Dabeisein ist alles: Kursziel 1 Million

5. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Gewagte Prognosen sind nicht Warren Buffetts Sache. Dies überlässt das „Orakel von Omaha“ traditionell der großen Zahl an selbsternannten Börsengurus. Vieles davon hält Buffett ohnehin für Kaffeesatzleserei. Bei der 100 Jahr-Feier des US-Wirtschaftsmagazins Forbes in der letzten Woche überrascht der aktuell zweitreichste Mann der Welt dagegen mit einer auf den ersten Blick durchaus sportlichen Prognose:

Der Dow Jones würde in 100 Jahren bei mindestens einer Million Punkten stehen.

Zur Erinnerung: Der Index, der 30 amerikanische Standardwerte umfasst, notiert zuletzt bei 22.640 Punkten. Sollte Buffett Recht behalten, müsste sich der Dow Jones damit bis zum Jahr 2117 fast verfünfzigfachen. Reichlich unrealistisch, oder?

Typisch Buffett ist diese Aussage, in Wahrheit jedoch eher als konservativ anzusehen. Dafür reicht ein Blick zurück in die Geschichte. So stand der Dow Jones vor exakt 100 Jahren bei sage und schreibe 81 Punkten. Seitdem konnte der Index um den Faktor 280 zulegen. Anleger, die kontinuierlich dabei blieben, konnten trotz zwei Weltkriegen, einer Weltwirtschaftskrise, sowie mehrerer ernsthafter Rezessionen eine jährliche Rendite von 5,8% p.a. erzielen. Für sich alleine betrachtet klingt dies nicht gerade nach einer Traumrendite. Der Schlüssel liegt im Zinseszinseffekt, den Buffett wie kein anderer liebt und schätzt. Aus sehr bescheidenen Renditen ergeben sich damit am Ende stattlich Summen, wenn das verdiente Vermögen reinvestiert wird.

Zinseszins macht den Unterschied

Sollte der Dow im Jahr 2117 bei 1 Mio. Punkten stehen, hätten Anleger „lediglich“ eine jährliche Rendite von rund 3,8% p.a. erzielt. Noch immer gut, aber weit von dem entfernt, was traditionell am Aktienmarkt erwartet wird. Sollte der US-Aktienmarkt in den nächsten hundert Jahren in etwa an die Entwicklung der Vergangenheit anknüpfen können, müsste er im Jahr 2117 bei 6,35 Mio. Punkten stehen (Jahresrendite von 5,8%). Für Buffett ist daher vor allem klar: Das größte Risiko ist, nicht dabei zu sein.

Er untermauert dies bei seiner Rede letzte Woche noch mit einem zweiten Bonmot: Auf der aktuellen Forbes-Liste der 400 reichsten Menschen der USA hätte er jede Menge Unternehmer gefunden, die mit höchst unterschiedlichen Investments ihr Geld verdient haben. Einen Leerverkäufer gebe es dagegen nicht auf der Liste.

Was können Anleger also von Buffett und dessen Aussagen lernen? Langfristdenken lohnt sich, soviel ist schon einmal klar. Zu den Gewinnern dürfte vor allem jene zählen, die den Zinseszins-Effekt verstehen und zu nutzen wissen. Denn selbst bei rund 1/3 niedrigeren Aktienmarkt-Renditen (wie in Buffetts Millionen-Prognose) werden Anleger in den nächsten 100 Jahren großzügig honoriert werden, wenn sie nur einen genügend langen Atem beweisen.

Zwar können wir in unserem Chart-Programm leider nicht bis ins Jahr 1917 zurückgehen, immerhin aber bis zum Anfang der 60er Jahre. Wir haben uns daher den Spass erlaubt und Buffetts Millionen-Prognose in einem logarithmischen Chart eingezeichnet.

Die zukünftige Steigerung fällt dabei deutlich weniger steil aus, als die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Angesichts der relativ niedrigen jährlichen Rendite von 3,8% (siehe oben) darf dies kaum verwundern. Nun wird der Index in der Realität alles andere als geradlinig verlaufen. Größere Schwankungen, ernsthafte Krisen und der ein oder andere Crash werden wohl dazwischen kommen. Doch die Chancen stehen nicht schlecht, dass Buffett am Ende Recht behält.

Was ist eigentlich Euphorie?

Da nun geklärt wäre, dass Warren Buffets Prognose keineswegs übermäßig positiv oder euphorisch ist, kann man sich vielleicht noch die Frage stellen, warum er sich jetzt mit einem solch plakativen Satz an die Öffentlichkeit begibt. Natürlich weiß er, dass sein „One Million Dollar“-Kursziel breiten Widerhall in den Medien finden wird. Die tatsächlich sehr konservative Zahl wäre selbst dann noch ohne weiteres erreichbar, wenn es jetzt erst einmal einen zünftigen Aktien-Crash gäbe. Denn eine gewisse Sorglosigkeit ist unter den Marktteilnehmern derzeit schon zu beobachten:

Der aus sieben Teilindikatoren bestehende „Fear & Greed Index“ (Angst & Gier) von CNNMoney bewegt sich beispielsweise aktuell im Bereich „Extreme Greed“ (extreme Gier). Vor einem Jahr stand er noch bei „Fear“ (Angst) und vor einem Monat auf „Neutral“. Auch das aktuelle Citi-Investmentbarometer zeigt Optimismus für Aktien, Öl und Gold. Solche Sentiment-Zahlen sind zwar regelmäßig nicht unmittelbar bewegungsauslösend, im Hinterkopf behalten sollte man sie aber schon, denn sie lassen erahnen, aus welcher Richtung die nächste Überraschung kommen wird.

