Darum soll das Bargeld weg

23. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Idee, das Bargeld abzuschaffen, beruht entweder auf einem „Denkfehler“, oder sie entspringt einer Allmacht-Staatsfantasie. Führende amerikanische Ökonomen plädieren seit geraumer Zeit für die Abschaffung des Bargeldes…

Zum einen, so wird argumentiert, um Steuerhinterziehung und Schwarzmarkt-Aktivitäten das Wasser abzugraben. Zum anderen, und das ist der eigentliche Grund, um der Politik der Negativzinsen zur „vollen Wirksamkeit“ zu verhelfen. Wenn die Zentralbank die Einlagenzinsen in den negativen Bereich drückt, werden Bankeinlagen entwertet.

Die Bankkunden können sich dieser Repressalie jedoch entziehen, wenn sie sich – was derzeit noch möglich ist – ihre Sichtguthaben in Bargeld auszahlen lassen und das Geld mit nach Hause nehmen und in den Tresor stecken. Dieser „Fluchtweg“ wäre natürlich versperrt, wenn das Bargeld abgeschafft wird. Zwar kann der eine oder andere sich seiner Bankguthaben entledigen, indem er zum Beispiel Aktien oder Häuser kauft.

Aber das Bankguthaben landet dann eben bei denjenigen, die Aktien oder Häuser verkauft haben. Das Geld bleibt im „System“ und kann durch die Negativzinspolitik entwertet werden, wenn es kein Bargeld mehr gibt.

Warum das Ganze?

Die offiziell verkündete Idee ist, dass der „richtige“ (das heißt der „gleichgewichtige“) Zins nunmehr negativ sei. Die Zentralbank müsse fortan einen Negativzins setzen, um Wachstum und Beschäftigung zu fördern. Das aber sei eben nur möglich, wenn das Bargeld abgeschafft wird – aus den oben genannten Gründen. Bei genauer und kritischer Betrachtung kann diese Argumentation aber nicht überzeugen.

Es ist schlichtweg Unfug zu behaupten, der gleichgewichtige Zins einer Volkswirtschaft könne – aus welchen Gründen auch immer – negativ sein oder werden. Der gleichgewichtige (Real-)Zins ist immer und überall positiv.

Handelt es sich bei der Forderung nach Abschaffung des Bargeldes schlichtweg um einen „Denkfehler“? Das ist möglich. Aber die Befürworter der Bargeldabschaffung sind schlaue Leute, und daher mag es eine andere Erklärung geben. Die Schuldenlasten von Staaten und vor allem auch von vielen Banken sind mittlerweile erdrückend hoch, so dass an eine aufrichtige Begleichung der Schulden nicht mehr zu denken ist.

Ließe sich ein Negativzins durchsetzen, so würde das helfen, die Schuldenlasten zu senken. Beispielsweise würden Negativzinsen dafür sorgen, dass die Bankeinlagen (die ja Schulden der Banken sind) „wegschrumpfen“. Könnte man gar noch Kreditgeber dazu bewegen, Kredite mit negativen Zinsen zu vergeben, so wäre auch das eine Erleichterung für die Schuldner: Eine Verschuldung zu derartigen Konditionen würde sie entschulden. Aber niemand, der bei Sinnen ist, würde noch bei Negativzinsen sparen. Wenn man keinen Zins mehr verdienen kann, hört auch das Investieren auf. Es kommt zum Kapitalverzehr, der die künftigen Einkommen schwinden lässt.

Der Leser ahnt es bereits: Ein Negativzins steht für eine verkehrte, für eine irrsinnige Welt. Er ist mit einer arbeitsteiligen, produktiven Wirtschaft ganz und gar unvereinbar. Die Marktwirtschaft – die für eine friedvolle und produktive Kooperation der Menschen sorgt – ist auf Sparen und Investieren angewiesen, und ohne einen positiven Zins wird nicht gespart und investiert.

Die Befürworter der Negativzinspolitik (zu deren Durchsetzung das Bargeld abzuschaffen ist) sind offensichtlich bereit, die Marktwirtschaft einzuschränken oder gar zu opfern (zumindest für eine gewisse Zeit). Dazu passt eine weitere Konsequenz, die das Abschaffen des Bargeldes hätte. Dazu muss man wissen, dass das Bargeld dazu beiträgt, den Staat im Zaume zu halten, seinem unbändigen Drang zur Expansion Schranken zu setzen. Denn wenn der Staat zu aggressiv vorgeht – etwa in Form von Steuererhebungen –, haben die Bürger mit Bargeldzahlungen die Möglichkeiten, sich seinen Drangsalierungen wirkungsvoll zu entziehen.

Ohne Bargeld ist das nicht mehr möglich, und dann fällt wohl die letzte Zurückhaltung des Staates. Er kann ungehemmt dazu übergehen, Steuern zu erhöhen und die Kontobewegungen der Bürger zu überwachen. Es ist dann nur noch ein ganz kleiner Schritt, bis der Staat entscheiden kann, wer was kaufen und wer wohin reisen darf. Dass man dabei unweigerlich an George Orwells „Big Brother“-Dystopie denkt, kommt nicht von ungefähr.

