Das Elend der Bären

16. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Es ist heutzutage nicht leicht, an der Börse bearish zu sein. Immer wieder kommen schlagartig Kaufwellen auf, die verhindern, dass wichtige Unterstützungen gebrochen werden oder die soeben gebrochene Auffanglinien wieder zurückerobern und die Bären wieder mal geleimt zurücklassen…

Viele zweifeln schon, ob wir überhaupt mal wieder eine richtig zackige Abwärtsbewegung erleben, so, wie beispielsweise im August 2011…

Man hofft, man positioniert sich … und immer wieder kommt nichts dabei heraus. Das ist zutiefst frustrierend. Aber warum scheint es so schwer zu sein, auf der Short-Seite nennenswert Geld zu verdienen? Es gibt vielfältige Gründe dafür, die allesamt hinreichend interessant sind, um eine Kolumne wert zu sein. Zumal: Wenn man das Problem versteht, ist das Bärendasein schon ein wenig leichter .. oder man lässt es bleiben und orientiert sich vor allem an den Kursen selbst und nicht an seiner eigenen, oft unverrückbaren Meinung. Auch das geht – und ich tue das mittlerweile seit Jahren mit meinen Handelssystemen. Aber ich war lange genug ein auf Fundamentals und Charttechnik ausgerichteter Anleger, um mich in der Bärenseele noch heimisch zu fühlen.

Der erste, wenngleich nicht entscheidende Grund: Die Bären in ihrer Gesamtheit sind zum Teil selber schuld daran, dass die Kurse immer wieder nach oben zurückschnappen, als würden sie an einem Gummiband hängen. Denn sie trauen sich selbst nicht recht über den Weg. Sie glauben eigentlich gar nicht daran, dass sich ein echter Abwärtstrend etablieren wird und nehmen daher sehr schnell kleine Gewinne mit. Und wer eine Shortposition eindeckt, muss dazu Long gehen … und trägt somit dazu bei, dass die Kurse noch schneller und weiter steigen. Aber warum sind die Bären mehrheitlich so verunsichert?

Weil die Kurse ihrer Ansicht nach eigentlich fallen müssen und es nicht tun. So ganz grundsätzlich schließe ich mich dem ja an, siehe die meisten meiner Kolumnen seit Sommer 2010. Aber die Börse richtet sich eben nicht nur nach den Rahmenbedingungen. Im Gegenteil, sie steigt oft, wo sie fallen müsste und rutscht ab, obwohl es gerade gar keine Gründe dafür zu geben scheint. Ganz einfach deswegen, weil das ökonomische Umfeld nur einen Teil der Kauf- und Verkaufsargumente stellt. Viele Marktteilnehmer wollen das einfach nicht wahrhaben. Aber es ist nun einmal so:

Das Kursgeschehen an den Börsen orientiert sich zwar auch an der wirtschaftlichen Entwicklung und reagiert kurzzeitig und bisweilen auch markant auf Konjunkturdaten oder Unternehmensbilanzen. Aber in der Regel werden die Kurse weit stärker von der Stimmungslage der Akteure, der vorhandenen Liquidität und der Zahl möglicher Investment-Alternativen beeinflusst. Will heißen:

Wenn genug Geld da ist, die Marktteilnehmer bzw. die Mehrheit des Kapitals mit weiter steigenden Kursen rechnet oder auch nur darauf hofft und die Alternativen zum Aktienmarkt gering sind, steigt dieser auch dann weiter, wenn die Wirtschaft parallel dazu schlecht läuft oder sogar den Bach heruntergeht. Und genau dieses Szenario haben wir seit einigen Jahren.

Es ist das „billige“, durch die Regierungen und Notenbanken erzeugte und freigesetzte Geld, das die Aktienmärkte momentan noch am Fallen hindert, zumal sich das Geld dort zusammendrängt. Wenngleich die wenigen, noch als „sicher“ angesehenen Anleihemärkte weiter Zulauf haben und man teilweise in irgendwelchen Firlefanz von angeblich bleibendem Wert „investiert“: Diese Bereiche können nicht das Kapital aufnehmen, das aus den schwachen Bondmärkten, den meisten Rohstoffen und vor allem aus dem als sicherer Hafen momentan versagenden Edelmetallsektor herausfließt. Also hofft man auf die Aktien, vor allem die klassischen Publikumslieblinge, und übertüncht die aufkeimenden Bedenken mit Argumenten wie „echte Werte“ und „Dividendenrendite“. Da können sich die Rahmenbedingungen eintrüben wie sie wollen … bis man wirklich sein Geld, auch seitens der zum Investieren verdammten großen Adressen, einfach nur in Barbestände verwandelt, muss noch mehr passieren. Aber was?

Nun, die Börse handelt nun mal nicht die Zukunft, wie oft platt argumentiert wird, wenn die Kurse steigen, wo sie fallen sollten. Sie handelt ja nicht mal die Gegenwart und schon gar nicht die Realität. Sie handelt Hoffungen einerseits und Notwendigkeiten andererseits. Im Moment die Hoffnung, alles werde wieder gut oder werde zumindest das eigene Lebensumfeld verschonen. Und die Notwendigkeit, die Unsummen billigen Geldes irgendwo hin zu stecken, obgleich man weiß, dass es dort, wo es ankommen sollte, um die Lage zu stabilisieren, nicht auftaucht: beim Konsumenten. Um blinde Hoffnung und dieses sture Investieren freien Kapitals zu brechen, muss sich einfach trotz der allgemein bullish eingefärbten Medien-Berichterstattung die Erkenntnis durchsetzen, dass es nichts zu hoffen gibt! Das dumme ist, dass Hoffnungen hartnäckig sind. Das dauert nun einmal … (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , ,

2 Kommentare auf "Das Elend der Bären"

  1. DukeNukem sagt:

    Ich hab beim Shorten bisher mal Glück und auch mal Pech gehabt! Als der DAX letztes Jahr unter die Räder kam, hab ich da binnen Tagen 300% oder so plus gemacht. Aber bei anderen Spekulationen ists dann auch mal in die andere Richtung gegangen 😉
    Letztens bin ich bei BMW short gegangen. Ich hab mir den langjährigen Chart angesehen und mir überlegt dass das mittel- bis langfristig ´´eigentlich´´ nur gen Süden gehen kann.
    Auch wenns an der Börse oft irrational und idiotisch zugeht, auf Dauer hält auch dort die Realität einzug!

  2. MARKT sagt:

    Ja es dauert lang. Und wenn die Kurse dann einbrechen, geht es in der Regel extrem schnell. Das heißt, wer bereits positioniert ist, hat gute Chancen (wenn er nicht zu schnell die Gewinne mitnimmt). In einer dynamischen Abwärtsbewegung in den MArkt zu kommen ist dagegen fast unmöglich, da Rückläufe oftmals komplett ausbleiben. Ohne Frage sind fallende Märkte viel schwieriger zu handeln als steigende.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.