Clowns haben wir genug – wo sind die Helden?

15. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Die EU macht sich lächerlich. Man zankt sich mit einem der kleineren Mitglieder um Details wie Rentenkürzungen, die Wege zur Erlangung eines Primärüberschusses, über dessen Höhe man sich mal sowieso nicht einigen kann … und mokiert sich nebenbei über Aussagen und Verhaltensweisen der jeweils anderen Seite, gönnt sich also zudem den Luxus, beleidigt zu sein. Wochenlang. Monatelang. Eigentlich läuft zwar die Zeit ab … das Eurogruppen-Finanzministertreffen am Donnerstag gilt als allerletzte Chance … aber Zwist kennt keine Zeit.

Nun ist es grundsätzlich durchaus wichtig, dass Griechenland wieder auf die Schiene kommt. Aber man kann langsam sicher sein, dass das auf absehbare Zeit nicht passiert, weil man seitens der Entscheider den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht und die Struktur der EU letztlich Platz für reichlich Clowns, nicht aber für Helden bietet. Nun ist es zwar wahr, dass eine retrospektive Nabelschau herzlich wenig daran ändert, dass der Karren bis über die Radnabe im Dreck steckt. Aber wenn man sich die Geschichte dieses Griechenland-Problems in Erinnerung ruft, ahnt man: Eigentlich kann es nur eine Lösung geben, wenn irgendwer aus dem momentanen Klein-Klein ausschert, mit der Faust auf den Tisch haut und erklärt: So wird’s jetzt gemacht, basta. Und genau das verhindert die Struktur der EU.

Jeder, der es hatte wissen wollen, wusste damals, als Griechenland vor gut zehn Jahren in die Eurozone aufgenommen wurde, dass die Zahlen falsch waren. Aber man wollte einen großen Währungsraum und dachte allgemein, dass man das kleine Land problemlos würde mitziehen können. Wenn die erstmal den Euro haben, läuft’s von alleine besser. Wir sehen: Es lief nicht. Die „Passt scho“-Politik von damals ist gescheitert.

Und da man zutiefst unvorbereitet war, als diese politischen Klopse 2010 parallel zu den gezielten Attacken gegen die Eurozone-Anleihemärkte in die Öffentlichkeit gelangten, reagierte man auch zutiefst wirr. Sparen gegen Defizite, klar, das klingt irgendwie logisch. Aber wenn man so planlos an Wirtschaftsstrukturen herangeht, die über Jahrzehnte gewachsen sind und so sehr anders sind als die der „Nord-Schiene“, würgt man halt die Konjunktur ab. Und das führt zu einem Defizit in den Staatseinnahmen, das die Effekte der Sparmaßnahmen übersteigt. Was nicht nur Griechenland betrifft. Die Arbeitslosenzahlen in Spanien oder Portugal sollten klar machen, dass man die Lage so sehr „verschlimmbessert“ hat, dass man glatt meinen könnte, das wäre mit Absicht passiert. Aus diesem Scherbenhaufen ist nichts zu kitten. Die Verhandlungen drehen sich seit Wochen im Kreis – aber um Aspekte, die das eigentliche Problem nicht betreffen. Ich frage mich:

Was ist das für eine „Solidargemeinschaft“, in der man einem Mitglied seitens der anderen vorschreibt, wie es seine Probleme lösen soll, obwohl die Griechen sich mit sich selbst doch am besten auskennen sollten? Ist Bevormundung ein Zeichen der Solidarität?

Wieso vertraut man einem Eurozone-Mitglied nicht, indem man ihm Kredit gewährt und nach eigenem Ermessen tun lässt, was zu tun ist? Weil man dort mit Geld nicht umgehen kann? Wenn dem so wäre, warum hat man Griechenland überhaupt in die Eurozone aufgenommen? Schließlich kannte man das dortige System auch schon vorher. Und kann die EU denn mit Geld umgehen? Wenn hier über Jahre Billionen verblasen werden, ohne einen Effekt zu erzielen … ist das ernstlich besser als das, was Griechenland tut? Dabei sei die EZB mal ausgeklammert, denn das ist noch mal ein ganz anderes Problem.

Wieso spart man eigentlich so erfolgreich die Basis der meisten Probleme aus, nämlich die Einnahmeseite in Bezug auf Steuern? Das, was man an Steuerlöchern auch nur erahnt, würde, bekäme man es von den Reichen in Griechenland eingetrieben, das Gros der Probleme lösen. Würde man die Inspektoren, die das Land jahrelang heimgesucht haben, mit den nötigen Befugnissen auf die Steuersünder loslassen, da würde richtig was los sein. Aber es scheint, dass man ausgerechnet dort nicht gerade viel Energie aufwendet. Man kann sich fragen weshalb. Man kann es sich indes auch denken.

Was sagt uns diese Posse denn in Bezug auf die EU an sich? Es zeigt, dass sie nichts anderes ist als ein riesiger Entscheider-Matsch. Viele Köche, unklare Rezeptur … Mahlzeit. Das mit der Faust auf dem Tisch kann somit nicht funktionieren … zu viele können und müssen da zu allem und jedem Nicken. Alleine durch Griechenland wird das deutlich. Selbst wenn man nun wieder mal in allerletzter Minute (wobei man die allerletzte Minute nicht einmal klar bestimmen kann, denn man könnte die laufenden Zahlungen ja auf einem Weg verlängern, der außerhalb der normalen Zustimmungsprozesse läge) einen faulen Kompromiss schließt wie schon zu Jahresbeginn, könnte dieser in den zahlreichen Parlamenten noch scheitern, die ebenso ihr Plazet geben müssten.



Die Idee einer Eurozone, eines Europa von Freunden, die mit einer gemeinsamen Währung nur Vorteile erreichen und gegen den Rest der Welt wirtschaftlich gestärkt agieren, war gut. Aber jetzt sehen wir eben, dass die Mahner im Vorfeld der Euro-Einführung recht hatten: Die Sache war nie zu Ende gedacht worden. Die Eurozone ist nicht schussfest. Und jetzt steht sie unter Beschuss.

Das fatale ist, dass, wie am Wochenende der Chef des Henkel-Konzerns Rorsted zutreffend sagte, das ganze letztlich erfolglose Theater um Griechenland die Ressourcen fast der gesamten EU bindet. Monatelang dreht man sich im Kreis, während andere, womöglich ebenso dringende Probleme liegen bleiben … und die Eurozone von außen unter Beschuss gerät, dem sie nicht das Geringste entgegenzusetzen hat!

Beim G7-Gipfel wurde mal wieder gelächelt, dass dem Betrachter das Gesicht einfror. Aber hinter den Kulissen ist man sich, wenn es um die verbleibenden Stücke des schrumpfenden Kuchens am weltweiten Wirtschaftswachstum geht, keineswegs so gut Freund. Irgendwer muss es ja sein, der da gezielt bei den Eurozone-Bondmärkten auf fallende Kurse, sprich steigende Zinsen spekuliert. Irgendwer muss es ja sein, der die weiterhin auch charttechnisch kurz vor der Vollendung stehende Euro-Wende in die für Europa falsche Richtung betreibt. Und wenn die EZB versucht, die Wogen zu glätten, indem sie angesichts der steigenden Zinsen von einem Beleg der wirtschaftlichen Erstarkung spricht und diese kontraproduktiven Bewegungen wiederholt als „normale Volatilität“ bezeichnet (Clowns), zeigt das nur: Sie hat dem nichts entgegenzusetzen.

So kann man ein Konstrukt wie die Eurozone in eine Rezession treiben, aus der sie nicht mehr herauskommt. Womit auch und wie? Die Notenbank pfeift aus dem letzten Loch und geht schon jetzt Risiken ein, die mittel- und langfristig völlig unkalkulierbar sind. Da müsste dann die Politik ran. Als die Bundesbank noch die alte Entscheidungskompetenz hatte und die Bundesregierung alleine entschied, was zu tun war, wäre das ein lösbares Problem gewesen. Heute aber haben wir eine derartig matschige, unflexible Struktur in der EU, dass man nie und nimmer zeitgerecht Entscheidungen treffen könnte, die dann auch noch die richtigen wären. Das soll nicht heißen, dass ich die Eurozone an sich als schlecht ansehe. Aber so, wie sie ist, ist sie es. Weil sie nie fertig gebaut wurde.

