Das Geld der Deutschen und ihre Anlegerfallen

14. Januar 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Manfred Gburek

EZB-Chef Trichet brachte am vergangenen Donnerstag in seinen ansonsten durch weitschweifende Erklärungen dominierten Sätzen mit einem einzigen Wort die Märkte durcheinander, als er sagte: „Das derzeitige Zinsniveau der EZB bleibt noch angemessen.“ Noch, das war’s…

und schon hüpften Aktienkurse und Anleiherenditen, Devisenkurse und Edelmetallpreise munter hin und her. Kurzum, niemand wusste zunächst so recht, was „noch“ zu bedeuten hatte. Am Freitag erwischte es dann die Edelmetallpreise und -aktienkurse, was ich nur als Fortsetzung der im Dezember gestarteten technischen Reaktion interpretiere, auf keinen Fall als Beginn einer längeren Abwärtsbewegung.

Erst am späten Donnerstagnachmittag und am Freitag wurde deutlich: Trichet hatte mit „noch“ den Euro gegen den Dollar hochkatapultiert. Das heißt, allein dieses kurze Wort veranlasste die Marktteilnehmer, wieder an den Euro zu glauben. Damit bestätigen sich – unter umgekehrten Vorzeichen – die zuletzt kaum noch zu ignorierenden, nicht gerade schmeichelhaften Aussagen zum Dollar.

Nun sollten Sie in diesem Zusammenhang nicht allein dem Devisenmarkt Ihre Aufmerksamkeit schenken, zumal in den nächsten Jahren neben dem Dollar und vielen weiteren Währungen auch der Euro – trotz des jüngsten kräftigen Anstiegs gegen den Dollar – an Kaufkraft verlieren wird. Viel interessanter ist, dass gewichtige Großanleger mit ihrer neuen Vorliebe für den Euro zum Ausdruck bringen, dass sie demnächst höhere Zinsen im Euro-Raum erwarten, Deutschland inbegriffen. Und zwar vor allem Anleihezinsen, was die Renditen der schon platzierten Anleihen steigen und deren Kurse sinken ließe.

Allianz Global Investors, Fondstochter des Allianz-Konzerns, hat neulich eine Statistik zum Geldvermögen der Deutschen veröffentlicht. Aus ihr lassen sich unter anderem bemerkenswerte Schlüsse ziehen, was – direkte und indirekte – Investitionen deutscher Anleger in Anleihen und sonstige Geldwerte betrifft. Gesamtes Geldvermögen Ende 2010: 4,88 Billionen Euro. Davon entfielen fast 38 Prozent auf kurz- und mittelfristige Sparformen bei Banken und Sparkassen (Tages- und Festgelder, Sparkonten und -briefe), 29 Prozent auf Versicherungen (mit dem Löwenanteil auf Kapitallebensversicherungen), 28 Prozent auf Fonds, Anleihen, Aktien und börsennotierte Beteiligungen, der Rest auf Sonstiges.

Obwohl 2009 ein Krisenjahr war und 2010 eher das Gegenteil, hat sich am Sparverhalten der Deutschen kaum etwas geändert. Das heißt, die Deutschen sind ihren Geldwerten (verschiedene Sparformen, Lebensversicherungen, Fonds mit dem Schwerpunkt Renten- und Geldmarktfonds, Anleihen) treu geblieben. Edelmetalle spielen eine untergeordnete Rolle. Immobilien gehen, abgesehen von Immobilienfonds und -aktien, nicht in die Statistik ein. Ihr grob geschätzter Wert – genaue Daten lassen sich nicht ermitteln – wird von Fachleuten auf einen dem Geldvermögen adäquaten Betrag geschätzt.

Wie sehr deutsche Anleger vom Wohl und Wehe der Banken, Sparkassen und Versicherer abhängen, zeigen einige weiter gehende Überlegungen:

Tages- und Festgelder, die insgesamt einen dicken Brocken bilden, sind zwar durch die verschiedenen Formen der deutschen Einlagensicherung so gut wie unbegrenzt geschützt, aber im Extremfall hilft keine Einlagensicherung, sodass der Staat einspringen muss (wie im Herbst 2008 geschehen, als die Bundesregierung eine Art Garantie abgab). Im Übrigen wird das deutsche Sicherungssystem über kurz oder lang ganz vom europäischen abgelöst, das seit Jahresbeginn für 100.000 Euro pro Person garantiert.

Kapitallebensversicherungen, Nummer zwei unter den Geldanlagen, bestehen zum größten Teil aus Bankpapieren, hängen also in großem Umfang wiederum vom Wohl und Wehe des Bankenlagers ab. Je kürzer die Laufzeiten dieser Papiere, desto niedriger verzinsen sie sich. Allerdings sind auch die Zinsen von Langläufern inzwischen uninteressant. Nach der schon sehr lange anhaltenden Tiefzinsphase haben Lebensversicherer also das Problem, dass sie die früheren Renditeversprechen ihren Kunden gegenüber nicht mehr einhalten können. In welchem Dilemma sie und damit die Kunden stecken, ergibt sich aus dem folgenden Passus des Finanzstabilitätsberichts der Bundesbank vom November 2010:

„Das Zinsrisiko stellt im Allgemeinen für Lebensversicherer das größte Einzelrisiko dar. Es besteht darin, dass die Erträge aus den Kapitalanlagen bei ungünstiger Marktentwicklung eventuell nicht mehr ausreichen, um die den Kunden zugesagten Garantieleistungen und darüber hinausgehende Überschusszahlungen zu erfüllen. Erfolgt die Neuanlage dauerhaft in einem Niedrigzinsumfeld, steigt dieses Risiko erheblich an.“

Eine Lösung für dieses Problem zeichnet sich längst noch nicht ab. Wenn Sie immer wieder auf kritische Beiträge über Lebensversicherungen stoßen, wissen Sie also, woher das in der Regel rührt. Aus den vergangenen Wochen hervorzuheben sind die besonders scharfen Artikel von Thomas Schmitt im Handelsblatt. Doch auch FAZ, FTD und Wirtschaftswoche bringen immer wieder die nötige Schärfe in das Thema.

Dass Lebensversicherungen – Fondspolicen ebenso wie die mit Bankpapieren gespickten Kapitalpolicen – unter den gegebenen Umständen keine Anlage wert sind, ist offensichtlich. Doch was tun, wenn man schon eine abgeschlossen hat? Dann heißt es zu entscheiden: Weiter machen oder gutes Geld dem schlechten hinterher werfen? Die Antwort kann sich nur aus dem Einzelfall ergeben; sie ist abhängig von der Qualität des Versicherers (Quellen: die auch in allgemeinen Medien wiedergegebenen Listen, z.B. von map-report, Morgen & Morgen oder Assekurata), sie ist natürlich auch abhängig von der bisherigen Laufzeit einer Police und vom sonstigen Vermögen eines Anlegers, der darüber hinaus gut beraten ist, zur abschließenden Klärung der Frage einen erfahrenen Finanzmathematiker heranzuziehen.

Wahrscheinlich fragen Sie sich, warum ich gerade dieses Thema jetzt so auswalze. Nun, ein Aufhänger ist die eingangs erwähnte Aussage von EZB-Chef Trichet. Interpretiert man sie so, dass die Zinsen bald steigen, könnte die Versicherungslobby argumentieren, dann sei ja alles in Butter und der zitierte Finanzstabilitätsbericht der Bundesbank demnächst nur noch Makulatur. Doch Vorsicht: Bei steigenden Zinsen sinken die Kurse der Anleihen, also auch die der Bankanleihen, umso stärker, je länger deren Laufzeiten sind. Haben Versicherer die bisherige Niedrigzinsphase zu überbrücken versucht, indem sie auf die höher verzinslichen Langläufer (auch auf die von Griechenland, Irland & Co.) ausgewichen sind, müssen sie in Zukunft die sinkenden Kurse gegenrechnen. Wie auch immer sie das anstellen, am Ende zahlen Anleger die Rechnung.

Ein weiterer Aufhänger ergibt sich aus den in der Finanzbranche besonders beliebten, zuletzt penetrant beworbenen Geschäftsmodellen (man kann sie auch Anlegerfallen nennen). Sie laufen darauf hinaus, Kunden mit scheinbar günstigen, in Wahrheit undurchsichtigen und teuren Kombiangeboten möglichst lange zu binden. Zu solchen Angeboten gehören an vorderster Stelle Kapital- und Fondspolicen, die beide im Kern nichts anderes sind als Kombinationen aus Sparplänen und Risikoversicherungen. Dazu gehören aber auch alle Varianten von Riester-Produkten, Baukredite in Verbindung mit Bauspardarlehen oder mit Sparplänen zwecks späterer Tilgung, sodass sich aus diesen Konstrukten kein vernünftiger Effektivzins errechnen lässt. Bei näherer Betrachtung gehören auch Fonds und Zertifikate dazu. Allen gemeinsam ist: Erst fließt die sichere Provision an die Finanzbranche und ihre Vermittler, später – wenn überhaupt – der unsichere Ertrag an die Kunden. Also aufgepasst!

Manfred Gburek, 14. Januar 2011

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