(C)ollateralschaden: Aus 1 mach 2 mach 3 mach 4. Das ist die Inflation durch Gier!

8. Oktober 2013 | Kategorie: RottMeyer, Zeitlos

Gastbeitrag eines Blog-Lesers

Hört man sich mal unter Menschen um, die nicht „Gottes Werk“ verrichten – also Nicht-Bankern –, dann merkt man schnell, das viele noch immer der romantischen Vorstellung anhängen, alles Geld würde im Schoß der Notenbanker geboren. Und eine Bank würde einfach die Spareinlagen ihrer Kunden weiterverleihen…

Also praktisch als reiner Kreditvermittler wahre Wunderwerke zur Stützung unserer Wirtschaft vollbringen. Wenn wir ehrlich sind, was in unserer Branche nicht allzu oft vorkommt, dann rennt auch eine unglaubliche Menge an Bankern herum, die dieses „güldene Schulwissen“ glauben und weiterverbreiten. Dies ist umso erstaunlicher, da man eigentlich annehmen könnte, dass die Ereignisse der letzten Jahre einige aufgeweckt und zu einem tieferen Einblick in unser Finanzsystem getrieben hätten. Weit gefehlt!

Einige (und zum Glück immer mehr) gehen aber gedanklich durchaus näher an die Realität und erkennen, dass alles Geld nur durch Kredit entsteht, der verzinst wird, ohne dass zugleich das Geld für die Zinszahlung entsteht. Eine perfekte Umverteilungsmaschine? Ja, klar, aber auch das ergibt nicht das ganze Bild. Notenbanken drucken elektronisch Geld, Banken noch viel mehr? Ja, auch das ist nicht unbekannt.

Dennoch ist all dies „old school“-Wissen. Vor vielen, vielen Jahren entstand ein System im System, dass mehr und mehr die Kontrolle übernahm, bis es selbst eine Grundlage für das gesamte System wurde. Oft wird es etwas umgangssprachlich als Schattenbankensystem bezeichnet, ohne dass man wirklich versteht, was denn hier passiert. Wer hier Schattenbanken genannt wird, sind sehr wohl die „normalen“ Banken, zusätzlich aber eben auch eine ganze Reihe von Nichtbanken, beispielsweise Hedgefonds. Doch ist der Name durchaus passend, denn im Halbdunkeln operiert dieses System sehr wohl. Schaut man hinter den Namen auf die Geschehnisse, dann kommt es einem eindeutig wie die dunkle Seite der Macht vor, wie Star Wars auf Drogen.

Geld entsteht aus dem Nichts (und verschwindet ins Nichts) nicht nur auf Ebene der Banken/Notenbanken, sondern ebenso auf Ebene der Schattenbanken. Dennoch wird immer wieder nahezu ausschließlich mit erstgenannter Ebene argumentiert und diese betrachtet, was ein vollkommen verzerrtes Bild ergibt. Der folgende (kleine!) Blick in dieses System im Schatten mag teils technisch, teils komplex, teils einfach zum Haare raufen sein – aber er ist durchaus substanziell, um Ereignisse wirklich tiefer zu verstehen.

Beobachten wir für einige Minuten also einen Vorgang, wie er so oder so ähnlich vielleicht in genau diesem Moment geschieht:

Der Manager von Mikado Invest, eines asiatischen Hedgefonds, möchte an der aktuell laufenden Zerstörung der japanischen Währung mitverdienen. Leider ist bereits alles Kapital investiert. Doch der Kredithebel wurde schließlich nicht erfunden, um ihn nicht zu benutzen! Also ab ans Telefon und den Broker, das renommierte Bankhaus Harakiri, angerufen. Ein Kredit zum Zocken ist natürlich kein Problem, doch hätte man gerne eine Sicherheit. Kein Thema, meint der Mikado-Manager, hat man sich doch vor langer Zeit ein paar kanadische Staatsanleihen angeschafft. Schon wandern die Anleihen von A nach B – und neu geschaffenes Kreditgeld von B nach A.

