Dammbruch oder Kapitulation: Massiver Kurssturz bei Edelmetallen

23. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es dauerte ganze 40 Sekunden, danach war die Welt für Edelmetallanleger eine andere. Rund 60 USD/Feinunze stürzte der Goldpreis in der Nacht zum Montag im dünnen asiatischen Handel ab. Bereits am Freitag hatte sich der Preis der Feinunze gefährlich weit in den Unterstützungsbereich zwischen 1.130 USD und 1.140 USD gebohrt…

Auch bei den Edelmetallaktien verdüsterte sich die Situation praktisch täglich. Exemplarisch zeigt dies der Chart des Minengiganten Barrick Gold Corp. (Abb. 1, rot-grüner Balkenchart). Von Tag zu Tag beschleunigte sich der Abverkauf unter gigantischen Umsätzen.

2015-07-22_Barrick

Neben dem Chart von Barrick Gold ist in Abb. 1 zusätzlich der Verlauf des Goldpreises eingezeichnet (obere dunkelblaue Linie). Beide Kurse haben ihre bis dahin gültigen Unterstützungsniveaus nach unten durchbrochen. Sieht man genauer hin (Abb. 1, blaue vertikale Linie), dann zeigt sich, dass Barrick Gold bereits Tage vor dem Goldpreis nach unten ausbrach (gelbe Markierungen). In der aktuellen Abwärtsbewegung tritt der Vorlauf der Minenaktien also in besonders augenfälliger Weise zu Tage.

Woher dieser Vorlauf kommt, darüber kann man spekulieren. Eine Ursache für die stärkeren und oft auch schnelleren Bewegungen liegt im Hebel der Minenaktien auf die jeweiligen Rohstoffpreise. Wesentlicher Einflussfaktor ist hier nämlich die Differenz(!) zwischen Rohstoffpreis und Förderkosten – eine Größe, die deutlich stärkeren Schwankungen unterliegt als der Rohstoffpreis selbst. Der Vorlauf der Minen kann bei der Analyse der aktuellen Situation von Nutzen sein. Denn beide Charts sehen sich zwar ähnlich, weisen aber auch einige gravierende Unterschiede auf: Während es beim Gold eher nach einem frischen Ausbruch aus einer bis dahin etablierten Unterstützung aussieht, zeigt Barrick Gold bereits Anzeichen eines echten Sell-Offs.

Wie Oliver Groß vom Börsendienst „Der Rohstoff-Anleger“ auf Nachfrage von Jochen Staiger (Rohstoff-TV) ausführte, fiel der größte Goldproduzent der Welt damit auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren! Florian Grummes von Midas Touch Consulting hält an seinem, bereits seit zwei Jahren verkündetem Kursziel von 1.035 USD bis 980 USD/Feinunze weiter fest. Nach Grummes Einschätzung sehen wir gerade die Kapitulationsphase. Der „finale Ausverkauf“ sei nun im Gange.

Wann dieses Kursziel erreicht werde, lasse sich nicht bestimmen. Wir wagen die Prognose, dass sich der finale Boden zuerst bei den (großen) Minenunternehmen zeigen wird – begleitet von Skepsis, weil Gold und Silber selbst in dieser Phase noch nicht vergleichbar konstruktiv aussehen werden. Die komplette Talkrunde der drei Rohstoffspezialisten finden Sie übrigens auf Rohstoff-TV

Ominöse Bewegungen, ominöse Kursziele

In der Nacht zum Montag wurden im asiatischen Handel immerhin bereits Paniktiefs von 1.071 USD/Feinunze erreicht (vgl. Screenshot www.kitco.com, Tageslinien vom 16.7. – türkis, 17.7. – rot und 19.7. – grün).

2015-07-22_kitco

Der Spuk dauerte weniger als eine Minute (s.o.). Wie immer, war es der Futures-Markt, der die Preise nach unten trieb und Panik an den Edelmetallmärkten auslöste. Unmittelbar nach den Geschehnissen war von künstlichen Markteingriffen und Manipulation die Rede. Zumindest ist schwer vorstellbar, aus welchen Gründen ein „normaler“ Verkäufer in einem so konzentrierten Zeitfenster rund ein Viertel der weltweiten Jahresproduktion des gelben Metalls auf den Markt werfen sollte.

Interessewahrend sind solche Verkäufe jedenfalls nicht – jedenfalls, soweit das Interesse in einem vernünftigen Verkaufskurs besteht. Mit dem jüngsten Kurssturz kommt nun das ominöse Kursziel von Goldman Sachs in Höhe von 1.050 USD/Feinunze wieder in greifbare Nähe. Man darf gespannt sein, ob die Investmentbank ihren Ausblick nun zeitnah anpassen wird.

Trend und Termine

Auch wenn manches am Goldmarkt nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint, sollte man einen kühlen Kopf bewahren – soweit das bei diesen Außentemperaturen überhaupt möglich ist. Aus der Vermutung, dass ein Markt manipuliert wird, lässt sich keine(!) unmittelbare Handlungsempfehlung ableiten. Zwar wird man Manipulation als unethisch und – weil gegen die Marktkräfte gerichtet – auch als wenig nachhaltig empfinden, man sollte aber den langen Atem und die tiefen Taschen möglicher Manipulateure nicht unterschätzen.

Der Hinweis auf Markteingriffe sollte daher nicht unmittelbar Handlungsauslöser sein, sondern eher als Hintergrundinformation angesehen werden. Der Umstand, dass beim großen Gegenspieler des Finanzsystems jetzt so massiv eingegriffen wurde, kann auch als Aussage über den Zustand dieses Systems verstanden werden. Auch wurde offenbar wieder äußerst geschickt vorgegangen, denn als die wichtigsten Unterstützungen durchschlagen waren, besorgten technisch orientierte Händler den Rest des Geschäfts. Der aktuelle Trend der Edelmetalle ist damit klar abwärts gerichtet.

Ob wir den Sell-Off bei den Minen bereits gesehen haben, lässt sich zum Redaktionsschluss nicht seriös sagen. In Abwärtstrends ist eine Abfolge mehrerer Panikwellen durchaus an der Tagesordnung, ohne dass man während des Geschehens bestimmen könnte, welche die finale war. So zeigt der NYSE Arca Gold Bugs Index (Abb. 3) aktuell zwar einen stark überverkauften Zustand – der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt (grüne untere Linie) befindet sich im negativen Rekordbereich –, eine Trendwende muss daraus aber nicht gleich werden.

2015-07-22_Gold-Bugs

Ähnlich überverkaufte Zustände hatten wir schon mehrfach (gelbe Markierungen) – die Folge waren aber jeweils nur Verschnaufpausen im Abwärtstrend. Von besonderem Interesse sind aber die nächsten Commitments-of-Traders-Reports (CoT-Reports) der US-Aufsichtsbehörde CFTC, die am Freitag veröffentlicht werden. Dann erhalten wir Aufschluss, wie die marktbestimmenden Teilnehmer ihre Positionen vor dem Hintergrund des Kurssturzes verändert haben.

Fazit

Ein Trend ist ein Trend ist ein Trend. Bei Gold, Silber und Co. weist dieser nach den jüngsten Durchbrüchen nun wieder nach unten. Idealerweise nach dem finalen Sell-Off bzw. mit dem bestätigten Ende des laufenden Abwärtstrends dürften sich hier allerdings in Zukunft interessante langfristige Einstiegschancen auftun. Bis dahin sollte man die Füße tendenziell still halten und sich die Wartezeit mit dem neuen Smart Investor 8/2015 vertreiben, der zum Wochenende erscheint.

Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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