Man wollte ganz schnell ganz viel. Und solange genug für alle da war, was die Vorteile des Wachstums der Emerging Markets angeht, war auch alles prima. Jetzt indes stellt Europa fest, dass der Rest der Welt immer das schwächste Glied aufs Korn nimmt, wenn es darum geht, lästige Konkurrenten zu schwächen, um sich selbst zu stabilisieren. Hätte man sich denken können. Hat man womöglich auch, es aber, typisch Mensch, verdrängt.

Was würde denn passieren, wenn die Attacken gegen die Eurozone anhalten? Das Wachstum wäre schneller futsch als die perma-optimistischen Experten „hoppla“ sagen könnten. Die Politik könnte nicht reagieren, weil sie sich der Risiken offenbar selbst jetzt nicht bewusst wird. Die Banken gerieten mal wieder unter Druck, weil die gehebelten Verluste am Anleihemarkt blitzschnell massive Schieflagen erzeugen können. Und die EZB zuckt mit den Schultern, denn noch mehr Geld aus dem Nichts kann da nicht abschrecken. Zumal es mich nicht wundern würde, wenn da einige Notenbanker mit Blick auf die Erfahrungen der letzten Jahre mit dem politischen Brei der EU den Bettel hinschmeißen uns sagen würden: „Macht euren Mist doch ab sofort alleine!“

Tja. So ein „Held“, der vorangehen, unkonventionell denken und agieren würde, indem er schnell und gnadenlos von der EU abschneidet, was zu faulen beginnt und endlich den Weg auch in eine Rechts- und Fiskalunion beginnen würde, wäre da schon praktisch. Aber genau das verhindert die Struktur unserer EU. Sie ist ein Debattierclub, sie bleibt ein Debattierclub … und damit bleibt sie auch wehrlos, wenn das Donnerwetter vergangener Versäumnisse auf sie niedergeht. Das ist schlecht. Aber auch die Realität. Was manchen in Kürze daran erinnern könnte: Realität ist nicht das, was man wahrnehmen will, sondern das, was ist. Und das ist eben nicht immer so rosarot, wie man es gerne hätte.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de


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9 Kommentare auf "Clowns haben wir genug – wo sind die Helden?"

  1. FDominicus sagt:

    Ein paar hatten sich am Wochende versammelt 😉

  2. Insasse sagt:

    „Tja. So ein „Held“, der vorangehen, unkonventionell denken und agieren würde, indem er schnell und gnadenlos von der EU abschneidet, was zu faulen beginnt und endlich den Weg auch in eine Rechts- und Fiskalunion beginnen würde, wäre da schon praktisch.“

    Sehr geehrter Herr Gehrt, wie kommen Sie denn auf diesen – aus meiner Sicht abwegigen – Gedanken? Zeigt die derzeitige EU nicht mit offenem Visir, wie sie es mit der Rechtsstaatlichkeit hält (willkürliche Nichteinhaltung der eigenen Verträge) und wie sie fremdes Steuergeld ohne Sinn und Verstand umverteilt (in die Taschen der Groß- und Finanzindustrie). Nein, diese EU muss nicht verfestigt sondern beseitigt werden. Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls heftig, dass dieses eher diktatorisch anmutende, undemokratischen Schönwetter-Staatenbündnis, dass sich völlig unlegitimiert bereits jetzt wie ein Bundesstaat geriert, so schnell wie möglich zerfällt und von der Bildfläche verschwindet. Der Vor-EU-Zustand war völlig ausreichend, um gemeinsame Ziele der europäischen Staaten zu befördern. Dahin muss es wieder zurückgehen. Nicht jeder Fortschritt ist einer im Sinne von Verbesserung. Die EU ist hierfür das beste Beispiel.