Im Handelsraum von Harakiri sorgt der Eingang einer solchen Rarität wie Staatsanleihen mit AAA-Rating (noch) nicht für neugierige Blicke. Vielmehr schaut man, wie man das neue Pfandgut zu Geld machen kann. Dieses wird man im Anschluss als Margin nutzen, um wie Mikado Invest gehebelt an den Märkten zu spekulieren. Daher ruft einer der Händler die Verwalter eines Pensionsfonds in den USA an und schwärmt von der Bonität Kanadas, die eindeutig noch nicht stark genug im Portfolio des Fonds gewichtet ist. Die Verwalter sind einverstanden. Schon wandern die Staatsanleihen von B nach C – und Cash von C nach B.

Die Freude über den Neuerwerb währt nur kurz, denn der Pensionsfonds ist bereits dabei, die aktuellen Auszahlungen an seine Kunden vorzubereiten. Um den Schein der ausreichenden Deckung des Pensionsvermögens zu wahren, muss das Geld natürlich fließen. Doch aufgrund der aktuell tiefen Kurse der Anleihen allgemein, will man lieber auf eine kleine Zwischenfinanzierung zurückgreifen. Also folgt der Anruf bei der Bank des Vertrauens, der Government Sucks Group. Die sind gerne bereit, einen Kredit zu gewähren und verlangen als Sicherheit hochwertige Anleihen. Schon wandern die kanadischen Staatsanleihen von C nach D – und der frische Kredit von D nach C.

Dieses Beispiel lässt sich zwar ähnlich fortsetzen, aber nicht endlos, da bei jeder Weitergabe des Pfandgutes – in diesem Fall eben die Staatsanleihen – ein Abschlag (Haircut) auf den Wert vorgenommen wird. Es soll Ketten geben, wo eine Anleihe ganze zehnmal genutzt wird… (Seite 2)

 

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6 Kommentare auf "(C)ollateralschaden: Aus 1 mach 2 mach 3 mach 4. Das ist die Inflation durch Gier!"

  1. Michael sagt:

    Ersteunlich. Interessant. Danke. Mal was Neues.

  2. stonefights sagt:

    Vielen Dank für die Arbeit.
    Bei den heutigen Waffensystemen ist es irrelevant, ob das menschliche Krebsgeschwür durch physikalische, biologische oder chemische Wirkweisen
    seinen Wirt und am Ende sich selbst zerstört.
    Ähnliche Sichtweisen liessen sich für Finanzsysteme erörtern.
    LG, stonefights

  3. EuroTanic sagt:

    Ein (Kredit)Vertrag muss auf Leistung und Gegenleistung beruhen. Wenn aber Geld aus dem Nichts erfunden wird, der Kreditnehmer aber mit Sicherheiten und zukünftiger Arbeitsleistung haftet ist das in meinen Augen ein Betrug. Das Kreditgeschäft ist damit in meinen Augen Nichtig. Somit ALLE. Denn aus Unrecht kann kein Recht entstehen.

    • bluestar sagt:

      @EuroTanic
      „Denn aus Unrecht kann kein Recht entstehen“
      Philosophisch gesehen bin ich bei Ihnen. Allerdings ist dies eine Bewertung aus moralischer Sicht. Praktisch ist Recht aber nichts anderes als ein Machtinstrument zur
      Durchsetzung von Interessen und zur Erhaltung des herrschenden Systems.
      Der sogenannte Rechtsstaat ist ein allseits verbreitetes und geglaubtes Märchen, denn es suggeriert eine über allen Individuen stehende Neutralität und Gerechtigkeit.
      Und: Wenn Sie das geltende Recht missachten, folgen in der Regel Sanktionen.
      Wenn der Staat jedoch selbst Recht beugt ( Maastrich-Verträge, ESM usw. ), passiert nichts, außer dass diese Politiker wieder gewählt werden.

  4. samy sagt:

    Ach, wunderschön. Gerne mehr. Diese ganzen unbeleuchteten Themen kommen mir oft wie gekonnt geschliffene Diamanten vor. Einige kleine Bewegungen des Steins zwischen Zeigefingen und Daumen und unbekannte Facetten fallen in das Auge des Betrachter.

  5. MARKT sagt:

    Vielen Dank für die Sichtweise und die Erläuterungen.

    die Aussage „Der aktuell gewaltige Inflationsdruck im Aktienmarkt würde sich (schockartig?) in andere Bereiche entladen“, kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen.
    Wer wird die Kredite und Rohstoffe dann unmittelbar nachfragen, wenn die Veranstaltung am Aktienmarkt eine nahezu „geschlossene Veranstaltung der Banken“ ist (diese Einschätzung teile ich explizit)?

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