China und das Gold (Manfred Gburek)

2. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Welche Bedeutung haben die chinesischen Goldreserven, die das Land seit 2003 offiziellen Angaben zufolge von etwa 600 auf zuletzt 1054 Tonnen aufgestockt hat? Eine sehr große Bedeutung, aber nur, wenn man sie im Zusammenhang mit anderen Fakten interpretiert. Insofern ist der Rückgang des Goldpreises nach der Ankündigung ohne besonderen Belang….

Chinas Goldreserven betragen jetzt gerade mal gut 1,5% der gesamten Währungsreserven des Landes, von denen der überwiegende Teil in US-Dollar angelegt ist. Sogar wenn ein Teil des vom Internationalen Währungsfonds gehaltenen Goldes – zur Diskussion stehen 403 Tonnen -außerhalb des freien Goldmarktes nach China kommt, ist das immer noch wenig im Vergleich zu den Goldbeständen der USA, Deutschlands, Frankreichs usw.

Aber warum haben die chinesischen Goldreserven dann eine sehr große Bedeutung? Ich bin immer wieder froh, solchen Fragen als freier Journalist nachgehen zu können, ohne mich verbiegen lassen zu müssen. Dabei stieß ich am 27. April auf eine Veranstaltung von Feri Euro Rating in Frankfurt, einem renommierten Bad Homburger Researchhaus. Hauptredner war dort Rainer Rau, ein Feri-Gründungsmitglied und offiziell 2005 aus dem aktiven Geschäft ausgestiegenes rheinisches Urgestein mit großen Erfahrungen bei der Interpretation von Konjunkturzyklen. Rau ließ keinen Zweifel daran, welches Land siegreich aus der jetzigen Krise hervorgehen wird: China. Seine Begründungen sind durchaus plausibel: China folgt dem Kapitalismus. China wird die Weltwirtschaft maßgebend stützen. Die Krise, die in den USA ihren Ausgang nahm, trifft China am wenigsten. Europa und Japan werden die große Rechnung bezahlen (und nicht etwa die USA). Die chinesische Wirtschaft wird 2011 schon wieder um 8 bis 9% wachsen. Das Land wird seine Währung aufwerten; es wird sich um eine Aufwertung der Stärke handeln. Dagegen müssen Indien und Russland abwerten. Auch die eine oder andere Episode am Rande spricht für China: Z.B. hat Porsche sein neues Modell Panamera der Welt von Shanghai aus vorgestellt. Und schließlich: Wenn man den chinesischen Markt mit berücksichtigt, hat die Autoindustrie keine Überkapazitäten.

Ohne Sprit kein Autoverkehr, mit Sprit umso mehr. Insofern ist der Rückgang des Ölpreises 2008/09 für Rau „eine enorme Freisetzung an realer Kaufkraft“ und der Rückgang der Rohstoffpreise insgesamt „das größte Konjunkturprogramm“. Obwohl steigende Rohstoffpreise „fast eins zu eins in die Inflationsraten eingehen“, rechnet Rau bis auf Weiteres nicht mit einer größeren Inflation. Begründung: „In einer globalen Welt ist die Inflation kostenbestimmt“. Für Kostenerhöhungen gibt es also offenbar keinen Anlass. Und wie steht es um die Gefahr der Deflation? „Das ist die wirkliche Gefahr, die der Welt droht“, sagt Rau. Klar, wenn die meisten Menschen glauben, Güter und Dienstleistungen in Zukunft preiswerter einkaufen zu können als heute, warten sie einfach ab, bis die Preise das gewünschte niedrige Niveau erreicht haben.

Werden sie es erreichen? Nein, denn alle Regierungen und Zentralbanken der Welt werden es – mit zum Teil drastischen Methoden – zu verhindern wissen. Und so kommt es, dass im Vorgriff darauf die Rohstoffindizes wieder langsam zu steigen beginnen, dass sich vor allem auch der zwischenzeitlich gedrittelte Ölpreis zu erholen beginnt – und dass die chinesische Börse in Shanghai seit Oktober schon beachtlich im Plus liegt. Das scheint mit dem Goldpreis und mit der offiziellen Währungspolitik Chinas zunächst wenig zu tun zu haben. Dennoch sind diese Ereignisse miteinander verknüpft: Legt China, wie zu erwarten, konjunkturell vor, wird das Land den neu geschaffenen Reichtum nicht wieder verspielen, indem es weiter primär Dollarreserven anlegt. Es wird sich indes kaum abrupt vom Dollar verabschieden können, ohne dessen Wert (und damit den eigenen Reichtum) zu zerstören, sondern nur schrittweise und vor allem diskret vorgehen. Von daher ist jede nicht veröffentlichte Meldung über die chinesischen Goldvorräte positiv zu beurteilen: Je weniger Sie darüber aus den Medien erfahren, desto sicherer können Sie sein, dass China Gold hortet.

Was bedeutet das nun für die aktuelle Preisentwicklung des Edelmetalls? Zunächst gar nichts, was sich ja in dem seit einigen Monaten richtungslosen Pendeln des Preises bemerkbar macht. Doch wie ich Ihnen früher schon einmal geschrieben habe: Je länger diese Phase anhält, desto explosiver wird der anschließende Preisanstieg sein. Resümieren wir: Gegen einen Goldpreisanstieg spricht zurzeit fast nichts, aufgrund der Erfahrungen zu Beginn der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts offenbar nicht einmal die Deflation. Für den Anstieg spricht zwar, dass die Chinesen – und andere – sich weiter mit Gold eindecken werden, ihre Absicht aber nicht schon vorher verkünden. Allein von daher wird verständlich, warum der Goldpreis hin und her pendelt. Sehen Sie das als sehr positives Signal, vorausgesetzt, Sie haben noch ein Jahr oder zwei Jahre Geduld.

Nun noch einige herzerfrischende Sprüche von Urgestein Rau zu anderen Themen. Etwa zu unserer Marktwirtschaft: „Sie wird einige Federn lassen.“ Zur Zinserhöhung der EZB-Banker im vergangenen Sommer: „Da stellt sich die Frage, ob sie damals oder noch heute alle Tassen im Schrank haben.“ Zur Kurzarbeit bei Opel, um Beschäftigte zu halten: „Ein Wahnsinn.“ Zur Kurzarbeit: „Je länger die Flaute anhält, desto schädlicher ist Kurzarbeit.“ Zur Zahl der kommenden Arbeitslosen in Deutschland: „4,5 Millionen und mehr.“ Zum Steuerfachmann Kirchhof: „Das war ein honoriger Mann, bevor er sich mit Frau Merkel eingelassen hat.“ Zu Kanzlerin Merkel: „Die denkt nicht darüber nach, wie Deutschland aus der Krise kommt, sondern wie sie gewählt wird.“ Und zu ihrem Finanzminister Steinbrück: „Das ist ein Opportunist, wie es schlimmer nicht geht. Viel, was Merkel sagt, kommt von ihm.“ Ich finde, bei so wenigen fundierten freien Meinungsäußerungen, wie es sie in Deutschland mittlerweile gibt, sollte man solche Aussagen durchaus ernst nehmen, auch wenn sie nicht unbedingt der eigenen Meinung entsprechen. Audiatur et altera pars.

Manfred Gburek, 1. Mai 2009

Quelle: Homepage Manfred Gburek


 

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