COMPLETE MADNESS!

20. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wo leben wir eigentlich? In Absurdien? In Irrland? In Beklopptistan? Was momentan gerade abläuft, können Sie dereinst Ihren Enkeln erzählen. Denn das ist einmalig, das ist wirklich mal was Neues, das ist Madness pur…

Alle sind dagegen, also lasst es uns angehen. Das ist natürlich nicht der Weg, um Griechenland wieder in die Spur zu bekommen. Aber es ist der Weg, sich wieder einmal um die harte Tour herumzudrücken, so dringend erforderlich sie auch ist.

Und so wird nun, nachdem man sich am Wochenende nach harten Verhandlungen darauf geeinigt hatte, grundsätzlich einverstanden zu sein, Verhandlungen zu beginnen, allmählich verhandelt. Nachdem diejenigen Parlamente, die das mussten, dem zugestimmt haben. Dabei wurde deutlich, dass man in Griechenland nicht nur a) seitens der Bevölkerung diese erneuten, diesmal so richtig selbstmörderischen Sparmaßnahmen nicht akzeptieren kann und will und dementprechend im Referendum mit nein gestimmt hat, sondern b) eigentlich auch die Mehrheit des Parlaments dagegen ist, sich aber hinter die Regierung stellt mit dem Argument, dass diese nicht mehr hatte herausholen können als eine (fast) totale Niederlage … und c) die Regierung eigentlich auch der Ansicht ist, dass dieser Weg der völlig falsche ist.

Sollte uns das ir-gend-wie zu denken geben? Nun ja, wenn man unterstellt, dass die Griechen angesichts des Scherbenhaufens, in dem sie jetzt sitzen, den „richtigen Weg“ offenbar nie gekannt haben, vielleicht nein. Aber!

Dummerweise ist die Gläubigerseite je ebenfalls mit einer verblüffenden Mehrheit der Ansicht, dass dieser Weg eines dritten Hilfsprogramms, das ja jahrelang als niemals nötig propagiert wurde, der größte Schwachsinn ist, den man als Lösung finden konnte. Alleine aus der sehr, sehr simplen Erkenntnis heraus, dass die Methode „viel hilft viel“ nicht funktioniert, wenn das Grundprinzip nicht passt. Schauen Sie sich doch mal an, was die verbissen betriebene Ausweitung der Staatsanleihekäufe der EZB und der Japaner jetzt oder der US-Notenbank zuvor gebracht hat! Eben. Noch strengere Sparmaßnahmen und noch höhere Kreditsummen bedingen nur, dass die vorher schon toxische Mischung nun noch giftiger wirkt. Das kann man schon mal kapieren, wenn man bei Verstand ist oder, besser, wirklich die Sache im Blick hat.

Einstein soll gesagt haben: Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das darf man unkommentiert lassen.

Die Umfragen unter der europäischen Bevölkerung zeigen, dass man a) nicht an den Erfolg dieses eingeschlagenen Weges (alles wie immer machen, nur intensiver) glaubt. Kommentare zeigen, dass sehr viele Euro-Politiker das ebenso bezweifeln, aber nun mitziehen, weil es halt beschlossen ist. Und externe Volkswirte schlagen ohnehin die Hände über dem Kopf zusammen. Aber wenn dann Statements kommen wie die von Dijsselbloem gestern, dass man nun gefälligst aufhören möge, über den „Grexit“ zu reden, „Deal“ sei „Deal“, wird klar: Man zieht jetzt durch, was man am Wochenende zusammengeschustert hat, von Übermüdung, Verunsicherung und der Angst vor den Wählern und vor allem der Reaktion der Börsen gejagt. Um nicht das Gesicht zu verlieren, wird Griechenland für die kommenden Monate auf einen Weg geschickt, der für das Land ebenso wie für die Eurozone alles noch schlimmer machen wird.

