Chinas Nachholeffekt

17. März 2014 | Kategorie: Gäste

von Robert Rethfeld

„Aber wir haben zu wenig Wachstum – das könnte man allerdings schnell korrigieren, wenn man wirtschaftspolitisch richtig handelt. China hat dies vorgemacht.“ (Ökonom Kurt Schiltknecht in NZZ Folio „Banker“, Seite 52)…

In derartigen Aussagen liegt ein grundsätzliches, leider immer wieder anzutreffendes Missverständnis der historischen Entwicklung Europas und Chinas vor. Der Glaube, man müsse nur auf den richtigen Knopf drücken und schon explodiert das Wirtschaftswachstum, führt ins Nichts. Denn wenn es so einfach wäre, hätten das wohl schon alle Gesellschaften getan.

Etwas anderes ist richtig: China holt in gewaltigen Schritten das nach, was unter normalen Umständen schon längst hätte geschehen müssen. Die These vom chinesischen Wirtschaftswachstum als „Nachholeffekt“ lässt sich durch eine ganze Reihe von Argumenten begründen. China ist Teil der gemäßigten Klimazone.


Historisch hat sich die Wirtschaft unter zwei Voraussetzungen besonders gut entwickelt: Die Lage in der gemäßigten Klimazone und der freie Zugang zum Meer. In dieser Zone befinden sich die USA, Europa und auch China. China verfügt – beispielsweise im Gegensatz zu Russland – über große Anzahl von Hafenstädten. China war über Jahrtausende eine der führenden Handelsnationen, wurde aber zwischenzeitlich vom Westen und von Japan überrollt. Erst nach dem zweiten Weltkrieg stabilisierte sich das Land. Allerdings behinderte der Kommunismus die wirtschaftliche Entwicklung. Japan mauserte sich zur führenden Wirtschaftsnation, auch die Tigerstaaten zogen an China vorbei. Umso heftiger setzte die wirtschaftliche Nachholbewegung nach dem Tod Maos ein. Seit den 1980er Jahren ging es mit großen Sprüngen aufwärts.

China hat den Status der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt erreicht. Angesichts der gemäßigt klimatischen Lage des Landes, seines Zugangs zum Meer, seiner Größe und seiner Vergangenheit hat China nicht mehr getan, als einen Teil des vorhandenen Potentials auszuschöpfen.

Das Bevölkerungswachstum Chinas – aktuell zählt das Land 1,35 Mrd. Einwohner – befindet sich am Beginn einer Stagnationsphase.

 

 

Gemäß UN-Projektionen dürfte die Einwohnerzahl in den kommenden 10 Jahren noch zunehmen. Bei einer Bevölkerungszahl von knapp 1,4 Mrd. wird ein Plateau erreicht. Dann wachsen die Städte nur noch, wenn sich der Anteil der städtischen Bevölkerung erhöht.

Gemessen an der Bevölkerungszahl ist die Anzahl der PKWs in China im Vergleich zu den Industrieländern noch gering (85 pro 1.000 Einwohner). Zum Vergleich: In Deutschland existieren 570 Autos pro 1.000 Personen. Dennoch sind die chinesischen Einfallstraßen stärker verstopft als hiesige Autobahnen. Vom Smog ganz zu schweigen. China erlebt typische Begleiterscheinungen eines explosionsartigen Wachstums.

Die Frage des Energiemixes stellt sich angesichts der Smog-Problematik immer dringender. In Deutschland wurde im Januar 1985 wurde zuletzt ein großer Smog-Alarm ausgelöst. Eine Inversionswetterlage hielt die Abgase im Ruhrgebiet wie unter einer Käseglocke gefangen. Die NRW-Landesregierung sprach Fahrverbote aus. (Link)

Die Ausrüstung der Kohlekraftwerke mit Entschwefelungsanlagen und die Ausstattung der Autos mit Katalysatoren verringerten den Schwefelgehalt in der Luft. Im Vergleich zu 1985 liegt der Schwefelgehalt in deutschen Industriegebieten heute um den Faktor zehn niedriger… (Seite 2)


 

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