Computer sind immer noch doof!

27. Januar 2014 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Wer jetzt glaubt, ich würde mir selig selbst auf die Schulter klopfen, nachdem die Aktienmärkte plötzlich auf Tauchstation gehen und ich über Monate hinweg vor einem solchen Szenario gewarnt habe, hat die Motivation für meine regelmäßigen Kolumnen nicht erfasst…

Es geht mir vor allem darum, die deutlich unterrepräsentierten, gegensätzlichen Standpunkte zum Mainstream einzunehmen, ohne die eine vernünftige Meinungsbildung für Investoren meines Erachtens nun einmal nicht möglich ist. Und so gesehen werde ich den Teufel tun, jetzt mit irgendwelchen wilden Prognosen für massiv weiter einbrechende Kurse daher zu kommen. Nicht zuletzt deswegen, weil seriöse Berichterstattung und Analyse als erstes mal daraus besteht zu erkennen, dass an der Börse nichts sicher und kaum etwas vorhersagbar ist. Denn hier geht es meist um völlig unberechenbare Emotionen, eingehüllt in den fadenscheinigen Umhang angeblich rationaler Argumente.

Aber worum es mir in dieser Kolumne heute geht, ist das Verhalten einer immer weiter anwachsenden Gruppe von Akteuren, die keinerlei Emotionen unterliegen, nie auf die Toilette müssen und (wegen ersterem) nur zu gerne als finanzielle Heilsbringer angesehen werden. Was aber manchmal böse in die Hose gehen kann.

Denn die computergesteuerten Handelsprogramme übernehmen immer mehr, insbesondere bei den großen Adressen, das Denken und Handeln. Das hat den Vorteil, dass man einerseits deutlich schneller reagieren kann, weil ein Computer eine neue Situation schneller bewerten kann als ein menschliches Gehirn … und vor allem völlig emotionslos. Das hat zudem den Vorteil, dass diese Programme nach Überweisung einer kleinen sechs- oder siebenstelligen Schutzgebühr ohne jedes Gehalt und ohne Pausen brav ihren Dienst versehen. Das hat allerdings auf der anderen Seite den fatalen Nachteil, dass Computer auch heute noch (Gott sei dank) nicht imstande sind, ihre Aktivitäten gegen das Handeln aller anderen Marktteilnehmer abzuwägen. Und insbesondere dann, wenn die (noch) menschliche Gruppe vor allem durch Emotionen gesteuert wird, wie wir es in diesen Tagen sehen, wird das zu einem gefährlichen Nachteil für all diejenigen, die vor ihren schwarzen Kästchen stehen und darauf warten, dass die für sie Geld verdienen. In der Hinsicht sind Computer halt immer noch doof.

Es ist nun nicht so, dass ich ausgerechnet jetzt das Bedürfnis verspüre, mit bullishen Durchhalteparolen daher zu kommen. Natürlich waren die Aktienmärkte meines Erachtens viel zu weit gestiegen, weil sie sich von den tatsächlichen fundamentalen Rahmenbedingungen meilenweit entfernt haben unten nun die lebenswichtige Versorgung mit „billigem Geld“ sukzessive eingeschränkt werden dürfte. Da darf man übrigens gespannt sein, was die US-Notenbank an diesem Mittwoch von sich geben wird. Aber:

Meyers Money-Fest: Über den täglichen Wahn und Sinn an den Kapitalmärkten

Wenngleich ich durchaus der Ansicht bin, dass es alleine deswegen mittelfristig tendenziell abwärts gehen wird und muss, halte ich es für höchst gefährlich, sich von dem emotionalen Sog, den starke Kursbewegungen in beide Richtungen bei den Marktteilnehmern auslösen, zu sehr beeinflussen zu lassen. Insbesondere dann, wenn die Computer derartig die Regie übernehmen wie es am Donnerstag und Freitag der Fall war.

Was die nämlich nicht tun – weil sie es einfach nicht können – ist vorsichtig Abzuwägen, ob man nicht vielleicht gerade ein wenig übertreibt bzw. den Bogen überspannt.

Handelsprogramme gehen meistens so lange stur Long oder Short, bis die Dynamik der Kursbewegung erlahmt. Dabei werden die Positionen umso mehr ausgebaut, die intensiver das Momentum einer Bewegung ausfällt. Das führt zu extremen Kursschüben nach oben oder unten, wobei die zunehmende Dominanz dieser Handelsprogramme nicht selten jegliche Gegenreaktion verhindert, weil diejenigen, die zwischendrin auch mal ihre Gewinne sichern, einfach von der Masse der Käufe oder Verkäufe der Computer über den Haufen gerannt werden. Das Problem dabei ist folgendes:

In solchen Situationen werden aufgelaufene Gewinne auf dem Margin-Konto immer wieder neu investiert. Wenn man also beispielsweise, wie aktuell auf der Short-Seite, durch einen massiven Kurseinbruch eine fette Gutschrift bei der hinterlegten Sicherheit (Margin) erhält, erhöhen derartige Systeme nicht dadurch behutsam und vorsichtig ihr Sicherheitspolster, sondern stecken dieses Kapital oft umgehend in neue Positionen in die selbe Richtung. Das vergrößert zwar die Positionen, ohne dass man neues Geld nachschießen müsste. Aber dadurch, dass in den letzten Jahren insbesondere bei Hedge Funds ein knallharter Konkurrenzkampf entstand, versucht jeder so intensiv und hoch wie möglich investiert zu sein, um auch noch das letzte bisschen Performance gegenüber der Konkurrenz herauszukitzeln. Konsequenz:

In dem Augenblick, in dem es plötzlich doch zu einer Gegenbewegung kommt, können es sich solche über Handelsprogramme gesteuerte Portfolios nicht leisten, ihre Position einfach beizubehalten. Denn wo es wie in der aktuellen Situation ansonsten ein Sicherheitspolster von drei oder vier Prozent im Index gäbe, sind es in solchen Depots oft nur ein oder zwei Prozent… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Computer sind immer noch doof!"

  1. FDominicus sagt:

    „Was die nämlich nicht tun – weil sie es einfach nicht können – ist vorsichtig Abzuwägen, ob man nicht vielleicht gerade ein wenig übertreibt bzw. den Bogen überspannt.“

    Das stimmt nicht so ganz, es gibt schon Algorithemn für Abwägungen im bereich Neural Networks. Wenn man es denn wollte könnte man da schon eine Art „Jury“ einrichten.

    Insgesamt bin ich mir nicht so sicher ob wirklich die Emotionen der Menschen so gut zur Risikoabwägung taugen. In „Thinking fast and slow“ sind oft einfachste Algorithmen besser als alle Experten.

    Da mit der Rationalität insgesamt ist wohl auch nicht so weit her. In dem angeführten Buch gibt es sogar folgende empirische Erfahrungen. Je schlechter die Situation ist desto größere Risiken werden eingegangen. Vielleicht hat das bei der Börse auch viel mit „dem letzten Spiel“ zu tun. „Nur noch einmal, dann…. „

  2. Michael sagt:

    Im Moment bläst der Bulle ins eigene Horn und jagt seinen Schweif am Weg ins Tal. Katzenhaft nimmt sich das beinahe aus. Ob das gescheit ist wird sich weisen.

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