Nun könnten unbedarfte Beobachter einwenden, dass aber immerhin die Börsen doch begeistert seien. Nein, das sind sie nicht. Es ist genau dasselbe Phänomen: Nach außen hin Begeisterung, aber innerlich sehen die meisten Anleger, dass hier fleißig mit Zitronen gehandelt wird, deren Schale auch noch vergiftet ist. Dass DAX & Co. derartig durch die Decke gingen, lag an den typischen Mechanismen der Börse. Konkret zum einen daran, dass das Sichern von Short-Gewinnen im Futures-Markt Käufe auf der Long-Seite erforderlich macht und so Kaufdruck erzeugt. Und zum anderen der Umstand, dass dieser heutige Freitag ein Verfalltermin an den Terminbörsen ist und die Gegenbewegung nach oben, die ja mit Masse bereits vor diesem letzten Wochenende stattfand, dadurch intensiviert wurde.

Holt unser Gold heim: Der Kampf um das deutsche Staatsgold

Manch einer behauptet nun zur eigenen Rechtfertigung, dass bei den Verhandlungen X oder Y so sehr dominiert hätten, dass man keine Chance gehabt hätte, dagegen zu sein. Jaja, diesen Klassiker kennen wir aus der Geschichte zu Genüge. Und genauso liefen ja die Abstimmungen in den einzelnen Parlamenten ab. Vorher wütender Widerspruch … und dann doch brav mit „Ja“ stimmen. Und genau wegen dieses duckmäuserischen Verhaltens sitzt ja Griechenland und mit ihr die gesamte Eurozone in der Tinte. So wird jedes größere Problem in Grund und Boden geredet, um an Ende nicht die Lösung zu beschließen, die zielführend wäre, sondern die, bei der man für den unmittelbaren Moment am wenigsten Ärger bekommt.

Nun daherzukommen und zu behaupten, etwas anderes sei ja gar nicht möglich gewesen, ist dreist. Hatten die Entscheider nicht im Vorfeld dieses „Schicksalswochenendes“ getönt, man werde vor allem die Schuldentragfähigkeit Griechenlands berücksichtigen? Nun, das hat man offenbar nicht. Es ist völlig klar, dass die nun anstehenden Summen, die nun einmal bei diesem eingeschlagenen Weg fließen müssen, eben diese Schuldentragfähigkeit komplett übersteigen. Und daraufhin nun hinzugehen und einfach mal 50 unbelegte Milliarden für einen Treuhandfonds in den Raum zu stellen, um Teile des Landes zu verticken, damit Schulden abgetragen werden, die man nie eingehen dürfte – das ist, als würden Sie sich ein Haus mit null Eigenkapital kaufen und sofort anfangen, Dachstuhl und Garage zu verkaufen, um die Raten bezahlen zu können. Super Idee.

Natürlich hätte man das völlig anders lösen können. Wobei der Grexit eindeutig die zweitbeste Lösung gewesen wäre. Aber sie ebenso wie dieser nun verbrochene „Deal“ sind aus der Angst vor dem Zahlbürger, sprich uns, geboren. Weil man nicht die Courage hat einzugestehen, dass der bisherige Weg nicht der richtige war und Griechenland die Kredite so nicht wird abtragen können, hat man den Schuldenschnitt vehement abgelehnt. Das kann man dem Wähler nicht verkaufen – also ist diese Lösung gleich mal weg. Ob sie Sinn machen würde oder nicht, steht da nicht zur Debatte.

Klar, da kommen dann welche und sagen: Das Land hat vorher schon Schuldenschnitte bekommen und es hat nicht geholfen. Auch hier vielleicht ein Beispiel, das Sie verstehen, Politiker aber nicht: Das wäre, als würde man ihnen bei einer Grippe permanent mit einem Hammer auf den Kopf schlagen, zugleich Grippemedikamente verabreichen und behaupten, das Medikament wirke ja gar nicht, also weg damit. Mad-ness!

