Das Duell der Maschinen

10. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Wer wie ich in den 80er Jahren zum Börsianer wurde, hat es nicht immer leicht, sich an die schöne neue Welt an den Kapitalmärkten anzupassen. Andererseits …. während man früher, vor Internet und Online-Brokerage, gefühlt ein halbes Leben brauchte, um seine Order loszuwerden oder gar eine Bestätigung zu erhalten, dauert das alle heute nur noch Sekunden… Man ist „realtime“ dabei, statt die Kurse am nächsten Morgen in einer Börsenzeitung nachzulesen…

Ein Klick und man sieht Depotbestand, Kursniveau und Barbestände. Früher galt es, erst einmal telefonisch nachzufragen, um den Stand der Dinge zu erfahren. Und versammelte man sich in der Wertpapierabteilung zur Kaffeepause, ging eben nichts … egal, ob gerade ein Crash ablief oder nicht. Mein lieber Scholli, früher war eben doch nicht alles besser.

Aber Tempo und Transparenz haben auch ihren Preis. Und genau der führt dazu, dass wir private Anleger letztlich trotz all der Segnungen der Technik keinen Deut erfolgreicher sind als früher. Im Gegenteil. Die Zahl derer, die in nur wenigen Monaten den größten Teil ihres Startkapitals einbüßen, ist höher als früher. Aber wieso … wenn man doch sekundenschnell reagieren kann, so man es denn will?

Nun, zum einen verleitet die Möglichkeit des „schnell rein – schnell raus“ zum Zocken. Es ist unglaublich, wie viele Zertifikate jeden Tag neu aufgelegt werden, den Basispreis weniger als ein Prozent an den aktuellen Kursen … und Stunden später bereits ihr Leben aushauchen. Und wenngleich es Hunderte, bisweilen Tausende sind, die jeden Tag neu auftauchen und wieder verschwinden – viele finden Käufer, die bereit sind, den schnellen Minuten-Trade mitzumachen. Wenige schaffen es mit eiserner Disziplin und Geschick, dauerhaft erfolgreich zu sein. Aber ich unterstelle, dass mindestens neun von zehn dabei schneller pleite gehen als am Roulette-Tisch. Es ist nun einmal extrem verlockend, wenn man sich betrachtet, was man so hätte verdienen könnten, wäre man nur bei x Long oder Short gegangen und bei y wieder ausgestiegen. Die Erkenntnis, dass man viel zu leicht zum Irrglauben neigt, beim Blick auf längst Vergangenes genau gewusst haben zu wollen, was passieren würde, wird uns Menschen wohl nie ereilen. Hinzu kommt: Diese Art des Zockens kann man von Zuhause aus tätigen. Oder mittlerweile unterwegs, wo man auch ist … und es herrscht im Gegensatz zum Casino kein Krawattenzwang.

Aber dieser gezielt geschürte Spieltrieb, nicht bis unzureichend reglementiert, ist nur ein Teilaspekt, der Zocker betrifft. Was ist mit dem „echten“ Investor? Warum kann der nicht von den vielen technischen Errungenschaften der letzten Jahre profitieren? Man ist besser informiert, kann überall schnell reagieren … und bekommt trotzdem dauernd auf die Mütze?

Das ist so, weil diese scheinbaren Errungenschaften das Investieren in Wahrheit schwieriger machen als früher. Es sieht nur leichter aus. Wer blitzschnell handeln kann, neigt dazu, es auch zu tun … und dabei oft schneller zu agieren als zu denken. Wer problemlos an jedwede Information herankommen kann, neigt dazu, sie auch alle in sich aufzunehmen und vieles hoch zu bewerten, was man am Folgetag als irrelevant erkennen würde. Gerüchte, das gezielt eingesetzte Gift großer Zocker, verbreiten sich heutzutage blitzschnell über die ganze Welt, nicht nur in einem Börsensaal. Und das zunehmende Tempo von Information und Kursbewegung sorgt für einen Stress, von dem nicht wenige erdrückt werden.

Aber die in meinen Augen wichtigste Hürde für jeden Anleger ist der Umstand, dass die Kurse sich heute weit seltener konform zur Entwicklung der Welt außerhalb der Börsen bewegen. Früher war es meist so, dass die Anleger logisch auf neue Informationen reagierten, sprich die Kurse stiegen, wenn die Nachrichten positiv waren und sie fielen, wenn nicht. Wenn die Kommentatoren von Gewinnmitnahmen oder Angstverkäufen, von Hoffnungsrallyes oder Eindeckungen nach positiven Nachrichten sprachen, stimmte das meist auch. Heute hingegen verwirren, ja nerven sie die Börsianer mit derartigen Plattitüden, da die mit Verstand gesegnete Mehrheit sofort erkennt, dass solche Aspekte eben oft nicht Ursache plötzlicher Kursausschläge sind. Doch entweder wissen die Berichterstatter es nicht besser – was nicht selten so ist – oder sie glauben, die Wahrheit zu berichten wäre entweder zu kompliziert oder dem Wunsch der Werbeträger im Hintergrund, die Investoren bei der Stange zu halten, höchst abträglich. Wobei ich mich frage, ob dummes Zeug zu reden dem zuträglicher sein kann.

Die Wahrheit ist, dass sich hinter dem Vorhang scheinbar normalen Handels ein Duell der Maschinen abspielt, das die meisten von uns ob der Größenordnung und des Tempos dieser Gefechte in Angst und Schrecken versetzen würde. Und die Munition dieser Maschinen ist entweder das Geld der Banken, die dann im Notfall mit der einen oder anderen geschickten Umstrukturierung imstande sind, die Verluste ihrer Zockerei als schicksalhaft zu deklarieren und beim Staat um Hilfe zu schreien. Oder es ist unmittelbar das Geld der Anleger, die von dem, was mit ihrem Ersparten geschieht, meist keine Ahnung haben. Sicher … (—> Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.