Das Bärenparadies: leise, sanft, aber stetig

17. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Wissen Sie, was so richtig bearish ist, was meist zu einem echten Abwärtstrend führt, ja eigentlich sogar das bearishste aller Szenarien ist? Das, was wir gerade sehen…

Dieses sanfte Abrutschen der Kurse ist psychologisch fatal für die Bullen. Vor allem, weil es in allen Sektoren gleichzeitig passiert: Am Aktienmarkt, bei Öl und den Metallen, beim Euro. Gegenbewegungen treffen immer wieder auf Abgabedruck, das höhlt diejenigen innerlich aus, die auf eine Rallye oder gar die Wiederaufnahme der Aufwärtstrends hoffen. Und dass es nicht zwei, drei oder mehr Prozent an einem Tag nach unten rasselt, verhindert, dass allzu viele Daytrader auf den Gedanken kommen, nun sei es zu schnell zu weit nach unten gegangen und an der Zeit, massiv in fallende Kurse hinein dagegenhalten.

Zudem bedingt dieses langsame Abbröckeln in allen Bereichen, dass echte Panik aufkommt. Panik ist die Vorstufe zu einer Trendwende nach oben, zumindest zu einer Short Squeeze. Aber das sehen wir momentan nicht. Wie erleben vielmehr eine schleichende Zunahme der Nervosität, die wächst, obwohl die Punkte, an denen sich die Furcht festmacht, längst erkennbar gewesen wären … hätten die Bullen die Augen aufgemacht und sich der Realität gestellt. Und, was ebenfalls von hoher Bedeutung ist: Die Umsätze sind immer noch nicht besonders hoch, denn es ist nur zum Teil Abgabedruck – der Rest ist ein Käuferstreik, der zu diesen langsam fallenden Notierungen führt. Und das bedeutet: Allzu schnell werden dem Markt die Verkäufer nicht ausgehen!

Hinzu kommt außerdem, dass gerade diese Abwärtsbewegung die Lage noch verschärft. Der fallende Euro führt zu einem steigenden Dollar-Index und erschwert die Exporte der US-Firmen. Gleiches gilt für Japan, wo der Yen wieder unangenehm zum Euro zulegt. Das ist aber nur ein Aspekt. Der andere:

Die Renditen der schwachen EU-Staaten steigen wieder in eine für die Refinanzierung schmerzhafte Zone. Und im Gegensatz zu früheren Monaten ist Deutschland dabei nicht fein raus, im Gegenteil. Sicher, man kann sich hier zwar spottbillig refinanzieren, denn die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen liegt unter 1,5 % (japanische Verhältnisse, die man noch vor kurzem immer wieder als undenkbar von sich gewiesen hatte). Der Haken dieser Mikro-Zinsen ist aber, dass die Nachfrage fällt. Man bekommt – zuletzt am Mittwoch – nicht mehr die Summen verauktioniert, die man braucht.

Aber wie soll sich das ändern, wenn Gold verdächtig parallel zum Aktienmarkt läuft und all diejenigen, die im letzten Sommer dort ihr Geld retten wollten, auf höheren Verlusten sitzen, als wären sie in den Aktienmärkten geblieben? Von Silber mal gar nicht zu reden? Den Marktteilnehmern gehen die Alternativen, die sicheren Häfen aus. Und so geraten auch diejenigen Staaten mit vermeintlich sicheren Anleihemärkten zusehends in die Bedrouille. Die einen leiden unter zu hohen Zinsen, die anderen unter zu niedrigen. Die Welt ist ein Tollhaus. Und immer mehr Akteure werden sich dessen bewusst. Nur …

… gerade da spielt nun der Umstand, dass sich die Abwärtsbewegungen langsam abspielen, hinein. Würden die Kurse jetzt bereits einbrechen, würden die Privatanleger aufgeschreckt und mit zu Berege stehender Haarpracht versuchen, alles so schnell wie möglich loszuwerden. So aber bekommen sie den Eindruck, es knistert nur im Eis, es bricht aber nicht. Ein leises Knistern, an das man sich gewöhnen kann. Würden die Kurse einbrechen, die großen Adressen würden sehr bald das „Schnäppchenniveau“ ausrufen und ihr geparktes billiges Geld massiv einsetzen. So jedoch warten sie auf die typischen, massiven Verkaufswellen, die bislang nicht kommen…

Ich glaube, es war gerade die massive „Alles-wird-gut“-Propaganda der Politik, der meisten Medien und fast aller Banken, die dieses aktuelle Szenario hervorgerufen hat. Gerade weil man als Bürger in trügerischer Sicherheit gewogen und zugleich durch unauffällig geschürte Inflationsängste in den Konsum und womöglich zusätzliche Kredite getrieben wurde, fällt es vielen so schwer, sich der letztlich ausweglosen Problematik, vor allem in der EU und in den USA, zu stellen. Viele, die neuen Biedermeier, haben sich zudem entschlossen, bei diesem ganzen Käse einfach nicht mehr hinzuhören. Eine überaus schlechte Entscheidung … aber gut für diejenigen, die auf der bearishen Seite stehen.