Katalanischer Katalysator

Verstörende Bilder erreichten uns dieser Tage aus Katalonien. Dort wurde über die Unabhängigkeit der Region abgestimmt, was das spanische Verfassungsgericht allerdings bereits im Vorfeld für illegal erklärt hatte. Dann prallten die Fronten hart aufeinander und den Fernsehzuschauern wurden einige höchst unerfreuliche Bilder frei Haus geliefert: Prügelnde Polizisten der Zentralregierung, blutende Bürger der Region, etc.

Der zunehmend aufgeheizte Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern einer Unabhängigkeit Kataloniens, der nicht nur mit Knüppeln, sondern vor allem mit Paragraphen und viel Pathos geführt wird, zeigt im Wesentlichen, wie man nicht (!) zu einer einvernehmlichen Lösung kommt. Das haben die Schotten und die Briten bislang schon besser gelöst.

Die Häufung solcher Unabhängigkeitsbegehren deutet aber auf einen regelrechten Trend hin. Und genau diesen Dammbruch fürchten die Zentralen, sei es in Brüssel, London oder Madrid. Da geht es nicht nur um das Territorium, sondern vor allem auch um handfeste wirtschaftliche Interessen: Es sind die Wohlstandinseln und -regionen, die es lieber alleine versuchen wollen.

Es ist nachvollziehbar, dass die Leistungsträger der auf Dauer angelegten „solidarischen“ Umverteilung ihrer Früchte wenig abgewinnen können. Für die Zentralen ist dagegen diese Umverteilung, also die Herstellung einheitlicher Lebensverhältnisse, ein wesentlicher Teil ihrer Existenzberechtigung. Dass dies nicht einmal in Hochsteuerstaaten auch nur ansatzweise funktioniert, sagt viel über das Konzept an sich aus. Genau das aber wird angesichts des katalanischen Katalysators nun auch anderenorts immer augenfälliger.

In ganz Europa gibt es mindestens ein Dutzend Regionen, die es lieber ohne ihre jeweiligen Zentralen versuchen würden. Das Spannende darin ist, dass die Wirtschaftsmotoren ohne zentrale Lenkung und harzige Umverteilungsmaschinen wohl geradezu schnurren dürften und so insgesamt wesentlich mehr Wohlstand erwirtschaftet werden könnte.

Fazit

Spektakulär aber tatsächlich nicht euphorisch ist die Langfristprognose von Warren Buffett. Bei den einzelnen Marktteilnehmern ist dagegen derzeit größerer Optimismus zu verzeichnen.
© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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2 Kommentare auf "Dabeisein ist alles: Kursziel 1 Million"

  1. Skyjumper sagt:

    Der Fall Katalanien zeigt, dass die ach so hehren Werte für die wir angeblich in der EU stehen nur nach aussen hin hui, und innen dagegen pfui sind.
    Freiheitlich-demokratisches Selbstbestimmungsrecht? Totale Fehlanzeige!
    Nicht nur im „fernen“ Irak, eventuell in der östlichen Ukraine, nein auch im Kern Europas ist die Reaktion der betroffenen Staaten vorhersehbar die gleiche. Wehe die Sklaven wollen entfliehen, dann setzt es die Peitsche bis wieder brav im Gleichschritt marschiert wird.

    Der Hinweis darauf dass es angeblich immer die Leistungsträger sind die sich lossagen wollen sticht m.E.n. dabei nicht. Im Fall der Katalonen trifft das tendenziell zu. Auch im Fall der Unabhängigkeitstendenzen in Norditalien. Aber bei den Kurden? Oder den Basken? Auch Schottland ist nicht unbedingt der Teil Grossbritanniens in dem die goldenen Löffel wachsen (trotz des Öl’s).
    Nein in Wirklichkeit geht es den beiden (eigentlich drei) widerstreitenden Parteien um etwas höchst unterschiedliches. Gerade das macht diese Konflikte ja so Spannungsgeladen und unvorhersehbar. Der Zentralmacht geht es darum sich die Umverteilungsmittel zu erhalten, der Führung der Separatisten geht es im Kern oft genug darum eben jene Mittel selbst zu verteilen. Aber den Separatisten selbst, der Masse die auf die Strasse geht, denen geht es selten um hauptsächlich das Finanzielle. Das macht sie so unberechenbar.

    Auf jeden Fall sind die Bilder aus Katalanien aber wieder ein schönes Beispiel dafür, welche Art von Frieden der Euro und die EU sichern.

  2. DonSarkasmo sagt:

    Nun, ich bin 64 Jahre alt. Und ich bin Anleger. Na gut. Ich bin absolut begeistert von Warren Buffets Aussage, dass ich in den nächsten 100 Jahren großzügig honoriert werde, wenn ich nur einen genügend langen Atem beweise. Das soll er mal am besten dem lieben Gott sagen. Wenn ich sein und mein Alter bedenke. Ob der Gute von einem anderen Planeten stammt ? Auf dem man so an die 600 bis 800 Jahre alt wird ? An langfristigem Denken mangelt es ihm jedenfalls nicht. Ich fürchte, die Biologie wird ihm (und mir) die rote Zunge zeigen. Mitnehmen werden wir beide nichts. Für die Kinder, die in 40 Jahren geboren werden, sind das allerdings exzellente Aussichten ……

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