Crash-Faktor“ Zins

28. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

Schuldenquote und Zins

Es gibt eine einfache Formel, mit der sich der Zusammenhang zwischen Zins, Wachstum und Verschuldungsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft darstellen lässt. Die Schuldenquote (also Schulden dividiert durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP)), sq, erklärt sich wie folgt:

wobei pd = Primärdefizitquote (d. h. laufende Ausgaben minus Einnahmen ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen, und dieser Betrag wird geteilt durch das BIP), i = Zins, g = Wirtschaftswachstum und t steht für das betreffende Jahr.

Man erkennt: Wenn der Zins höher als das Wachstum ist (wenn also gilt: i > g), dann steigt die Schuldenquote im Zeitablauf an (soweit alle anderen Größen unverändert bleiben). Genau dieser Effekt wurde von den Geldpolitiken in den letzten Jahren „bekämpft“: Die Zentralbanken haben den Nominalzins unter die Wachstumsrate der Volkswirtschaften gedrückt (es gilt derzeit: i < g), und dadurch wurde der Anstieg der Schuldenquote gebremst (in vielen Ländern jedoch nicht reduziert, weil die Neuverschuldung gestiegen ist). Würde der Zins steigen, so würde der Druck auf die Haushalte zu sparen zunehmen, beziehungsweise, wenn der Druck erfolglos bleibt, würde die Schuldenquote (rasch) wieder ansteigen. Damit wird deutlich, wie attraktiv für Regierungen die Politik der niedrigen Zinsen ist, um die Politik des Verschuldens möglichst lange fortzuführen.

Ein dauerhaft extrem niedriger Zins verursacht Probleme eigener Art. Der Bankensektor gerät in Ertrags- und Gewinnnöte. Zudem gibt es Protest in der Bevölkerung breit angesichts „unnatürlich“ niedriger Zinsen und der Politiken, die sie herbeiführen (wie zum Beispiel die Anleihekäufe der Zentralbanken). Vor allem aber müssen die Zentralbanken die Zinssteigerungserwartungen wach halten. Denn sollte sich die Erwartung durchsetzen, dass der Zins dauerhaft null (oder in realer Rechnung negativ) sein wird, kehren die Anleger den Kreditmärkten den Rücken, und das Schuldgeldsystem kommt ins Schlingern.

Wenn die Anleger jedoch erwarten (können), dass die Zinsen früher oder später wieder steigen, bleiben viele von ihnen im Kreditmarkt investiert, überdauern auch eine (als vorrübergehend eingestufte) Phase extrem niedriger Zinsen. Um die Zinssteigerungen wach zu halten, bedarf es allerdings nicht nur der Worte, sondern es verlangt hier und da auch Taten. Die Politik der Zinsanhebungen wird daher, wenn überhaupt, nur sehr langsam vollzogen, und sie dürfte auch in ihrem Ausmaß begrenzt bleiben – eine Rückkehr zu normalen Zinsen, wie sie vor Ausbruch der Krise 2008/2009 beobachtbar waren, ist aus unserer Sicht unwahrscheinlich.

EURO-AUßENWERT UNTER DRUCK

Während die US-Zentralbank ihre Leitzinsen bereits mehrfach angehoben hat, haben die EZB und die Bank von Japan die Kreditkosten noch nicht geändert. Ein Blick auf die Wechselkursentwicklungen ist daher lohnend. Seit Anfang 2011 ist der Zinsvorteil für Anlagen in US-Dollar (gemessen anhand der Renditen für 2- jährige Staatsschuldpapiere) mehr oder stetig gestiegen. Wie im Lehrbuch hat der Außenwert des Greenback dabei zugelegt: Höhere US-Zinsen locken Anlagegeld in den US-Dollar, und der US-Dollar-Außenwert steigt. Zwar ist nicht nur der Zinsunterschied von Bedeutung für den Wechselkurs. Jedoch spielt er eine wichtige Rolle.

Umso auffälliger ist die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, die seit Anfang 2017 zu beobachten ist: Der Euro ist von 1,05 gegenüber dem US-Dollar in der Spitze bis auf 1,20 gestiegen. Allerdings hat sich in dieser Phase der Zinsunterschied zugunsten von US-Dollar-Anlagen nicht verkleinert – was eine Euro- Aufwertung unterstützen würde –, sondern das Gegenteil ist geschehen: Der Zinsvorteil für US-Dollar-Anlagen hat sich weiter erhöht. Was mag der Grund sein? Es könnte sein, dass die Investorenschaft zunehmende Sorgen verspürt mit Blick auf die US-Wirtschafts- und –Außenpolitik. Der US-Dollar wird gemieden, trotz des Zinsvorteils gegenüber anderen Währungen.

