Das böse alte Futures-Spiel ist zurück

14. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ganz ehrlich: Die regen mich auf. Aber richtig. Da treiben ein paar Hanseln mit dem Geld von unzähligen anderen Hanseln mal wieder ein Spielchen. Wenn sie gewinnen, baden sie in Gold. Wenn sie verlieren, wird sie schon irgendwer mit Steuergeldern wieder rauspauken. Glauben sie wenigstens…

Gemeint ist das Futures-Spiel, eine Art Poker für Verantwortungslose. Längere Zeit war davon wenig zu sehen. Jetzt ist es, zumindest an der Wall Street, wieder aufgetaucht. Aufgefallen ist es mir erst am Mittwochnachmittag, aber das Spiel läuft eigentlich schon seit Monatsanfang.

Am Mittwochnachmittag „explodierte“ der S&P 500 und schoss wie eine Rakete um sagenhafte 0,4 Prozent in nur einer halben Stunde nach oben. Danach bewegte er sich in einer volatilen Seitwärtsspanne von fast vier Punkten oder 0,2 Prozent seitwärts. Vor zwei oder drei Wochen hätte man gedacht, ich kommentiere hier gerade einen Handelsverlauf des S&P 500 aus dem Jahr 1968. Aber nein, nach Wochen, in denen es in der Aufwärtsbewegung ebenso wie in der Abwärtsbewegung manchmal innerhalb von ein oder zwei Minuten um ein Prozent rauf oder runter ging, haben wir jetzt plötzlich eine Volatilität, die der gleichkommt, die wir vor der Verbreitung des elektronischen Handels erlebt haben.

Solange die Kurse schön weit oben stehen, fragen sich die wenigsten Marktteilnehmer, warum das so ist. Sie sind einfach mit dem zufrieden, was sie sehen: hohe Kurse. Und diejenigen Zocker, die jetzt das böse alte Futures-Spiel spielen, setzten genau darauf.

Als ich im Herbst 2007 einen Marktkommentar zu diesem Spielchen schrieb, hielten mich nicht wenige für schwer paranoid und krankhaft bearish. Zumindest, bis im Januar 2008 durch das Bekanntwerden der Aktivitäten des (angeblich ohne Wissen seiner Bank handelnden) Händlers Laurent Kerviel deutlich wurde, das er – und nicht nur er – genau dieses Spielchen gespielt hatten, das man, insbesondere wenn man sich den Futures-Markt ein wenig genauer ansieht, durchaus hätte erkennen können. Aber wer will denn bei steigenden Kursen genau hinsehen? Eben.

Das Spiel hat zum Ziel, einen Index über den Future einfach so lange oben zu halten, bis der Zeitpunkt erreicht ist, an dem man diese hohen Kurse nicht mehr braucht. Und natürlich ist dieser Zeitpunkt grundsätzlich ein Verfalltermin an den Terminbörsen. Das hatte ich ja in vielen Marktkommentaren schon ausführlicher beschrieben, davon abgesehen, dass der Augenschein allein deutlich machen sollte, dass erst einmal eingeschlagene, intensive Trends bis zur Abrechnung der Derivate an einem Verfalltermin am jeweils 3. Freitag eines Monats sehr gerne durchgehalten und, wenn möglich, intensiviert werden. Es ist kein Zufall gewesen, dass die Tendenz genau nach dem Verfalltermin im September nach unten drehte. Es ist kein Zufall gewesen, dass die Tendenz genau einen Tag vor dem Verfalltermin im Oktober wieder nach oben drehte. Und diese nach oben gerichtete Tendenz soll gefälligst bis zum 21. November, sprich des zum Freitag in einer Woche, auch nach oben gerichtet bleiben.

Was aber nicht ganz so einfach ist. Denn natürlich wissen all diejenigen, die nicht nur dem nonstop bullishen Geplapper der Mehrzahl der Analysten lauschen, sondern sich selbst ein Bild über die Lage machen, dass diese in dieser Größenordnung seit Jahren nicht aufgetauchte Rallye absolut keinen fundamentalen Unterbau hat. Erst recht nicht an der Wall Street, wo man ja im Gegensatz zum DAX längst über die bisherigen Allzeithochs des Dow Jones und das S&P 500 hinausgeschossen ist. Aber all die Calls, die man am Optionsmarkt an mit Blick auf die Gemengelage bearishe Marktteilnehmer verkauft hat, würden wertlos verfallen, könnte man dieses Kursniveau in den Verfalltermin herüber retten. Ein gigantischer Reibach lockt.

Aber gerade unter den großen Adressen sind diejenigen, die dort auf den entscheidenden Stühlen sitzen, nicht erst gestern vom Rübenlaster gefallen. Dort weiß man ganz genau, dass diese Rallye ein Tanz auf dem Pulverfass ist. Und sobald es auch nur Anzeichen geben sollte, dass diese Jubelhausse kippen könnte, würde man dort blitzschnell zusehen, dass man auf diesem hohen Niveau seine Positionen abbaut und/oder Short geht.

Natürlich, solange die Kurse nicht wackeln, bleibt man zufrieden und hoch investiert auf der Long-Seite. Aber kleine Gewinnmitnahmen könnten jetzt schon reichen, denn wer Long gehen wollte, ist das längst. Die extrem zurückgegangene Volatilität und die schwindenden Umsätze machen klar: Der Markt ist jetzt am Scheitelpunkt seiner Aufwärtsbewegung. Sollte nur eine große Adresse einfach mal sicherheitshalber Positionen abbauen, könnte das bei diesen geringen Umsätzen schon reichen, um kurzfristige Verkaufssignale zu generieren. Insbesondere die Hedgefonds, die aufgrund der hoch gehebelten Positionen extrem viel zu gewinnen oder eben zu verlieren hätten, wären dann in einer fatalen Situation. Denn geht es erst einmal wieder abwärts, wäre die Käuferseite höchstwahrscheinlich blitzschnell komplett verwaist. Und dann kann aus einem fast bis zum 21. November hinübergeretteten, gigantischen Gewinn ein Verlust werden, der ausreicht, um den Laden dicht zu machen. Wie also verhindert man das? (Seite 2)




 

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