    • meinereiner sagt:

      Nein, „ausreichend“ wäre ja nur eine vier.
      Ich fand den Zustand in den 90ern eher „sehr gut“.
      Der antidemokratische Moloch muss weg. Zumal sich der Status Quo über kurz oder lang nur noch mit Gewalt und Abschaffung der Demokratie halt lässt, will man nicht bei jeder Wahl in jedem Mitgliedsland erneut um das Konstrukt bangen.
      Ich fände auch Grenzkontrollen toll – da wo sie Sinn machen. Siehe die Fahndungsstatistik bei den Kontrollen im Zusammenhang mit dem Gipfel.

      • Insasse sagt:

        Ja, Grenzkontrollen gehören unbedingt wieder eingeführt und das Schengen-Abkommen gekündigt. Man muss sich ohnehin ernsthaft fragen, welche Flachpfeifen sich diesen Unfug ausgedacht haben. Ich lasse ja auch nicht die Haustüre offen stehen, damit ein jeder hereinkommt, den ich nicht kenne. Mit Schengen brauche ich die Haustür noch nicht einmal offen stehen zu lassen. Die grenzenlos hereinziehenden Fachkräfte für Eigentumsübertragung öffnen diese bei Bedarf auch gerne selbst.

        Es hat auch überhaupt nichts mit Freiheit zu tun, sich Landesgrenzen einerseits selbst zu überlassen, dadurch Kriminalität von extern zu importieren (was unbestritten in sehr erheblichen Maße der Fall ist), aber andererseits die inländische Bevölkerung zum gläsernen, totalüberwachten Bürger zu machen und damit unter Generalverdacht zu stellen. Eine solche Politik kann man einfach nur als Verrat am eigenen Wahlvolk bezeichnen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber was soll man von den neuen sozialistischen Einheitsparteien Deutschlands auch anderes erwarten? Eben: nichts!

  3. bluestar sagt:

    „Tja. So ein „Held“, der vorangehen, unkonventionell denken und agieren würde, indem er schnell und gnadenlos von der EU abschneidet, was zu faulen beginnt und endlich den Weg auch in eine Rechts- und Fiskalunion beginnen würde, wäre da schon praktisch.“
    Ein Held mit klarem Denken, unabhängigem Handeln und moralischem Anspruch in Bezug auf in dieser von Plutokraten installierten Zwangsunion lebenden Menschen würde dieses diktatorische Gebilde zerschlagen und für ein freies, friedliches, demokratisches Europa der souveränen Völker kämpfen.
    Die undemokratische EU samt Euro sind ein geschaffenes Gebilde zur Unterdrückung und Ausplünderung aller rechtschaffenden Menschen durch Multis, Finanzoligarchie und Staatsbürokratie sowie zur Gleichschaltung der Länder auf US-NATO-Befehlsstrukturen.

  4. bobo sagt:

    Da wird wohl Kommision und EU-Parlament verwechselt. Das Parlament ist der Debattierclub, deswegen hat es auch keinerlei Kompetenzen. Den gewünschten Held gibt es schon, sogar mehrere davon in der Kommision. Diese Helden brauchen aber nicht auf den Tisch hauen. Was Sie sagen muß dann sowieso gemacht werden. Nur sind die Interessen dieser Helden im Sinne der Großkonzerne und konträr zum Willen der europäischen Völker. Sie helfen den Superreichen ihre nicht allzu sauer verdienten Milliarden zu vermehren und die Kontrolle zu übernehmen. Den gewünschten großen Held wird es auch bald geben. Man nent so jemanden übrigends Diktator.

    Ein Clown wie die Italiener einen haben kann man sich hier nur wünschen..

  5. Traumschau sagt:

    Hallo, habt ihr diese Analyse der griechischen Krise in einem Gastbeitrag bei Norbert Häring schon gelesen? Sehr interessant und aufschlussreich, weil dieser erklärt, dass die derzeitige Analyse fast aller Akteure falsch ist:

    http://norberthaering.de/de/27-german/news/400-bernegger#weiterlesen

    Ich bitte euch um die Weiterverbreitung dieses links.

    LG Traumschau

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