Um dem „angemessenen Wechselkurs“ auf die Spur zu kommen, kann man auf etwas aufwendigere Schätzverfahren zurückgreifen. Beispielsweise scheint auf Basis unseres Schätzmodells (mit der gebotenen Vorsicht interpretiert) der aktuelle Kurs EURUSD von 1,18 überbewertet zu sein: Die Faktoren, die aus unserer Sicht den Euro- US-Dollar-Wechselkurs langfristig erklären, legen vielmehr nahe, dass der angemessene Wechselkurs derzeit bei unter 1,10 liegen müsste (wenn man optimistisch bezüglich der Schätzunsicherheit ist; und dass der Wechselkurs sogar unter der Parität liegen müsste, wenn man bezüglich der Schätzunsicherheit pessimistisch ist (siehe Abb. 7)).

GOLDPREIS UND ZINS

Der Goldpreis steht bekanntlich in einer negativen Abhängigkeit zum Zins. Steigt der Zins, steigen die Kosten der Goldhaltung: Durch das Halten von Gold entgehen dem Anleger Zinserträge, die er alternativ durch den Erwerb von zum Beispiel kurzlaufenden Bankeinlagen oder Schuldpapieren erzielen könnte. (Angemerkt sei, dass die Zinsen zwar nicht den Trendverlauf des Goldpreises beeinflussen, wohl aber seine Schwankungen um seinen Trendverlauf). Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang natürlich die Realzinsen, verstanden als Nominalzinsen abzüglich der Inflation. Diesen Gedanken unterstreicht Abb.2.

Wie sich aus der obigen Graphik erkennen lässt, ist der US-amerikanische Kurzfristzins, mit kurzen Ausnahmen, seit etwa Ende 2002 mehr oder weniger im Negativbereich verblieben: Die Fed hat ihren Leitzins so weit abgesenkt, dass er nach Abzug der Teuerung negativ war – im Durchschnitt lag der kurzfristige Realzins bei knapp minus 0,7 Prozent pro Jahr. Das hat das Halten von Gold gegenüber herkömmlichen festverzinslichen Anlageprodukten (wie Bankeinlagen oder kurzlaufenden Schuldpapieren) attraktiv gemacht – und dem Goldpreis Auftrieb verliehen.

Zwar ist der Zins nicht der einzige Faktor, der den Verlauf des Goldpreises (langfristig) bestimmt. Unter den herrschenden Bedingungen dürfte er jedoch eine wichtige Rolle spielen. Es stellen sich daher Fragen: Werden die Zinsen steigen? Und, wenn ja, können die Zinsen, vor allem die Kurzfristzinsen, wieder positiv in realer Rechnung (d. h. nach Abzug der Inflation) werden?

Angesichts der weltweiten Verschuldung ist es unwahrscheinlich – so denken wir –, dass die Zinsen merklich ansteigen
werden, beziehungsweise dass sie, in realer Rechnung gemessen, wieder dauerhaft in positives Territorium zurückgeführt werden können.

DIE „WÄHRUNG GOLD“

Sollten die Zinsen weiter steigen, nimmt die Risikosituation in der internationalen Kredit- und Geldarchitektur aus den aufgeführten Gründen zu: Steigende Zinsen erfordern Anpassungen in Wirtschaft und Finanzmärkten, und das kann mit Verlusten von Produktion und Beschäftigung und Finanzmarktturbulenzen verbunden sein; so gesehen ist der Zins ein „Crash“-Faktor. Ob nun aber die Zinsen unverändert blieben oder steigen: Die „Währung Gold“ ist für langfristig orientierte Anleger in jedem Falle attraktiv. Zum einen kann die Kaufkraft des Goldes nicht durch die Geldpolitik entwertet werden. Zum anderen trägt das Gold kein Zahlungsausfallrisiko: Es kann nicht – anders als Bankeinlagen und Schuldpapiere – ausfallen und dem Anleger Verluste bescheren. Das sind gute Gründe, Gold als eine effektive Versicherung im Portfolio einzustufen.

Langfristig ist davon auszugehen, dass der Goldpreis der Ausweitung der (weltweiten) Geldmenge folgt. (Dieser Verbund zwischen Geldmenge und Goldpreis dürfte in Phasen von Null- oder Negativzinsen tendenziell eng(er) ausfallen.) Mittlerweile ist allerdings zwischen Geldmengenausweitung (die US-Geldmenge M2 dient hier als „Stellvertreter“) und Goldpreis eine deutliche „Lücke“ entstanden. Das deutet auf ein Wertsteigerungspotential des Goldes hin – das sich insbesondere dann materialisieren könnte, wenn sich zeigt, dass die Volkswirtschaften der Welt nicht mehr mit einem höheren Zins zurechtkommen, wenn ein höherer Zins zum „Crash-Faktor“ wird.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.