Das Ende der deutschen Hyperinflation

30. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Etwa vor 90 Jahren, am 15. November 1923, wurden die entscheidenden Schritte eingeleitet, um den Alptraum der Weimarer Hyperinflation zu beenden: Die Reichsbank hörte auf, Schuldpapiere des Kaiserreiches aufzukaufen, und der Papiermark wurde die neu geschaffene „Rentenmark“ mit einem festem Wechselkurs zur Seite gestellt…

Die Hyperinflation wurde so zwar erfolgreich gestoppt, die Kaufkraft der Papiermark war und blieb jedoch völlig ruiniert. Um verstehen zu können, was sich damals zutrug, und wie es überhaupt so weit kommen konnte, muss man zurückblicken auf die Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Im deutschen Kaiserreich wurde die Mark mit dem Münzgesetz vom 4. Dezember 1871 gesetzliches Zahlungsmittel. Ihr Wert entsprach 1/1393 eines Pfundes Feingold; ein Gramm Gold entsprach damit drei Mark. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Goldeinlösepflicht der Reichsmark jedoch am 4. August 1914 aufgehoben. Aus der goldgedeckten Mark (man sprach nachfolgend von der „Goldmark“) wurde die ungedeckte Papiermark.

Das Kaiserreich finanzierte die Kriegsausgaben zunächst vor allem durch Kredit; schließlich hoffte man auf einen „schnellen Sieg“; und dass Frankreich die Kriegskosten letztlich tragen würde. Die Staatsschulden stiegen von 5,2 Mrd. in 1914 auf 105,3 Mrd. Papiermark in 1918. Aber auch die Papiermarkmenge wuchs. Denn weil es ab 1916 immer schwieriger wurde, Abnehmer für die Kriegsschulden zu finden, sprang die Reichsbank ein. Sie kaufte die Papiere und bezahlte mit neu gedrucktem Geld. 1914 betrug die Papiermarkgeldmenge knapp 5,9 Mrd. Papiermark, 1918 war sie bereits auf 32,9 Mrd. Papiermark angewachsen. In der Zeit von August 1914 bis November 1918 stiegen die Großhandelspreise um 115 Prozent, die Kaufkraft der Papiermark wurde also mehr als halbiert. In der gleichen Zeit wertete die Papiermark (an der Berliner Börse) um etwa 84 Prozent gegenüber dem US-Dollar ab.


Das furchterregend-beklemmende „Delirium der Milliarden“ nahm in der Nachkriegszeit seinen unheilvollen Lauf. Die neue Weimarer Republik sah sich gewaltigen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen gegenüber. 1920 betrug die Industrieproduktion nur 61 Prozent des Niveaus von 1913, 1923 war sie auf 54 Prozent gefallen. Die durch den Versailler-Vertrag erzwungenen Landabtretungen hatten die Leistungsfähigkeit des Reiches geschwächt. Hinzu kamen Reparationsleistungen (im Mai 1921 wurden sie auf 132 Mrd. Goldmark festgesetzt), die in Fremdwährung und Naturalien zu leisten waren. Vor allem aber wollten die neuen demokratischen Regierungen der Weimarer Republik den Ansprüchen ihrer Wähler so umfassend wie möglich nachkommen. Weil die Steuereinnahmen dazu nicht ausreichten, begann die Reichsbank, die Notenpresse laufen zu lassen.

Bereits Ende 1919 war die Geldmenge auf knapp 51 Mrd. Papiermark angewachsen. Der Staatshaushalt blieb chronisch defizitär. Von April 1920 bis März 1921 betrug der Steueranteil an allen Staatsausgaben im Durchschnitt weniger als 37 Prozent, der Rest wurde mit Reichsbankkrediten, durch die neue Papiermark in Umlauf gebracht wurden, finanziert. Zwar besserte sich die Lage bis etwa Mitte 1922. Der Steueranteil aller Staatsausgaben erreichte sogar im Juni kurzzeitig 75 Prozent. Doch dann brach sich das Unheil Bahn: Die Auseinandersetzung um den angeblichen Rückstand der deutschen Reparationszahlungen, die bereits gegen Ende 1922 begann, ebnete den Weg in das deutsche Währungsdesaster.

Französische und belgische Truppen besetzten zwischen dem 11. und 16. Januar 1923 das Ruhrgebiet, das industrielle Herzstück des Reiches. Die deutsche Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Kuno (1876 – 1933) rief am 13. Januar 1923 zum „passiven Widerstand“ auf: Belegschaften und Betriebe in den besetzten Gebieten sollten sich den Befehlen der Besatzer widersetzen. Die Reichsregierung sicherte die Lohnfortzahlungen für das Nicht-Arbeiten zu. Der deutsche Staatshaushalt wurde durch die Verpflichtungen, die der „Ruhrkampf“ mit sich brachte, nun völlig überfordert. Die Reichsbank begann, die staatlichen Zahlungen durch das Drucken von immer neuem Geld bedingungslos zu finanzieren: Steuerausfälle, Auszahlungen für Löhne, Sozialleistungen und Subventionen für defizitäre Staatsbetriebe.

Im Mai 1923 geriet die Papiermarkgeldmenge außer Rand und Band. Im Mai 1923 stieg sie auf 8.610 Mrd., im April waren es bereits 17.340 Mrd., im August 669.703 Mrd. und im November 1923 waren es dann 400 Trillionen (also 400 x 1018) Mrd. Die Großhandelspreise stiegen mit astronomischen Raten, von Ende 1919 bis November 1923 um 1.813 Prozent. Am Ende des Krieges 1918 hätte man theoretisch fünfhundert Milliarden Eier für das gleiche Geld erwerben können, für das man fünf Jahre später ein einziges Ei kaufen konnte. Der Außenwert der Papiermark fiel ins bodenlose. Im Juli 1914 entsprachen 4,2 Reichsmark einem US-Dollar; und ein US-Dollar entsprach damals 1/20,67 Feinunzen Gold. Bis November 1923 hatte sich der Papiermarkpreis (an der Berliner Börse) für einen goldgedeckten Greenback um 8.912 Prozent verteuert. Die Papiermark hatte im Grunde nur noch „Brennwert“… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Das Ende der deutschen Hyperinflation"

  1. bluestar sagt:

    Vielen Dank für die Geschichtsstunde.
    Übrigens gab es dann für Immobilieneigentümer ab 1924 die Hauszinssteuer.
    „Weite Teile der Bevölkerung, vor allem der Mittelstand, verarmten.“
    Aber heute kann das ja alles nicht mehr passieren, heute wird alles anders und zwar gut, dafür sorgen unsere Lichtgestalten aus der GROKO. Heute habe ich gelesen, das die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung den GROKO-Kurs gut findet. Was soll man dazu sagen ?
    Wahrscheinlich dumm geboren und was Geschichte betrifft nichts dazugelernt.

  2. Andreas G sagt:

    Sehr geehrter bluestar,
    ein sehr guter Kommentar von Ihnen, ich bin Ihrer Meinung und hätte es nicht besser formulieren können. Kurzsichtigkeit in der Bevölkerung überwiegt anscheinend immer: Hauptsache mir geht’s gut, nach mir die Sintflut. Das alles trotz entsprechender geschichtlicher Erfahrung – traurig und erschreckend. Fazit: Die Menschheit wird moralisch niemals in der Lage sein, eine ungedeckte „Papierwährung“ zu beherrschen, mit dieser Erkenntnis erweist sich auch der Keynesianismus als nicht zielführend. Vielleicht nicht einmal, weil die Theorie an sich gänzlich falsch ist, sondern, weil sie den Weg des moralischen Verfalls ebnet und es den Verantwortlichen ermöglicht, die politische Route des geringsten Widerstandes einzuschlagen, die „Rechnung“ sollen somit immer „die Anderen“ bezahlen.

    Vielen Dank an Prof. Thorsten Polleit für diesen erhellenden Artikel, wie gewohnt fachlich sowie sachlich nahezu unangreifbar und daher auf „Top-Niveau“, im Gegensatz zu der Aneinanderreihung von „Leerformulierungen“ vieler selbsternannten „Top-Ökonomen“, die immer noch ihre blinde und verkratzte Kristallkugel beschwören.

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