der Vergleich der aktuellen Renditen öffentlicher Papiere mit den Werten der Vergangenheit zeigt, wie lachhaft niedrig das Renditeniveau spanischer Anleihen derzeit noch immer ist. Nimmt man zur Kenntnis, dass die Renditen dennoch nicht weiter steigen dürfen, dann weiß man, wie aussichtslos die Lage ist. Eine Situation, mit der Spanien nicht alleine ist.

Anscheinend liegt das aktuelle Panik-Niveau der EZB für fünfjährige spanische Staatsanleihen bei rund 5%, also in etwa auf dem höchsten Niveau seit der Einführung des Währungskorsetts. Vorher sah die Welt anders aus, man darf das ruhig als Blick in die Zukunft auffassen. Blickt man auf die Renditeaufschläge spanischer Bonds relativ zu deutschen Bundesobligationen, wird klar, dass von Entspannung oder gar einem Erfolg der fahrigen europäischen Politik keine Rede sein kann. Wie sagte Yogi Berra einst so schön: „Wer nicht weiß, wo er hin will, der läuft Gefahr dort nicht anzukommen“.

Die Grafik zeigt sehr schön, was man in Strasbourg und Brüssel nicht einsehen möchte beziehungsweise nicht versteht. Das Experiment ist in seiner jetzigen Form gescheitert. Davon auszugehen, die paar Jahre konvergierender Renditen der Staatspapiere unterschiedlichster Wirtschafsträume seien der Normalfall, ist naiv. Solche Äußerungen sprechen nicht für besonders weit zurückreichende Kenntnisse der Wirtschaftsgeschichte.

Und was sagen Michael Schanze und die Fußballer von damals dazu?

Der Traum hat einen Namen,

in Spanien heißt er „viva l’amor“

und er ist leicht zu träumen,

für jeden der die Hoffnung nie verlor.

Letzteres fällt zunehmend schwer. Aus dieser ökonomischen Misere ohne Schuldenschnitt herauszukommen, ist ein Kunststück, das sich nicht bewerkstelligen lassen wird. Dennoch darf auch das hoffnungsfroh aufgenommen werden, denn ein Austritt aus dem Euro wäre langfristig die einzig funktionierende strukturelle Lösung. Wegschauen und sich den Weg freidrucken, von dem man nicht weiß, wo er eigentlich hinführen soll hingegen ist ein gefährlicher Unsinn. Jedes Jahr des Zögerns verteuert die Lösung, auch wenn aus Brüssel das Gegenteil behauptet wird. Das wirre Geschacher um den ersten Schritt der griechischen Staatspleite ist leider nur ein Vorgeschmack. „Reich durch Konkursverschleppung“ ist ein Konzept, das nicht funktioniert. Von armseligen Drohrufen, die den Euro mit einer europäischen Idee und dem Weltfrieden gleichsetzen, sollte man sich dabei nicht stören lassen. Europa ist keine Währung, Europa ist ein Kontinent.

Und jetzt alle:

“Ole, ole, ole, ola, ole España vi Felicidad.”

Drücken wir den Spaniern die Daumen.

P.S.: Bevor das GEZ Universum wieder das Wörtchen „überraschend“ in den Mund nimmt, hier der Zeitplan für die vor einigen Wochen angekündigten Ratingänderungen europäischer Banken durch Moody’s.


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