Bei all dem geht es nicht darum, das Bargeld gegen Innovationen im Zahlungsverkehr zu schützen. Das Problem ist vielmehr das Folgende: Der Staat hat sich zum Monopolisten der Geldproduktion aufgeschwungen. Wenn nun aber der Staat das Verwenden von Bargeld per Zwang untersagt, haben die Geldbenutzer keinerlei Möglichkeit, dass ihr Wunsch nach Bargeld von anderen Geldanbietern erfüllt wird. Sie sind dem Staat hilflos ausgeliefert. Ohne Bargeld wäre die finanzielle Privatsphäre der Bürger vollends dahin – weil der Staat die Banken veranlassen würde, in seinem und nicht im Interesse der Bankkunden zu handeln.

Was auch immer die Gründe sind, das Bargeld abschaffen zu wollen, ob es ein „Denkfehler“ ist oder einer Allmacht-Staatsfantasie entspringt: Ein solches Vorhaben in die Tat umgesetzt, verspricht nichts Gutes. Es ist denkbar, dass bald immer mehr Regierungen (wie bereits hier und da geschehen) die Barzahlungen begrenzen werden. Kleinteilige Zahlungen auf dem Wochenmarkt und im Restaurant bleiben weiterhin möglich.

Größere Barabhebungen hingegen werden begrenzt – etwa indem Banknoten mit großen Beträgen aus dem Verkehr gezogen werden und durch Banknoten mit kleineren Beträgen ersetzt werden. Werden die Maßnahmen, die eine Bargeldverwendung entmutigen sollen, in kleinen Dosen nach und nach auf den Weg gebracht, dürfte es den Bürgern schwer fallen, einer solchen Entwicklung wirksam entgegenzutreten.



Griechenland: Was passiert, wenn…?

Wenngleich auch die Unsicherheit groß ist, so erscheint es doch wahrscheinlich, dass Griechenland im Euroraum verbleiben wird.

Mit Blick auf die griechische Staatsschuldenkrise sind vor allem zwei Szenarien relevant: (1) Griechenland erhält neue Kredite und (2) Griechenland erklärt den Bankrott – und verbleibt im Euroraum. Ad (1): Erhält Griechenland neue Kredite (gegen Reformversprechungen), so dürfte das nur ein Aufschub des Unausweichlichen sein. Denn früher oder später wird zutage treten, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann (und wohl auch nicht will). Um aber den Bankrott nicht offenkundig werden zu lassen, müsste Griechenland dauerhaft mit immer neuen Krediten subventioniert werden. Ad (2): Wenn Griechenland seine Zahlungen an die Gläubiger einstellt, ist der Staatsbankrott da. Die griechische Haushaltslage verbessert sich dadurch jedoch, weil keine Zins- und Tilgungszahlungen auf die Schulden mehr zu leisten sind. Dem Land wäre (zumindest vorübergehend) der Zugang zu neuen Krediten versperrt. Der griechische Staat müsste seine Ausgaben allein aus den laufenden Steuereinnahmen bestreiten. Käme es zu Ausgabenkürzungen, würde vermutlich eine weitere Anpassungsrezession ausgelöst.

Bei einer Zahlungseinstellung erhalten die Gläubiger ihr Geld nicht mehr zurück. Die Kredite, die die deutsche Bundesregierung an Griechenland vergeben hat, wären verloren, und die Steuerzahler hätten die Verluste zu tragen. Tritt Griechenland aus dem Euroraum aus (was aus unserer Sicht unwahrscheinlich ist), wären zudem auch die Target-2-Salden in Höhe von mehr als 90 Mrd. Euro verloren. Wenn jedoch politisch gewollt ist, dass Griechenland im Euroraum verbleibt (was wir für wahrscheinlich(er) halten), wird die Europäische Zentralbank (EZB) neues Geld schaffen müssen. Denn soweit die griechischen Banken noch griechische Staatsanleihen halten, laufen hohe Verluste auf, und der Abzug von Kundeneinlagen würde vermutlich stark zunehmen. Um einen Bankzusammenbruch – und vor allem auch „Ansteckungsgefahren“ in den anderen Euro-Ländern – zu verhindern, müsste die EZB die griechischen Banken mit Blanko-Krediten über Wasser halten – oder die griechischen Banken müssen geschlossen und die Kundeneinlagen und –forderungen herabgesetzt werden (wie es bereits im Falle Zyperns praktiziert wurde). Diejenigen, die ihr Geld noch bei der Bank halten, würden Verluste erleiden.

Wenngleich die Unsicherheit über die weitere Entwicklung groß ist, so scheint es doch wahrscheinlicher, dass Griechenland im Euroraum verbleibt, als dass das Land austritt. Denn der Euro ist ein politisches Projekt, und über seine Teilnehmer und seinen Zusammenhalt wird politisch entschieden. Ökonomische Realitäten werden dabei, so lange und so gut es eben geht, der Politik untergeordnet. Daher könnte Griechenland im Euroraum verbleiben, ob es nun seine Zahlungen einstellt, oder dem Land seine Schulden (teil-)erlassen werden (etwa indem die Laufzeiten der ausstehenden Schulden verlängert und die Zinskonditionen vermindert werden). Griechenland wäre dann allerdings weiterhin auf Subventionen der übrigen Euro-Länder angewiesen – zu deren Finanzierung letztere dann vermutlich Schuldpapiere ausgeben, die von der EZB gekauft und mit neu geschaffenen Euro bezahlt werden. Der Euro-Außenwert würde wohl weiter absinken, und es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis die Inflation in den Konsumentenpreisen sichtbar wird.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH


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