Die bisherigen Schuldenschnitte konnten nichts bringen, weil man zugleich den Weg der „Austerität“ ging: I have nothing to offer but blood, sweat and tears“. Das Land durch das Abwürgen des Konsums in die Rezession schicken und dann zu erwarten, dass die Staatseinnahmen steigen, nur, weil man ein kleines bisschen Schuldendienst weniger hat, ist einfach dumm. Wenn, muss der Schuldenschnitt gewaltig sein. Oder, weil man’s dem Wähler ja verkaufen muss, man stundet die Schulden bzgl. Rückzahlung erstmal auf zehn Jahre und setzt sie zinsfrei. Gleichzeitig lässt man die schlimmsten Narreteien weg und behält, was sinnvoll ist:

Meiner Ansicht nach z.B. weg mit der Mehrwertsteuererhöhung und der Erhöhung der Rentenbeiträge, dafür die Abschaffung der Frühverrentung beibehalten und gezielte Task Forces unter Einbeziehung der anderen Eurozone-Länder zur Eintreibung nie bezahlter Steuern, während zugleich Kapitalverkehrskontrollen gelten, die nicht den normalen Transfer der Unternehmen zum Betrieb ihres Geschäfts behindern, sondern verhindern, dass von Privatkonten nennenswerte Summen ins Ausland gelangen können, bevor der Fiskus an die Tür klopfen konnte.

Doch gerate letzterer Themenbereich ist so untergegangen, man könnte meinen, dass die Entscheider ihn gemieden haben. Ein Thema, das für alle Beteiligten Bürger indes das Gefühl vermitteln könnte, nun würde gerecht gehandelt. Seltsam … oder doch nicht? Die Angst vor dem, was der Wähler vielleicht denken könnte und dem, was die Lobby vielleicht tun könnte, dominiert die Entscheidungen. Und so wird nun durchgezogen, was die große Mehrheit in allen Ebenen für fatal und falsch hält. Adieu, Eurozone, das ist die erste Strophe deines Grabgesangs. Willkommen in Beklopptistan.

Ach ja, ganz nebenbei: Ist es nicht ulkig, dass sich kaum jemand darüber aufregt, dass die EZB monatlich 60 Milliarden in den Anleihemarkt pumpt und damit über den legalen Umweg des sogenannten Sekundärmarkts Staaten nach ihrer eigenen Auswahl mitfinanziert? In einem halben Jahr bläst man da heraus, was Griechenland an Schulden hat und in Jahrzehnten nicht wird zurückzahlen können. Juckt’s wen? Nö. Ist ja auch kein echtes Geld, weil einfach auf Knopfdruck „erschaffen“? Jein. In dem Moment, wo es in den Wirtschaftskreislauf kommt, wird es „echt“. Die EZB finanziert ihre Hoffnung auf (das trotzdem nicht wieder einsetzende) dringend nötige Wachstum (über den verbalen Umweg der Deflationsbekämpfung) mit Luftgeld, das die Wirtschaft finanziert. Und sollte es zu trotzdem noch deutlich steigenden Zinsen kommen als jetzt und das Geld wäre weg … naja, dann wäre es halt weg.

In Griechenland liegen die Anleihezinsen dramatisch hoch. Hier kauft die EZB nicht. Im Gegenteil, griechische Anleihen dienen nicht mal mehr als Sicherheiten, die anderer Eurozone-Länder schon. Diejenigen, die hier hemmungslos mit Luftgeld jonglieren, helfen mit, Griechenland zu erwürgen und eine Rückkehr zum Wachstum durch die Erschwerung des Kreditzugangs und mörderische Zinsen unmöglich zu machen und beschweren sich, wenn‘s um das Hilfspaket geht, über die mangelnde Bereitschaft der griechischen Regierung zu Zugeständnissen und Kooperation? Nein, das ist nicht seltsam. Das ist „complete madness“!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de



Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar