Das europäische Ratingmonster

11. Juli 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Die fünfte Jahreszeit soll uns heute als Beispiel dienen. Helau und Alaaf soll es schallen, denn mit närrischem Treiben muss sich so mancher Vorgang innerhalb der EU in den letzten Wochen und Monaten vergleichen lassen. Für einen der absurdesten Witzgipfel sorgte ein wohl außer Rand und Band befindlicher Abgeordneter, der allen Ernstes meinte, den geschätzten Dänen könnten angesichts einiger Grenzkontrollen die Touristen verlustig gehen…

Nun, wenn es nach einem respektvollen Umgang bei der Einreise ginge,  dann dürfte in so manches Land in Übersee schon seit Jahren niemand mehr fahren. Aber der beste Scherz ist nicht gut genug um es mit den Rating-Fantasien der Eurokraten aufnehmen zu können!

Die Ratingagenturen sind mittlerweile zu einem der europäischen Lieblingsfeinde geworden. Nun halten wir von der generellen Idee einer Auslagerung der Kreditrisikoprüfung nichts, daher fände eine Abschaffung dieser Agenturen durchaus unsere Zustimmung. Leider scheint  den Beamten aber nicht das Gesamtkonstrukt der Verantwortungsauslagerung sauer aufzustoßen. Vielmehr wehrt man sich gegen die Ratings selbst, diese seien unangemessen und zu schlecht. Damit hat man aus einer im Grunde notwendigen und richtigen Frage zum wiederholten Male eine peinliche Farce gemacht.

Die Gäule der Fantasie scheinen nun mit zahlreichen Abgeordneten auf Länder -und Europaebene durchzugehen. Eine eigene Agentur soll nun her, die Troika aus Fitch, Moody’s und S&P sei schließlich beeinflusst durch die amerikanische Politik und durch Wall Street. Das mag sein, aber wie die Europäer es mit der Unabhängigkeit so halten, kann man an der moralisch wie politisch zerfledderten Europäischen Zentralbank sehen. Aus einer vermeintlich unabhängigen Institution ist innerhalb kürzester Zeit eine politisch in höchstem Maße abhängige und dauerhaft beeinflusste Einrichtung geworden. Wer aus der EU heraus den Ratingagenturen die Existenzberechtigung abspricht, sollte die EZB gleich mit auf die Streichliste setzen.

Das neue Zaubertier soll nun also eine eigene europäische Ratingagentur sein. Diesen Gedanken muss man sich in der Tat auf der Zunge zergehen lassen. Welch Geistes Kind kann so eine Idee nur sein? Einmal abgesehen von der zweifelhaften Abfolge der Ratingaktionen der genannten drei Firmen: Es wird doch niemand ernsthaft anzweifeln, dass etwa der griechische Staat de facto insolvent ist.

Welches Rating hätten denn der Herr Abgeordnete oder die Frau Ministerin gerne für die Finanzen dieses Landes? Wäre ein AA+ genehm? Da haben Sie schon Recht, das passt einfach wunderbar zu ihren Anleihen, ein Traum! Sollen wir es Ihnen einpacken, oder geht es so mit? Möchten Sie bei der Gelegenheit noch schnell ein AAA für Spanien mitnehmen, ist gerade im Angebot, wir haben ja heute Peripheriewochen!

Bitte verschonen Sie uns mit der nächsten europäischen Einrichtung. Uns graust es schon beim Gedanken an die vermutliche Konstruktion.

[Visionen 2011] Die politisch geprägte Einrichtung bekäme vermutlich einen Namen wie „European Rating Agency – ERA. A new ERA“.  Dieser Name würde sogleich in 700 Sprachen auf das neu für die ungefähr 5000 Mitarbeiter zu errichtende Gebäude gemalt werden. Die Hälfte der Mitarbeiter säße in Paris, 2450 verteilten sich auf verschiedenen Büros in ganz Europa. 50 Stellen fänden ihren Sitz in einem alten Ministeriumsgebäude in Bonn. Das Institut würde dann alsbald mit einer Doppelspitze besetzt werden. Zu Beginn rekrutierte sich die Führung aus einem Mann und einer Frau. Eine Person käme aus der BRD, die andere aus Frankreich. Historisch bedingt erhielte der deutsche Teilnehmer nur einen temporäreren Vorsitz für drei Siebtel der regulären Amtszeit.