Ob es der Konsum oder das Investment ist … sehr viele zögern, zu reagieren, weil sie die langsame Verschlechterung der Lage einfach nicht wahrnehmen. Und wenn selbst Unternehmen in vielen Bereichen vom Aufschwung träumen, während um sie herum Rezession herrscht, wer kann es ihnen verdenken? Das dumme ist nur, dass der Verfallsprozess so nicht gestoppt wird. Er läuft nur langsamer ab. Das erinnert mich an die Probleme der Raucher. Würde man von eben auf gleich in einen Zustand versetzt, den man nach 40 Jahren starken Rauchens erreicht, man würde kein Problem haben, vor lauter blanker Angst sofort aufzuhören. Aber der Verfallsprozess des Körpers geht schleichend vonstatten. Man gewöhnt sich an diesen Zustand und verspürt keine Not, aufzuhören. Genauso lebt die Mehrheit der Menschen weiter, sorgt sich ein wenig, aber nicht genug, um Vorkehrungen zu treffen und lässt sein Geld in den Fonds. So lange die Verluste noch moderat sind, meine Güte, warum sollte man da gleich in operative Hektik verfallen?

Und so verlässt nur einer nach dem anderen, still und leise, die Börse durch den Notausgang. So, dass es kaum auffällt. So, dass es keine Schlagzeilen in den Massenmedien wert ist. Und so, dass dem Markt keineswegs in Kürze die Verkäufer ausgehen werden. Zumal: Für schlechte Nachrichten wird auch in den kommenden Wochen und Monaten gesorgt sein. Sie können dafür sorgen, dass die Kurse weiter sanft, immer mal wieder von Gegenbewegungen unterbrochen, vor sich hin rutschen. Eine nennenswerte Gegenbewegung könnte … muss aber keineswegs … entstehen, wenn der kleine Verfalltermin am Freitag über die Bühne ist. Falls dieser zusätzlichen Druck in nennenswerter Größenordnung auf die Kurse ausgeübt haben sollte, was aber nie sicher im Voraus festzustellen ist.

Aber eine echte Trendwende nach oben sehe ich erst dann … und dann aber zackig … wenn Politik und Notenbanken jetzt sofort kapieren, dass der eingeschlagene Sparkurse nicht funktionieren kann und entsprechend handeln würden. Euro-Kernzone, Schuldenschnitt für die schwachen Länder, Abwertung der wieder eingeführten alten Währungen, Konjunkturprogramme mit Verstand auf Kosten neuer Schulden, die dann abgetragen werden, wenn die Lage stabil ist. Würde das strukturiert und entschlossen vonstatten gehen, man würde es positiv aufnehmen – und die Börsen würden durch die Decke gehen. Auch, wenn klar ist, dass das Fallbeil dann eben erst fünf oder zehn Jahre später, aber trotzdem unweigerlich, auf das Finanzsystem niedergehen würde.

Aber wer zwei Jahre braucht, um logische Zusammenhänge zu verstehen und somit zu realisieren, auf dem Holzweg zu sein, der versucht nun einmal auch, den unumgänglichen Prozess, Geld in die Hand zu nehmen und es bei den Menschen ankommen zu lassen, um Wachstum zu ermöglichen, so langsam und unauffällig einzuschlagen, dass (so hofft man) keiner den Kurswechsel von dumm zu weniger dumm bemerkt. Was aber dazu führt, dass die Basis, um durch einen solchen Kurswechsel nicht einen erneuten Vertrauensverlust zu erleiden, nicht vorhanden ist. Schnell, klar und entschlossen müsste gehandelt werden. Das herumlavieren jedoch, das wir momentan sehen, erkennen genug Anleger als Hilflosigkeit, um auch dann den Börsen fernzubleiben, wenn man in ein paar Monaten, wenn die Lage noch schlimmer geworden ist, mit Konjunkturprogrammen daherkommt.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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3 Kommentare auf "Das Bärenparadies: leise, sanft, aber stetig"

  1. crunchy sagt:

    Na, mit dem Knistern in der Eisdecke ist das so eine Sache: Die Kurse der Banken sind schon eingebrochen.
    Aber, wenn´s knistert, ist es normal, dass es auch bricht. Man gewöhnt sich daran. Dumm nur, dass sich niemand an die seinerzeitigen japanischen Verhältnisse erinnert: Auch da gingen die Banken voran.
    „Ein bisschen De-flation muss sein!“ Dann sind wir halt alle ein bisschen Blanco.

  2. […] Ronald Gehrt: Das Bärenparadies: leise, sanft, aber stetig […]

  3. mfabian sagt:

    Kleinaktionäre sind also – zusammengefasst – wie Frösche im langsam erhitzten Wasser: Keiner springt raus.

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