Danach ginge das Amt an einen Repräsentanten aus einem der kleineren Mitgliedsstaaten, vielleicht findet sich irgendwo noch ein ausgedienter Verkehrs- oder Postminister.  Der Aufsichtsrat orientierte sich an der Idee des Verwaltungsrats der KfW und würde sich demnach auf die Kraft der Fachfremdheit stützen. Da fehlt doch noch was. Ach ja – Die Ratings! Diese würden nach dem aktuell von den Banken gewünschten und regelmäßigen freiwillig gemeldeten Maximalbelastungen erstellt. Eine Kreditprüfung entfiele, der Default von Staaten und Unternehmen würde als unsozial und arbeitsplatzschädlich gebrandmarkt und abgeschafft. Diese Abschaffung würde als alternativlos im Grundgesetz verankert werden, denn „würde man das nicht so machen“, wären alle bekanntermaßen viel schlimmer dran.

Hoffen wir, dass wenigstens dieser Kelch an uns vorüber geht, und eine Rückbesinnung stattfindet… (Seite 2)

 

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10 Kommentare auf "Das europäische Ratingmonster"

  1. vegaman sagt:

    Da kann man ja nur widersprechen! Natürlich hat es an den Gurken gelegen. Nur, dass diese Gurken nicht genießbar sind…

  2. EXE sagt:

    Ich sehe den Berg vor lauter Schulden nicht…

    Ach ja schlimm schlimm ich sehe es noch kommen die EuRafMA
    -Europäische Raiting Agentur für Müll Anleihen-
    Der EZB ist es doch jetzt schon egal was da drauf steht D AA L für Lose oder Z für Zonck
    Die Probleme werden nicht besser wen das Papier mit einem anderem Buchstaben bedruckt wird.

  3. khaproperty sagt:

    Recht gut erfasst, wie die EU-Bürokratie nebst der nationalen Kollegen denken, es gelegentlich versuchen jedenfalls, jedoch immer wieder dabei scheitern – mutwillig oder nicht, so doch stets im Interessenfilz ihrer regierungsamtlichen Politvorgesetzten enden. Na ja, und die….

    Zu den Rating Agenturen:
    S&P ist in USA börsennoiert und relativ gestreut.
    Moodys ebenso aber hat den Großaktionär Warren B.
    Fitch gehört mehrheitlich einer französichen großen Gesellschaft, ist also „europäisch“, gar nicht amerikanisch.

    Die Bewertung der USA (auch GB`s) ist deshalb (anscheinend) besser als die der PIIGS, weil dort vermittels einer eigenen Währung eine ganze Menge ausgeglichen werden kann, woran bei den PIIGS deutlich mangelt, natürlich ebenso bei D., F. sowie allen anderen Euro-Protagonisten, nicht aber bei Dänemark, Norwegen und ein paar anderen EU-Mitgliedstaaten mit eigener Währung.

    Deren letzterer Status ist geradezu ideal: ebendort müssen all die PIIGS auch hin, um sich selbst helfen zu können – nach dem verdienten Haircut.
    Das wäre danach der Beginn einer neuen Herangehensweise für alle Rating-Agenturen: erst in den Keller (=There is no free lunch), dann: up, up to the sky.

  4. bigpuster sagt:

    Genau das selbe habe ich bei dem Gedanken an eine europäische Ratingagentur vermutet. Griechenland kriegt ein AA+ und den bösen Zeigefinger. Spanien ein AAA mit negativen Ausblick. Erneut vielen Dank für den guten Beitrag. So fühlt man sich nicht ganz allein

  5. Frank2 sagt:

    Spanien hat schon ewiglich ein Problem. Es gibt die mileuristas (1000 EUR Leute). Junge gut ausgebildete Menschen, die keinen oder nur einen schlecht bezahlten Job finden. Das sind alles strukturelle Probleme, die absichtlich(?) mit zyklischen verwechselt werden.
    Und die Ratingagenturen? Nun, wir wissen, daß die Politik bestimmen möchte, wer AAA ist. Unabhängig ist doch nichts und keiner. „Peinlich“ ist auch nichts.
    Wenn gesagt wird: „Wenn die USA die Schuldengrenze nicht anheben, dann werden sie abgestuft“ – was denkt dann ein gesundes Hirn?
    Potemkinsche Dörfer. Die Wahrheit ist: wir sind alle pleite, die einen mehr, die anderen weniger.

  6. wolfswurt sagt:

    Eines ist klar: wenn Finanzminister ein „Anti-Ansteckungsprogramm“ beschließen ist deren Geisteszustand nicht mehr nachzuweisen!

  7. […] aber ist die EZB mehr als nur noch ein armseliger Büttel europäischer EU-Neurotiker? http://www.rottmeyer.de/das-europaische-ratingmonster/ top Keine Antworten auf “Die bösen, bösen […]

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